Kein Schnabelkürzen bei Hühnern: Deutschland nimmt sich ein Beispiel an Österreich

16. Juli 2013, 05:30
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Der schmerzhafte Eingriff bis zum Knochen wird meist an Eintagesküken durchgeführt - Dadurch verliert das Huhn sein primäres Tastorgan

Niedersachsen hat dieser Tage einen ersten Vorstoß gegen das Schnäbelkürzen bei Legehennen unternommen: Bis spätestens 2016 soll diese Praxis verboten werden. Damit ist Niedersachsen das erste deutsche Bundesland, das das betäubungslose Kupieren der Schnabelspitzen von Legehennen in Boden- und Freilandhaltung beendet. Modellcharakter dafür habe Österreich gehabt, sagt Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer.

Das Abschneiden der Schnabelspitze in Hühnerhaltung soll Federpicken und Kannibalismus verhindern. Dabei handelt es sich um eine Verhaltensstörung bei Hühnern, die von sehr vielen Faktoren ausgelöst wird. In Österreich wird das Risiko unter anderem durch Verbesserungen bei der Fütterung etwa durch mehr Eiweiß oder das Vermeiden von direktem Sonnenlicht im Stall reduziert.

Attraktive Federn im Sonnenlicht

"Die Federn werden im Sonnenlicht offenbar attraktiver für Hühner", sagt Knut Niebuhr, Leiter der Arbeitsgruppe Geflügel am Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Dass das mit dem anderen Sehvermögen - Hühner sehen auch im UV-Bereich - zusammenhängt, wäre laut Niebuhr denkbar. Man könne sich nach jetzigem Wissensstand aber nur schwer vorstellen, wie Hühner wirklich sehen.

"Federpicken ist jedoch nicht nur ein Problem in der Massentierhaltung, es tritt auch bei kleinen Herden auf", so Niebuhr. Landwirtschaftsminister Meyer räumte nach einem Besuch im Nachbarland ein, dass das Schnabelkürzen von Millionen Hühnern aufgrund der in Österreich gemachten Erfahrungen unnötig sei.

Dabei ist das Kupieren der Schnäbel in Österreich grundsätzlich nicht verboten, betont Niebuhr im Gespräch mit derStandard.at. Bestimmte Praktiken in der Nutztierhaltung seien jedoch auch eine Sache der Tradition: Das Kupieren von Hühnerschnäbeln sei hierzulande nie im großen Maßstab durchgeführt worden.

Empfindliches Tastorgan mit Klinge abgeschnitten

In Deutschland gehört das Schnabelkürzen in der konventionellen Geflügelhaltung hingegen zur Routine. In der Regel wird dafür bei Eintagesküken die drei Millimeter lange verhornte Schnabelspitze ohne Betäubung entfernt. Dazu wird entweder eine heiße Klinge - die laut aktuellem Stand Ende 2013 verboten werden soll - oder ein Infrarotstrahl verwendet. "Dabei handelt es sich um einen schmerzhaften Eingriff, der bis zum Knochen geht. Dass die Hühner Schmerzen haben, kann man an einer deutlichen Verhaltensänderung bei Schmerzmittelgabe beobachten", sagt Niebuhr.

Der Schnabel besitze zudem so empfindliche Tastkörper wie der Mensch in der Fingerbeere, erläutert der Experte. Die Amputation der Schnabelspitze beeinträchtigt das Tier in Folge beim Ertasten von Futter, beim Fressen, Trinken und Putzen.

Grundsätzlich verboten - mit Ausnahmen

Dabei ist das Schnabelkürzen in Niedersachsen grundsätzlich sogar schon verboten. Bislang war es für die Betreiber von Geflügelfarmen aber relativ einfach, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen und das Verbot zu umgehen. Möglich macht das der Paragraf 6 des deutschen Tierschutzgesetzes: Demnach ist Kupieren erlaubt, wenn glaubhaft gemacht werden kann, dass andernfalls größerer Schaden droht.

Nachschneiden bei Elterntieren

Bei Hennen der Vermehrungsstufe, die also als Elterntiere gehalten werden, wird der Schnabel außerdem häufig zu Beginn der Legeperiode noch einmal nachgeschnitten. Falls das gegenseitige Federpicken nicht verhindert werden kann, darf in Deutschland ein diesbezüglicher Antrag gestellt werden.

Landwirtschaftsminister will generelles Verbot anregen

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister kündigte an, sich auch auf Bundesebene für ein Verbot des Schnabelkürzens einzusetzen. Geflügelfarmbetreibern soll in Seminaren und mit Kampagnen ein Ausstiegsmodell nähergebracht werden. Damit die Legehennenhalter dadurch keinen finanziellen Nachteil erleiden, soll ein von der Wirtschaft finanzierter Entschädigungsfonds eingerichtet werden, hieß es vom Landwirtschaftsministerium.

Nur minimal teureres Ei für Verbraucher

Laut Versorgungsbilanz der Statistik Austria wurden im Jahr 2011 rund 1,68 Milliarden Eier in Österreich produziert. Hingegen wurden 17.987 Tonnen Eiprodukte importiert, der Eigenversorgungsgrad bei Eiern lag in Österreich bei 82 Prozent. Eine Preiserhöhung durch die deutsche Initiative würde vor allem diese importierten verarbeiteten Produkte betreffen. "Der österreichische Verbraucher wird sicher nur sehr, sehr minimal mehr für importierte Eiprodukte zahlen, auch weil diese zumeist aus Käfighaltung stammen", sagt Niebuhr. (Julia Schilly, derStandard.at, 16.7.2013)

Wissen: Schnabelkürzen

Schnabelkürzen ist in Österreich gesetzlich nicht verboten, es ist jedoch sowohl im AMA-Gütesiegel als auch im Gütesiegel "tierschutzgeprüft" mit sehr wenigen Ausnahmen verboten. Dies wird seit 2005 österreichweit umgesetzt. Schnabelkürzen wurde jedoch auch vorher in Österreich nie flächendeckend durchgeführt, berichtet Knut Niebuhr. 2001 waren allerdings rund 46,5 Prozent der Herden kupiert. Seit 2009 sind in Österreich nur noch sehr vereinzelt kupierte Herden vorhanden. 

Informationen

VetMedUni Wien: Abteilung Geflügel

Statistik Austria: Versorgungsbilanzen 2011 (die Zahlen für 2012 werden Ende August veröffentlicht)

  • Das Abschneiden der Schnabelspitzen soll verhindern, dass sich Hühner in der Massentierhaltung gegenseitig schwer verletzen. Durch die schmerzvolle Prozedur verliert das Huhn jedoch ein empfindliches Tastorgan.
    foto: apa/ronald wittek

    Das Abschneiden der Schnabelspitzen soll verhindern, dass sich Hühner in der Massentierhaltung gegenseitig schwer verletzen. Durch die schmerzvolle Prozedur verliert das Huhn jedoch ein empfindliches Tastorgan.

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