Innere Stille im Rauschen

9. Juli 2013, 17:39
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"Double Blind" heißt die Installation Robert Irwins für den Hauptraum der Secession. Ein simpler, aber wirkungsvoller, für Harmonie sorgender Eingriff des US-Künstlers

Wien - Wie war das noch gleich mit dem Goldenen Schnitt? Durchmisst man die Secession, durchschreitet die neun eingestellten Lichträume - mit weißer und grauer Gaze bespannte Parzellen - taucht man ein in ein geometrisches Raster aus Horizontalen und Senkrechten. Eine harmonische Komposition aus lichten, halbtransparenten Flächen, die ein Gefühl von Perfektion und Harmonie verbreiten; eine Atmosphäre von Stille und Andacht, obwohl durch die offene Türe nicht nur das Grün des Gartens hereinleuchtet, sondern auch das Rauschen des Verkehrs eindringt. Der Raum verwandelt selbst dies zu einem beruhigenden Wasserplätschern.

Irgendwie wird man in der Rauminstallation des 85-jährigen Kaliforniers Robert Irwin den Gedanken an Vitruvs Proportionslehre nicht los. Mit jedem Schritt, jedem Kopfdrehen überlagern sich andere Flächen, entstehen neue Nuancen von Grau, erinnern an eine ins Dreidimensionale gestülpte Mondrian'sche Komposition. Je drei Räume bilden rechteckige Volumen, dazwischen Gänge: eine Komposition, dem Rhythmus einer dreischiffigen Kirche und damit der Grundstruktur der Secession nicht unähnlich.

Tatsächlich springt das Auge, das Kantenlänge um Kantenlänge abtastet und vergleicht, auf Olbrichs Architektur über. Man staunt, wie die sonst unbeachtete, rechteckige Struktur des Bodens perfekt in diesem räumlichen Eingriff aufgeht. Das ist das Besondere von Irwins oft mit abstrakten Gemälden von Josef Albers oder Barnet Newman spielenden Installationen: Sie sind vom Charakter des Entstehungsorts bestimmt. "Site-conditioned" nennt er das.

Schon einmal hat Irwin, 1998 im New Yorker Dia Center for the Arts, mit gazebespannten Rahmen Räume in den sogenannten White Cube gebracht. Während jedoch 2013 das Oberlicht gleichmäßige Helligkeit schafft, sorgte damals unterschiedlich einfallendes Tageslicht für Schattierungen. Auch die offene Türe korrespondiert mit einem Motiv aus einer anderen Schau: 2012 schnitt er Quadrate in die Fenster der Pace Gallery in New York, um Geräusche und Gerüche hereinzulassen.

Irwin spielt mit Nuancen der Wahrnehmung: "Man denkt nicht, ob etwas Kunst ist oder nicht. Es geht nur darum, was man sieht oder nicht sieht" , sagte der Künstler 2012 in einem Interview. Seine Künstlerlaufbahn begann in den 1950er-Jahren mit abstrakt-expressionistischer Malerei.

Zweifel am Tafelbild

Aber Irwin zweifelte schon bald am Tafelbild und der Limitierung der Leinwand. Er sprengte deren Rahmen, entdeckte den Raum. Als Pionier des Light-and-Space-Movements der 1960er-Jahre - zu dem auch James Turrell und Dough Wheeler zählen - begann Irwin mit Plexiglas, lichtdurchlässigen Textilien, reflektierenden Oberflächen und Leuchtstoffröhren zu experimentieren. Die Erscheinung des Raums und dessen Erfahrung wurden interessant. Nicht nur in Wien ist das derzeit zu erleben. Das New Yorker Whitney Museum reinstalliert eine Arbeit des hierzulande wenig bekannten Künstlers aus dem Jahr 1977. Pace London zeigt zwei neue Werke. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 10.7.2013)

London bis 17.8. Wien / New York, bis 1.9.

  • Der Mensch als Schattenwert: Besucher in der Rauminstallation von Robert Irwin.
    foto: philipp scholz rittermann

    Der Mensch als Schattenwert: Besucher in der Rauminstallation von Robert Irwin.

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