Osama bin Laden trug Cowboyhut

9. Juli 2013, 16:17
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Al-Jazeera veröffentlicht pakistanischen Untersuchungsbericht: Al-Kaida-Gründer ließ sich von Kindern als "der arme Onkel" ansprechen

Der katarische Fernsehsender Al-Jazeera hat am Montag einen bisher geheimen Bericht der pakistanischen Behörden über die Ereignisse rund um den Tod von Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden veröffentlicht. Die Website des Senders wurde umgehend in ganz Pakistan gesperrt.

Das von einer vierköpfigen Kommisssion verfasste Dokument hätte nach dem Willen der Autoren unmittelbar nach seiner Fertigstellung veröffentlicht werden sollen. Weil es aber schwere Vorwürfe gegen die damalige Regierung enthält, entschieden sich die pakistanischen Behörden dafür, es geheim zu halten. So werfen die Autoren der pakistanischen Luftraumüberwachung vor, dass die US-Spezialeinheiten unbemerkt die Grenze überqueren konnten und dass Bin Laden jahrelang unerkannt blieb.

Beweise für eine direkte Unterstützung Bin Ladens durch pakistanische Behörden fanden die Ermittler nicht. Sie schreiben allerdings, dass das auch nicht ausgeschlossen werden könne. Bei dieser Gelegenheit warnen die Autoren, dass in hohen Militärkreisen die Gefahr der Unterwanderung durch radikale Islamisten unterschätzt werde.

Verhörprotokolle

Die drei pakistanischen Richter und der Offizier, die den Bericht verfassten, befragten 201 Zeugen und hatten Zugriff auf die Verhörprotokolle der Überlebenden der Operation "Neptune's Spear", bei der US-Spezialeinheiten am 2. Mai 2011 den Al-Kaida-Gründer, dessen 23-jährigen Sohn Khalid, die Bin-Laden-Vertrauten Arshad und Abrar Khan sowie Abrars Ehefrau Bushra töteten.

Bart abrasiert

Eine im Bericht als "Maryam" bezeichnete Zeugin, die die Ehefrau eines Bin-Laden-Vertrauten sein soll, berichtet, wie sie, ihr Mann und der Al-Kaida-Gründer einmal auf dem Heimweg von einem Basar im nordpakistanischen Swat-Distrikt wegen einer Geschwindigkeitsübertretung von der Polizei angehalten worden seien. Allerdings habe der Beamte Bin Laden, der damals seinen Bart kurzgeschnitten trug, nicht erkannt, und ihrem Gatten sei es gelungen, die Angelegenheit rasch zu regeln.

Der "arme Onkel"

Weitere Verhörprotokolle belegen, dass Bin Laden von den Kindern auf dem Gelände in Abottabad, wo er von 2005 bis 2011 lebte, "Miskeen Kaka" (armer Onkel) genannt wurde. Er hatte nämlich auf die Frage, warum er nie auf den Markt gehe, geantwortet, er sei zu arm, um sich dort etwas zu kaufen.

Um zu vermeiden, von Spionagesatelliten und Aufklärungsdrohnen fotografiert zu werden, trug der Sohn eines saudi-arabischen Bauunternehmers bei seinen Spaziergängen im Hof des Hauses in Abottabad laut Aussage seiner Ehefrauen oft einen breitkrempigen Cowboyhut.

Um die Erziehung seiner Kinder soll sich der Al-Kaida-Gründer persönlich gekümmert haben. Khalryya, eine seiner drei Witwen, berichtet, er habe ihnen beigebracht, Gemüsebeete anzulegen, und einen Preis für die reichste Ernte versprochen.

Luftraumüberwachung schlief

Scharfe Kritik übten die Verfasser des Berichts an Pakistans Militär und dem Geheimdienst ISI. Da in Friedenszeiten die Luftraumüberwachung auf ein Minimalmaß reduziert wurde, waren viele Radaranlagen nicht in Betrieb. Deshalb erfuhr die Luftwaffe erst von dem Grenzübertritt der Amerikaner, als diese das Land bereits wieder verlassen hatten. Die Luftwaffe argumentiert, dass aus dem Westen kein Angriff erwartet wurde und die Überwachung sich daher auf die Grenze zu Indien konzentriert habe.

Den pakistanischen Sicherheitskräften wirft der Bericht völliges Versagen vor: Dass das auffällige Haus mit Stacheldraht auf der Mauer sechs Jahre lang niemandem auffiel, sei kaum zu glauben. Bei einer Volkszählung sei das Gebäude als unbewohnt erfasst worden, obwohl zu diesem Zeitpunkt 26 Menschen darin lebten.

Eine Seite fehlt

In dem Dokument, das Al-Jazeera von mehreren Informanten zugespielt wurde, fehlt die Seite 197, die zur Aussage von Geheimdienstchef Ahmad Shuja Pasha gehört. Der Kontext legt nahe, dass die zensurierte Passage die Forderungen der US-Regierung an Pakistans damaligen Präsidenten Pervez Musharraf nach den Anschlägen auf das World Trade Center beschreibt, die zur Überraschung der Amerikaner ohne Widerrede vollständig erfüllt wurden.

"Ihr seid so billig"

Pasha war dem Bericht zufolge empört über den Umgang der US-Regierung mit den pakistanischen Behörden. Er zitiert einen US-Geheimdienstmitarbeiter, der zu einem pakistanischen Kollegen "Ihr seid so billig ... wir können euch mit einem Visum kaufen, mit einer USA-Reise, sogar mit einem Abendessen ... wir können jeden kaufen" gesagt haben soll. (Bert Eder, derStandard.at, 9.7.2013)

  • Situation Room des Weißen Hauses in der Nacht von 1. auf 2. Mai 2011. Auf dem Tisch (im Bild verpixelt) eine Luftaufnahme des Bin-Laden-Anwesens in Abbottabad.
    foto: ap photo/the white house, pete souza

    Situation Room des Weißen Hauses in der Nacht von 1. auf 2. Mai 2011. Auf dem Tisch (im Bild verpixelt) eine Luftaufnahme des Bin-Laden-Anwesens in Abbottabad.

  • In seinem Haus in Abbottabad schützte sich Bin Laden mit einer Wollmütze gegen die Kälte.
    foto: epa/department of defense

    In seinem Haus in Abbottabad schützte sich Bin Laden mit einer Wollmütze gegen die Kälte.

  • Hubschrauberwrack im Gartenbeet: Osama bin Laden brachte seinen Kindern laut pakistanischem Bericht bei, Gemüse anzubauen.
    foto: reuters/stringer

    Hubschrauberwrack im Gartenbeet: Osama bin Laden brachte seinen Kindern laut pakistanischem Bericht bei, Gemüse anzubauen.

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