Wer durch die Linse blickt, der sieht das Unrecht schärfer

    9. Juli 2013, 18:08
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    Walter Benjamins "Kunstwerk"-Aufsatz (1935)

    Man muss mit Walter Benjamin (1892–1940) einige Grundannahmen teilen, um auf den Geschmack von Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zu kommen. Der sperrige Titel des Aufsatzes bezeichnet Veränderungen ungeahnten Ausmaßes. Die Neuordnung der Anschauungsverhältnisse ist technischer Natur. Während Benjamin im französischen Exil saß und in der Zeitschrift für Sozialforschung publizierte, bemächtigten sich die Nazis in Deutschland der Künste.

    Die Verfügungsgewalt über Kino und Radio war den Faschisten ein zentrales Anliegen. In der Gleichschaltung der Medien äußert sich ei­ne Technikbegeisterung, die zu keinem Zeitpunkt naiv war. Die Unterwerfung der Apparate unter die Herrschaftsgewalt der Nazis ermöglichte die Abbildung der Massen als Ornament. Die Umwidmung der Lichtspielhäuser in Propagandamaschinen stand am Anfang von Benjamins folgenreichen Überlegungen.

    Massen sind das soziale Vehikel der Moderne. Ihnen zuliebe existiert eine Unterhaltungsindustrie, die mit künstlerischen Mitteln arbeitet. Oft genug enthält sie ihren Produkten die Würde des Kunstwerks vor. Ihre Logik gehorcht Verwertungsinteressen. Benjamin will sich mit dieser doppelten Düpierung der Künste durch Kommerz und Faschismus unter gar keinen Umständen abfinden. Er erklärt die "neue" Kunst des Kinos ganz einfach für klüger als diejenigen, die von ihr einen schädlichen Gebrauch machen.

    Die "Veränderung der Produktionsbedingungen auf allen Kulturgebieten" ist ein sich während Jahrtausenden entfaltender Prozess. War das Kunstwerk ursprünglich ein magischer Kultgegenstand, so zehrt auch das "autonome" Kunstwerk von der Würde der Sa­kralität.

    Früher waren künstlerische Erzeugnisse an ihr jeweiliges Hier und Jetzt gebunden. Die Verankerung in Tradition und Kontext verbürgte ihren Status als Original. Mit Aufkommen der Vervielfältigungstechniken riss man das Kunstwerk aus seinem Zusammenhang. Früher eignete Kunstwerken, aber auch Naturgegenständen eine Aura: die "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag." Heute lässt sich das Kunstwerk bequem verpflanzen. Besser noch: Versenkte sich der klassische Genießer früher exklusiv in die Betrachtung eines Kunstwerks, so setzt man dieses heute den Massen vor die Nase.

    Benjamins kühner Kniff besteht in der Frucht­barmachung einer Analogie. Dem mo­dernen Kinopublikum wird die Il­lusion des schönen Scheins ausgetrieben. Die Sachverhalte jeder beliebigen Filmhandlung sind Produkte der Apparatur, die sie aufzeichnen und ins Bild setzen. Der hohe technische Verarbeitungsgrad ist nicht nur Aufweis von Raffinesse. Er geht unmittelbar in die menschliche Wahrnehmung über. Indem der Kinobesucher die Welt durch das Kameraauge erblickt, passen sich seine Fähigkeiten der technischen Organisationsdichte an.

    In diesem Sachverhalt hat Benjamin den Vorschein von Emanzipation erblickt. Wer herzhaft über Chaplin lacht, weil der einen Schuh verspeist, der ist auch reif für die Überwindung des Kapitalismus.

    Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 10.7.2013)

    Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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