Erpressungsprozess mit feststehender Schuld

8. Juli 2013, 18:48
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Wiener Schöffensenat senkt nach widersprüchlichem Zeugen Haftstrafen gegen Duo

Wien - Dass Adnan S. und Ibrahim V. schuldig sind, steht schon fest, bevor Vorsitzender Filip Trebuch am Wiener Straflandesgericht das Schöffenverfahren wegen schwerer Erpressung gegen die beiden überhaupt eröffnet. Was jetzt aber nicht an einer etwaigen Voreingenommenheit des Senates liegt, sondern an der Tatsache, dass der Oberste Gerichtshof den Schuldspruch aus einem ersten Verfahren zwar bestätigt hat, die Strafhöhe - fünf Jahre - aber neu verhandelt werden muss.

Also fasst Staatsanwältin Caroline Bacher nochmals kurz die Anklage zusammen. Am 6. Oktober 2012 sollen Bordellbetreiber S. und sein Adlatus V. zwei Männer heftig bedroht haben. Das Duo soll nämlich sechs Monate zuvor zwei Prostituierte zum Ausstieg bewegt haben, nachdem sie sich in diese verliebt haben. Die Liebe dürfte rasch erkaltet sein: Zeuge Patrick G. vermisste nämlich irgendwann nicht nur ein Schmuckstück, sondern auch die Frau. Und kontaktierte den Erstangeklagten, um deren Aufenthaltsort zu erfahren.

Bei einem Treffen sei davon dann aber keine Rede mehr gewesen. "Er hat gesagt, er will 90.000 Euro von uns, weil die Frauen nicht mehr für ihn gearbeitet haben", erzählt der Zeuge vor Gericht. In einem Café sei das auf engstem Raum mit einem Faustschlag, einem Schwitzkasten, einem Messer und Drohungen wie "Ich finde dich überall" und "Ich mach dich kaputt" untermauert worden. Das sei eine schwere Erpressung, argumentiert die Staatsanwältin.

Widersprüche

"Ich hatte Angst um mein Leben", beteuert auch G., obwohl die Forderung auf 15.000 Euro reduziert wurde. Ein Gefühl, das der Vorsitzende hinterfragt: "Würde es Ihnen sinnvoll erscheinen, dass die Sie umbringen, wenn sie Geld von Ihnen wollen?"

Nicht der einzige Widerspruch, den auch die Verteidiger Nikolaus Rast und Rudolf Mayer aufzeigen. Ersterer stellt die nicht unberechtigte Frage in den Raum, warum sein Mandant S. ein halbes Jahr mit der Geldforderung gewartet haben soll, obwohl er wusste, wo ein Onkel von G. zu finden ist.

Mayer hält dem Opfer seine Aussagen vor der Polizei vor, die teilweise doch anders klingen als jene im Verhandlungssaal. Und er verweist auf einen weiteren Zeugen, einen unbeteiligten Kellner, der in dem Lokal nichts von Gewalt und Drohung bemerkt hat.

Auch das Gericht glaubt schließlich nur an eine einfache Erpressung. "Die Angeklagten hätten das Opfer wohl, salopp ausgedrückt, vermöbelt, aber nicht umgebracht, glauben wir", begründet Vorsitzender Trebuch das nicht rechtskräftige Urteil: 24 beziehungsweise 20 Monate unbedingt.  (Michael Möseneder, DER STANDARD, 9.7.2013)

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