Pixel flimmern, und die Luft ist zweifelhaft

9. Juli 2013, 17:00
posten

In der Nachwuchsreihe [8:tension] sezieren Marta Navaridas und Alexander Deutinger, Mariana Tengner Barros, Michael Turinsky, Zeina Hanna und Rodrigo Sobarzo de Larraechea die vielen Schichten der Realität

Unser Universum ist gepixelt. Das sollte uns Sorge bereiten. Denn: Wer sagt, dass unsere Welt nicht nur eine Simulation ist, erschaffen von Computernerds aus ferner Zukunft? Solche und andere rätselhafte bis absurde Fragen werfen Marta Navaridas und Alexander Deutinger in ihrer Arbeit Speaking of Which auf.

Auf der Bühne sitzend, beobachten sie ihre Alter Egos im Video. Überall das Bestehen auf Uneindeutigkeit. Denn "wüssten wir, was wir da tun, könnte man es nicht Forschung nennen, oder?" Tatsächlich zeigt das Duo den Wert des Unabgeschlossenen, des Unsicheren auf. Nur im Moment des Fragens und Staunens kann neue Erkenntnis entstehen.

Das Stück der beiden ist eine von insgesamt elf Arbeiten junger Choreografinnen und Choreografen, die heuer zum 13. Mal in
der Jungchoreografenreihe [8:tension] antreten und sich zugleich um den Prix Jardin d'Europe bewerben, den mit 10.000 Euro höchstdotierten Nachwuchspreis Europas.

Wo bei Navaridas und Deutinger die (vermittelte) Welt eher als paranoide Matrix-Version daherkommt, ist sie in Mariana Tengner Barros' The Trap so real, dass man sie kaum mehr als Virtualität wahrnimmt. Die in Lissabon lebende Choreografin nimmt sich in ihrem Solo des Spektakels an, das permanent von Medien und Werbung aufgeführt wird und deren Konsumenten glauben lässt, sie wären Teil dieser Welt.

Und weil Barros weiß, dass man dieser Falle nur schwer entkommen kann, fällt sie gemeinsam mit dem Publikum ganz bewusst herein. Michael Turinsky wiederum arbeitet sich als heteronomous male nicht nur an einer Matrix ab, sondern gleich an mehreren: durch seine körperliche Behinderung ist er permanent fremdbestimmt – und wird zugleich innerhalb der gesellschaftlichen Logik eines Mannes definiert.

Turinsky fasst den unauflösbaren Konflikt zwischen Anspruch und Realität in einen simplen Satz: "Als Kind habe ich davon geträumt, Fußballtrainer zu werden. Jetzt stattdessen ..."

Ganz physisch werden die unterschiedlichen Lagen unserer Wirklichkeit bei Zeina Hanna verhandelt: Über ein Video, auf dem eine junge Frau ein kurzes, intensives Solo hinlegt, schichtet sie in Never Live Twice Sound und Bild. Genauer: Sie zeichnet darauf. Auch so kann man zeigen, wie auf real Existierendes Schichten aus Über-, Be- und Vorschreibungen gelegt werden.

Wie man damit umgehen soll? Einfach die Luft anhalten, empfiehlt Rodrigo Sobarzo de Larraechea. In Apnea thematisiert er die Entfremdung des Menschen von dem Lebensraum, aus dem er eigentlich kommt: Wasser. Der chilenisch-niederländische Choreograf versetzt seinen Körper unter eine imaginäre Wasseroberfläche. Und bezweifelt eine der selbstverständlichsten Bedingungen unserer Existenz: die Luft. (Andrea Heinz, Spezial, DER STANDARD, 10.7.2013)

 

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei derStandard.at.

  • Mit Medien und Werbung setzt sich Mariana Tengner Barros (hier im Dialog mit Gott) in "The Trap" auseinander. Da sind Tod und Verderben freilich nicht weit.
    foto: marco pires

    Mit Medien und Werbung setzt sich Mariana Tengner Barros (hier im Dialog mit Gott) in "The Trap" auseinander. Da sind Tod und Verderben freilich nicht weit.

Share if you care.