Shuggie Otis: Kein bisschen Feuer in den Arkaden

9. Juli 2013, 17:20
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Der kultisch verehrte Soul- und Funk-Star gab ein Gastspiel beim Wiener Jazz Fest

Wien - Natürlich bestätigt Shuggie Otis im Normalfall jeden Genieverdacht. Der Mann spielt mehr Instrumente, als ein durchschnittlicher Kapellmeister überhaupt kennt. Das fiel ihm gewissermaßen in die Wiege. Shuggie ist der Sohn von Johnny Otis, einem der Stifterväter des Rhythm 'n' Blues und des Rock 'n' Roll sowie Förderer und Entdecker von Größen wie Etta James, Jackie Wilson, Little Willie John oder Big Mama Thornton ... - setzen wir hier einen Punkt, um nicht ins Lexikalische zu driften.

Gleichzeitig ist das Genialische Teil seines Problems. Wer zu viel und alles selbst am besten kann, ist schwer zufriedenzustellen. Weshalb das Werk des 59-jährigen US-Amerikaners bis heute schmal geblieben ist. Doch seine drei Studioalben aus den frühen 1970ern haben dafür gesorgt, dass Johnny Alexander Veliotes alias Shuggie Otis heute von Soulfans kultisch verehrt wird. Wobei ihm das beim Jazz Fest Wien nicht viel half. Dort trat er am Montag im Arkadenhof des Rathauses auf.

In diesem steinernen Geviert ist nicht nur die Getränkeversorgung nordkoreanisch organisiert (zwei Bars für gut 1000 Besucher), sondern auch der Sound traditionell miserabel. Doch der Mann, der aussieht wie ein Jason King in der Version 2.0, stellte sich ohne Murren auf die Bühne und kreuzte über eine Stunde durch sein OEuvre - mithilfe dreier Familienangehöriger und eines Bläsers, was nur der Hälfte der normalen Bandgröße entsprach.

Verspäteter Bandeinsatz

Aufgrund des Flugzeugunfalls am Flughafen von San Francisco traf nämlich die andere Hälfte erst in Wien ein, als Otis zur Zugabe den Hit Strawberry Letter 23 intonierte. In der Version der Brothers Johnson war das 1977 ein Smash-Hit, den gar Quentin Tarantino in Pulp Fiction verwendete. Doch mit halber Band ließen viele Songs jene subtile Raffinesse vermissen, die sie auszeichnet. Vor allem der originäre Einsatz des Keyboards als Rhythmusinstrument verlieh Otis' Werk seine Besonderheit.

So darf man behaupten, dass sein Song Aht Uh Mi Hed so etwas wie der Blueprint für das Solowerk von Money Mark ist, dem Keyboarder der Beastie Boys. Otis bremste den Funk ab, machte ihn weich und verlieh ihm eine Wärme abseits bloßer Hitzigkeit.

Live klang das leider nur in raren Momenten so genial wie auf seinen Alben. Schlimmer. Im erratischen Mix des Arkadenhofs klang die Band streckenweise, als würden ein paar mäßig begabte Funk-Streber versuchen, halbwegs "in tune" zu bleiben. Bitter. Da boten auch die von Otis dargebotenen Bluessongs mit ihren länglichen Soli keine Entschädigung - im Gegenteil.

Am gelungensten geriet noch die Version von Sparkle City, einem Funk-Monster mit angezogener Handbremse, bei dem Otis die Gitarre im Geiste Hendrix' spielte und die Band ziemlich am Punkt blieb. Der Rest war gut gemeint, entsprach aber unter diesen Umständen keine Sekunde Otis' Möglichkeiten. Dennoch ist das Jazz Fest für diese Programmierung zu loben, am Austragungsort muss man aber noch arbeiten. (Karl Fluch, DER STANDARD, 10.7.2013)

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