Interkulturelle Pädagogen dürfen nach Ausbildung nicht arbeiten

9. Juli 2013, 10:27
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Ein Vorzeigeprojekt der niederösterreichischen Integrationspolitik scheitert ausgerechnet an der Politik: Kein Job für 27 "Interkulturelle MitarbeiterInnen" in ihrem Berufsfeld

Es klingt nach gelungener Integrationspolitik. Landesschulrat und Land Niederösterreich ließen in einem Pilotprojekt seit 2009 insgesamt 27 Menschen mit Migrationshintergrund zu "interkulturellen MitarbeiterInnen (IKM)" für niederösterreichische Volksschulen ausbilden.

Die Idee war, dass Lehrer, Kinder und Eltern von qualifizierten Ansprechpersonen beim Einstieg in das österreichische Schulsystem unterstützt und begleitet werden. Die IKM sollten sich insbesondere an Kinder mit Migrationshintergrund, mit Sprach- und Lernschwierigkeiten richten, um sie im Schulalltag zu unterstützen und zu fördern. Für den vorschulischen Bereich - also die Arbeit in Kindergärten - existiert in Niederösterreich bereits seit 1992 eine eigene Ausbildung.

Zweijähriger Lehrgang

In viersemestrigen Vollzeit-Lehrgängen der Niederösterreichischen Landesakademie und der Pädagogischen Hochschule Baden wurden die IKM pädagogisch geschult und erlernten Grundlagen der interkulturellen Bildungsarbeit. Neben insgesamt 1.600 Unterrichtseinheiten Theorie sah der Lehrplan pro Woche 25 Praxisstunden in Volksschulen vor, in denen die IKM gemeinsam mit den jeweiligen Klassenlehrern tätig waren.

Anfang Juni schlossen die letzten 17 Teilnehmer ihre Ausbildung erfolgreich ab. Die Freude darüber hält sich allerdings in Grenzen: Vor wenigen Tagen erfuhren die Lehrgangsteilnehmer, dass sie keinen Arbeitsplatz erhalten werden. Das Projekt IKM an Volksschulen werde nicht weitergeführt, verkündete das Land. Auch die zehn Absolventen des ersten Lehrgangs, die seit 2011 auf Basis befristeter Werkverträge an Volksschulen arbeiteten, erhalten keine Vertragsverlängerung für das kommende Semester.

Frustrierte Absolventen

"Wir haben zwei Jahre sozusagen in den Sand gegraben", ärgert sich die Lehrgangsabsolventin Derya Arslan. Die 34-Jährige kam im Alter von zehn Jahren im Zuge der Familienzusammenführung von Gastarbeitern aus der Türkei nach Österreich. In der Ausbildung zur IKM sah sie die Chance, Kindern Hilfe anzubieten, die sie als Schülerin selbst nicht hatte.

Die Teilnehmer hätten sehr viel Zeit in das Projekt investiert, es sei sehr gut gelaufen und auch ständig gelobt worden, sagt Arslan. "Und jetzt sind wir trotzdem alle arbeitslos." Doch wie konnte es dazu kommen? Seit Jahren wird das niederösterreichische Modell der IKM von der Politik als Erfolg verkauft.

Beschäftigung rechtlich nicht möglich

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sprach von "wichtigen Brückenbauern", für Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) ist es ein  "Vorzeigeprojekt". Eine vom Land beauftragte Evaluierung stellte der Arbeit der IKM Anfang 2012 ein gutes Zeugnis aus, von einem "vollen Erfolg" und der Ausbaufähigkeit des Projekts war die Rede.

"Wir können die Leute rein rechtlich nicht alle weiterbeschäftigen", sagt der Präsident des niederösterreichischen Landesschulrats, Hermann Helm (ÖVP), auf Anfrage von derStandard.at. Als Schulbehörde dürfe man nur ausgebildete Lehrer anstellen, da die IKM aber kein Lehramt erworben haben, seien ihm die Hände gebunden. Es sei Sache der Bundespolitik, rechtliche Grundlagen für andere Jobs im Schulbereich zu schaffen, das sei bisher aber nicht passiert.

"Ausbildung heißt nicht Anstellung"

Außerdem fehle das Budget. "Wenn mir der Bund nicht mehr Dienstposten zur Verfügung stellt, nutzen mir die schönen Sonntagsreden über Erfolgsprojekte nichts", so Helm. Man könne ja nicht einfach die Pflichtgegenstände zugunsten anderer Arbeitsplätze abbauen, sagt der Landesschulratspräsident. Und fügt hinzu: "Eine Ausbildung garantiert noch lange keine Anstellung, das ist nirgends so."

