Spannungen an den Ufern von Bach

9. Juli 2013, 17:00
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Die große belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker hat erneut der Musik Johann Sebastian Bachs nachgespürt. Mit Boris Charmatz zeigt sie die Österreich-Premiere von "Partita 2 (Sei solo)"

Wenn aus einem Musikstück die Bewegungsmuster geradezu her­ausdrängen, dann ist Anne Teresa De Keersmaeker nicht weit.

Die meisterhafte belgische Choreografin, die für ihre von einem besonderen Spannungsverhältnis zwischen Musik und Tanz getragenen Werke bekannt ist, kehrt zu Johann Sebastian Bach zurück. Bei Impulstanz im Burgtheater ist ihr nach einem Werk des Barockkomponisten gemeinsam mit Boris Charmatz entwickeltes Stück "Partita 2 (Sei solo)" am 13. Juli erstmals in Österreich zu sehen.

Bachs Partita für Violine No. 2 ist eine in ihren strengen Mustern an Steve Reichs Kompositionen er­innernde Musik; sie besteht aus Strukturen, die aus Volkstänzen abgeleitet sind, etwa der Courante, einem mittelschnellen Gesellschaftstanz, der Allemande, einem Schreittanz, dem ursprünglich wilden, ausgelassenen spanischen Volkstanz Chaconne oder der Gigue, die sich aus dem französischen Wort "giguer" (herumtollen) ableitet.

Sie alle sind Bestandteile der Suite der Barockzeit und harren nun ihrer vermutlich ersten Choreografie mit den Mitteln des postmodernen Tanzes.

De Keersmaeker (verantwortlich für die Choreografie; Charmatz ist Tanzpartner) sucht entlang der kompositorischen Prinzipien nach der Darstellbarkeit von Bewegungsmustern. Das ist schwer und leicht zugleich, denn einerseits "tanzt bei Bach schon alles" (De Keersmaeker), andererseits läuft man laut Charmatz Gefahr, diese musikalischen Linien auf der Bühne nur zu verdoppeln.

Die Zusammenarbeit zwischen De Keersmaeker und dem Fran­zosen Charmatz begann 2011 in Avignon aus dem Gedanken, sich in die Stücke des jeweils anderen auf (nicht nur) praktische Weise einzubringen. Mehr als zwei Jahre lang haben sich die beiden immer wieder zu Proben getroffen und dabei ihren jeweiligen Doppelstatus als Choreograf und Tänzer genützt. Boris Charmatz (40), heute Leiter des Musée de la Danse in Rennes, schätzt Brückenschläge zwischen den Kunstgattungen auch in eigenen Werken.

Die französische Violinistin Amandine Beyer, spezialisiert auf Alte Musik und historische Aufführungspraxis, gibt neben dem aus zwei Soli bestehenden Duett den dritten (musikalischen) Solopart des Abends. (Margarete Affenzeller, Spezial, DER STANDARD, 10.7.2013)

"Partita 2 (Sei solo)", Burgtheater, 13. Juli, 21 Uhr

Dieser Artikel entstand mit finanzieller Unterstützung von ImPulsTanz. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei derStandard.at.

  • Courante oder Chaconne? Choreograf Boris Charmatz (links) stellt sich für Anne Teresa De Keersmaekers (rechts) neueste Arbeit als Tänzer zur Verfügung.
    foto: anne van aerschot

    Courante oder Chaconne? Choreograf Boris Charmatz (links) stellt sich für Anne Teresa De Keersmaekers (rechts) neueste Arbeit als Tänzer zur Verfügung.

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