"Nein, nein, Mursi ist nicht allein"

8. Juli 2013, 22:13
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Österreichische Ägypter versammelten sich vor der ägyptischen Botschaft in Wien, um gegen die Machtübernahme der Armee zu demonstrieren

Die ägyptische Flagge mit dem Bild Mohammed Mursis dominiert das Straßenbild. Jung und Alt haben sich am Montag vor der ägyptischen Botschaft in Wien versammelt, einige hunderte sind zusammengekommen, um ihren Unmut deutlich zu machen. Sie sind gegen den Militärputsch, der vor wenigen Tagen Ägyptens Präsidenten von der Staatsspitze verdrängte. Erst Ende Juni demonstrierte in Wien eine ähnlich große Anzahl von Ägyptern für die Absetzung Mursis und gegen seine Politik. Noch vor zwei Jahren standen die beiden Gruppen hier vereint gegen Langzeit-Machthaber Hosni Mubarak. Nun sind sie gespalten.

"Ich kann die Unzufriedenheit nachvollziehen, aber es gibt kein Land, in dem alle Bürger zufrieden sind", meint die Pharmazeutin Huda El-Samahi. Das würde ihnen jedoch nicht die Legitimität geben, ihren Präsidenten zu stürzen. Mursi sei erst ein Jahr an der Macht gewesen, und es sei normal, dass er sowohl Befürworter als auch Gegner habe. All das würde jedoch kein Militärputsch rechtfertigen, meint die 28-Jährige. El-Samahi steigt ins Auto und schreibt weiter an ihrer Rede, die sie in Kürze halten soll.

"Wo ist meine Stimme?"

An die 300 Menschen stehen am Montag vor der ägyptischen Botschaft an der Hohen Warte, immer mehr kommen hinzu. "Nein, nein, Morsi ist nicht allein!", wird gerufen. Auf einem Banner steht: "Oh Demokratie! Wo ist meine Stimme?" Für die Demonstranten im 19. Bezirk ist die Machtübernahme durch das Militär das Ende der Revolution. El-Samahi ist empört, die Medien hätten die Demonstranten, die für die Demokratie in Nasr-City demonstriert hätten, benachteiligt und über sie und ihre Ansichten geschwiegen.

Darüber ist auch Mohamed Salem verärgert. Der gebürtige Ägypter sieht seine Revolution sterben. Die Revolution, für die er jahrelang gekämpft hat. Obwohl er nicht zu hundert Prozent für Mohammed Mursi war, hat er ihn gewählt, weil er keine geeignete Alternative sah. "Aber so, wie er gewählt wurde, soll er auch abgewählt werden. So ist das in einer Demokratie", sagt er. Mursi habe sich bemüht, doch sei das System nicht hinter ihm gestanden und habe ihn daran gehindert, etwas voranzubringen. Salem bedauert die Situation und fürchtet, dass noch mehr Blut vergossen wird. Eine weitere kleine Gruppe gesellt sich zu den Demonstranten. Sie halten Bilder in die Höhe von getöteten Menschen, die Montagfrüh bei den Pro-Mursi-Demonstrationen ums Leben kamen.

Die Armee als Symbol des alten Regimes

"Das Militär hat die Macht an sich gerissen und das Volk gespalten." El-Samahi steht mittendrin zwischen den Demonstranten. Sie hat das Mikrofon in der Hand und schreit: "Das wollten wir am 25. Jänner nicht erreichen." Die Revolution habe ihre Ziele nicht erreicht, im Gegenteil sei das alte Regime gerade dabei, das Rad zurückzudrehen. Harun hebt die ägyptische Flagge, auch er ist gegen den Putsch. Wie könne man eine Verfassung so leicht und ohne Anlass aufheben, fragt sich der bosnischstämmige Österreicher. Der 31-Jährige denkt, die Medien hätten ein verzerrtes Bild transportiert. Wenn die Medien über die Pro-Mursi-Bewegungen berichteten, würden seine Anhänger nur als gewalttätige Islamisten dargestellt und nicht als friedliche Demonstranten.

Zwei Männer halten sich an einer riesigen türkischen Flagge fest. Einer von ihnen, Ramazan Gecgel, hat nur eines anzumerken: "Wir sind Muslime und stehen für die Gerechtigkeit." Es herrscht eine feierliche Stimmung, die Nationalhymne wird gesungen. Eine ältere Dame reißt das Mikrofon an sich und betont, die Demonstranten hier seien keine Mitglieder der Muslimbruderschaft, vielmehr seien sie hier, weil sie die Demokratie beschützen wollen. Und wieder wird geschrien: "Nieder, nieder mit dem Militär!" Genau wie vor zwei Jahren, als das Militär die Übergangsregierung stellte. Doch heute trennen sich die Wege: in anti und pro Mursi. (Nermin Ismail, derStandard.at, 8.7.2013)

  • Mehr als 250 Menschen versammelten sich Montagnachmittag, um gegen den Militärputsch in Ägypten zu demonstrieren.
    foto: nermin ismail

    Mehr als 250 Menschen versammelten sich Montagnachmittag, um gegen den Militärputsch in Ägypten zu demonstrieren.

  • Huda El-Samahi hat ägyptische Eltern, ihre Rede bei der Demonstration hielt sie auf Deutsch.
    foto: nermin ismail

    Huda El-Samahi hat ägyptische Eltern, ihre Rede bei der Demonstration hielt sie auf Deutsch.

  • Mohamed Salem: "So, wie er gewählt wurde, soll er auch abgewählt werden. So ist das in einer Demokratie."
    foto: nermin ismail

    Mohamed Salem: "So, wie er gewählt wurde, soll er auch abgewählt werden. So ist das in einer Demokratie."

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