"Im Kern sind wir eine Bürgerinitiative"

Interview9. Juli 2013, 17:14
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Hans-Peter Metzler, seit 2012 Präsident der Bregenzer Festspiele, über die DNA des Präsidiums und die Ehe mit den Wiener Symphonikern

STANDARD: Wären Sie nicht Präsident, sondern zahlendes Festspielpublikum: Wie sähe Ihre vorläufige Bilanz der Ära Pountney aus?

Hans-Peter Metzler: Die erste Hälfte des Weges habe ich ihn noch als interessierter Besucher erlebt, schon bei seinen Inszenierungen auf der Seebühne vor der Zeit seiner Intendanz. David Pountney hat das, was von seinem Vorgänger Alfred Wopmann als "Bregenzer Dramaturgie" definiert wurde, weitergeführt und verfeinert: Weil er die Situation auf der Bühne bestens gekannt hat, konnte er eine Präzisierung vornehmen und die große Architekturoper mit dominanten Bühnenbildern weiter perfektionieren. Noch deutlicher wurde seine Handschrift im Haus mit den Opernraritäten und Uraufführungen. Er hat gezeigt, dass ein Festival nicht nur daraus besteht, große Namen zu präsentieren, dass es Neues schaffen und seine Identität ständig schärfen muss.

STANDARD: Da sich die Festspiele mit dem Spiel auf dem See selbst quersubventionieren und sich so das übrige Programm leisten, ist das Budget nicht ganz leicht in Balance zu halten. Wie ist denn nun die wirtschaftliche Situation?

Metzler: Wir sind in der Außensicht in einer sehr stabilen Situation, wie die Bewerbungsgespräche für die neue Intendanz gezeigt haben. Dass wir einen untypisch hohen Anteil an Einnahmen durch den Kartenverkauf haben, ist kein Nachteil, weil die Besucher ein relativ stabiler Faktor sind - im Gegensatz zu den Subventionen, die seit 16 Jahren praktisch nicht mehr angepasst worden sind. Damit machen sie jetzt rund zehn Prozent des Programmbudgets aus. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, denselben Anteil von Sponsoren zu erhalten, und sind auf einem guten Weg dorthin.

STANDARD: Welchen Spielraum gibt es da für die designierte Intendantin Elisabeth Sobotka?

Metzler: Wir haben Frau Sobotka einstimmig bestellt - in der Gewissheit, dass sie die Idee des Festivals erfasst hat und weiterentwickeln wird. Sie beginnt ja erst 2015, aber natürlich hat sie einige Ideen genannt. Ihr Schwerpunkt ist sicher bei der Musik, und vielleicht wird in Bregenz eine Opernakademie entstehen. Für das Festspielhaus braucht man Hirnschmalz, und das hat sie!

STANDARD: Inwieweit gibt es eine Mitsprache des Präsidiums bei der programmatischen Ausrichtung?

Metzler: Da bin ich ganz klar und strikt: Als Präsident fühle ich mich wie ein Aufsichtsratsvorsitzender und möchte mich nicht ins operative Geschäft einmischen. Ich habe oft genug Firmen erlebt, wo der Vorstand vom Aufsichtsrat "overruled" wurde - das führt ins Desaster. Natürlich muss man die Strategie auch inhaltlich abstimmen - es soll etwa auf dem See keine Operette geben. Die künstlerische Leitung wird vom Präsidium bestimmt. Aber dann bekommt sie ganz großes Vertrauen. Beim Verein der Festspielfreunde habe ich in die Statuten geschrieben, dass die Intendanz frei und unabhängig agieren muss. Im Kern sind wir eine Bürgerinitiative ...

STANDARD: ... die allerdings seit der Gründung 1946 ziemlich gewachsen ist. Wie hat sich ihre Rolle seither verändert?

Metzler: Ich glaube eigentlich, dass wir der Gründungsphase wieder sehr nahe sind. Damals gab es Elemente, die wir heute wieder finden: die enge Verbindung zu einem großen Orchester, der Qualitätsanspruch, die Unabhängigkeit; dass man sich selbst finanziert und die Menschen sich engagieren - bis zur ehrenamtlichen Tätigkeit des Präsidiums. Da gibt es ja andere Beispiele, gegen die ich nichts sagen möchte, aber das ist wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses, dass man eine Leidenschaft für dieses Festival hat. Das gehört bei uns fast zur DNA.

STANDARD: Ist die Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern bei den Opernaufführungen in Stein gemeißelt? Das Vorarlberger Landesorchester spielt einmal im Jahr Oper - außerhalb der Festspiele.

Metzler: Die Zusammenarbeit mit den Symphonikern ist eine fundamentale Partnerschaft. Wie in einer Ehe muss sie immer wieder neu gelebt werden. Man muss sich regelmäßig die Frage stellen, was man noch besser machen kann. Wir haben mit Johannes Neubert (Geschäftsführer der Symphoniker, Anm.) einen idealen Ansprechpartner. Aber natürlich spielt auch das Symphonieorchester Vorarlberg, das sich in den letzten Jahren erfreulich entwickelt hat, eine wichtige Rolle, vor allem bei Konzerten. Dass es auch andere Aufgaben übernehmen könnte, damit haben Sie natürlich recht.

STANDARD: Ihr Vorgänger Günter Rhomberg war in anderen Institutionen bestens vernetzt und besonders auf dem Wiener Parkett zu Hause. Wie ist das bei Ihnen?

Metzler: Rhomberg konnte natürlich auch auf 30 Jahre Erfahrung aufbauen. Ich beginne, nachdem ich ein Jahr im Amt bin, Schritt für Schritt, Kontakte zu knüpfen, bin etwa über Vermittlung von Wopmann im Kuratorium der Symphoniker. Mit den Salzburger Festspielen gibt es eine fantastische Gesprächsbasis, sowohl mit Präsidentin Helga Rabl-Stadler als auch mit der Vorsitzenden des Kuratoriums, Andrea Ecker. Und dass unter anderem KHM-Direktorin Sabine Haag bei uns im Vorstand mithilft, ist ebenfalls sehr wichtig. Aber ich komme ansonsten aus einem internationalen Umfeld, in dem man vor allem etwas Schönes gestalten will und wo man die eigene Person eher nüchtern betrachtet. (Daniel Ender, DER STANDARD, 10.7.2013)

Hans-Peter Metzler, geboren 1959 in Bregenz, studierte Mathematik und theoretische Physik und ist erfolgreicher Technologieunternehmer. 2002 wurde er Vorsitzender des Vereins der Freunde der Bregenzer Festspiele. Nach sechs Jahren als Vizepräsident ist er seit 2012 Präsident.

  • Will sich als Präsident nicht ins operative Bregenzer Festspielgeschäft einmischen: Hans-Peter Metzler.
    foto: anja köhler

    Will sich als Präsident nicht ins operative Bregenzer Festspielgeschäft einmischen: Hans-Peter Metzler.

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