Insgesamt sei es sinnvoller, mit der interkulturellen Erziehungsarbeit im vorschulischen Bereich anzusetzen, so Helm. Dort seien bereits flächendeckend rund 140 IKM eingesetzt. "Was hat es für einen Sinn, wenn ich heute ein Kind in die Schule gebe, und es versteht dort nur Bahnhof?" Integration solle so früh wie möglich stattfinden, nicht erst nach dem Kindergarten.

Zuständigkeitsrochaden

Warum dann 2011 überhaupt ein weiterer Lehrgang für die Volksschulen begonnen wurde, wenn man die Absolventen rein rechtlich gar nicht in dem Bereich beschäftigen darf, kann der Landesschulrat nicht beantworten: "Für die Ausbildung bin ich nicht zuständig, da müssen Sie bei der Landesregierung nachfragen."

Im Büro der zuständigen Landesrätin für Soziales, Bildung und Familie, Barbara Schwarz (ÖVP), war dazu allerdings ebenfalls nichts zu erfahren. Die Landesrätin sei derzeit auf Urlaub, sagte ihre Pressesprecherin zu derStandard.at. Der Stellungnahme des zuständigen Landesschulrats sei aber ohnehin nichts hinzuzufügen.

"Schmücken tut nicht weh"

Die Erwachsenenbildnerin Marietta Schneider, eine der Unterrichtenden des Lehrgangs, kritisiert die Haltung der Politik. "Ich bedaure sehr, dass man die Leute erst zwei Jahre lang unterstützt, sich in dieses wichtige Berufsfeld einzuarbeiten, und sich dann, wenn es um ihre Anstellung geht, auf einen rechtlich unangreifbaren Standpunkt zurückzieht." Zwischendurch habe man sich gerne mit dem Vorzeigeprojekt gebrüstet, aber "schmücken tut eben nicht weh", so Schneider.

Insgesamt sei die interkulturelle Pädagogik in Niederösterreich pionierhaft, meint die Erwachsenenbilnderin. Im Vergleich mit anderen Bundesländern werde sehr systematisch Mehrsprachigkeit und Elternarbeit durch Menschen mit Migrationshintergrund gefördert. Der Kindergarten sei in ihrem Verständnis der erste Ort elementarer Bildung, daher sei ein Ansatz bereits im vorschulischen Bereich absolut sinnvoll, sagt Schneider.

Verunsicherte Eltern

In der Grundschule gehe es dann aber neben der weiteren Sprachentwicklung auch darum, Kinder mit Migrationshintergrund sozial wie integrationspolitisch in das österreichische Bildungssystem hereinzuholen und ihre - oft verunsicherten - Eltern zu unterstützen. "Allein dadurch, dass ein Mensch ihrer Muttersprache mit interkulturellem pädagogischen Hintergrund in der Klasse anwesend ist, wird die soziale und sprachliche Kompetenz der Kinder gestärkt", so Schneider.

Auf der Warteliste

Das Projekt IKM an Volksschulen scheint jedenfalls - trotz positiver Resonanz - beendet. Zukünftig soll die Arbeit nur mehr in Kindergärten weitergeführt werden. Man werde den zehn Absolventen des ersten Lehrgangs anbieten, im Vorschulbereich unterzukommen, sagt Landesschulrat Helm.

Und jene Absolventen, die ihre Ausbildung für Volksschulen eben erst abgeschlossen haben? "Es sind ja etwa 140 IKM in den Kindergärten tätig, wenn da zum Beispiel fünf schwanger werden, wird von denen auch wer drankommen", so Helm.

Wie vor 40 Jahren

"Ich komme mir ein bisschen vor wie mein Opa vor 40 Jahren", sagt IKM-Absolventin Derya Arslan zerknirscht. "Damals hat man auch gesagt, wir brauchen Gastarbeiter. Aber bleiben sollen sie bitte nicht." (David  Rennert, derStandard.at, 9.7.2013)

  • Mit der Ausbildung von "interkulturellen MitarbeiterInnen" hat sich das Land Niederösterreich gebrüstet.
    foto: heribert corn

    Mit der Ausbildung von "interkulturellen MitarbeiterInnen" hat sich das Land Niederösterreich gebrüstet.

  • Doch die Absolventen des zweiten Lehrgangs sind nach ihrem Abschluss arbeitslos. Vom Landesschulrat heißt es, ihr Einsatz an Schulen sei rechtlich nicht möglich.
    foto: ikm 2013

    Doch die Absolventen des zweiten Lehrgangs sind nach ihrem Abschluss arbeitslos. Vom Landesschulrat heißt es, ihr Einsatz an Schulen sei rechtlich nicht möglich.

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