Tierschutzverein auf den Teer gekommen

8. Juli 2013, 18:43
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Der Tierschutzverein will mit der Stadt Wien einen neuen Leistungsvertrag erstellen – und hat den alten gekündigt. In Wien stößt man auf wenig Verständnis. Parallel läuft die Suche nach einem neuen Grundstück.

Vösendorf/Wien – Aus rauer Kehle bellen ein paar Hunde inbrünstig in den blauen Himmel. Wollen sie Aufmerksamkeit erregen, sind sie im Tierschutzhaus des Wiener Tierschutzvereins (WTV) jeder Menge Konkurrenz ausgesetzt. 1800 Hunde, Katzen, Kleintiere und einige exotische Bewohner (etwa eine Baby-Boa-Constrictor) leben derzeit auf dem Areal in Vösendorf, das der Stadt Wien gehört. Bei einer solchen Bestandzahl sei das Tierschutzhaus "übervoll", sagt Vereinspräsidentin Madeleine Petrovic.

Petrovic erläuterte am Montag in einem Pressegespräch, warum der Verein Ende Juni die Leistungsvereinbarung mit der Stadt Wien gekündigt hat. Dieser Schritt würde im Jänner 2014 schlagend, man wolle aber Gespräche führen, sagte Petrovic. Eine Sprecherin der zuständigen Stadträtin Ulli Sima (SP) sagte, mein sei gesprächsbereit, Petrovic sei aber seit einer Woche nicht erreichbar gewesen. "Stimmt nicht", erwiderte die WTV-Präsidentin.

Petrovic fordert von Wien mehr Geld für die Versorgung von gefundenen, beschlagnahmten oder herrenlosen Tieren. Die jährlichen Zahlung der Stadt (im Jahr 2012 waren es rund 857.000 Euro) könnten nämlich nicht annähernd die tatsächlichen Kosten abdecken. Für einen Hund zum Beispiel erhält der WTV 354 Euro (11,8 Euro Tagsatz, maximal 30 Mal). Die Durchschnittsverweildauer betrage aber rund 60 Tage. Es sei schwieriger geworden, die Tiere zu vermitteln.

Mehr Geld gefordert

Der WTV beziffert seine jährlichen Ausgaben mit rund fünf Millionen Euro – wobei er bewusst auch Tiere versorgt, die die Leistungsvereinbarung nicht umfasst, zum Beispiel wenn Besitzer sie selbst bringen. "Wo sollen die Tiere sonst hin?", fragt Petrovic.

Die Summen zur Leistungsabgeltung wurden laufend indexangepasst – "die Zahlungen haben sich seit 2007 nahezu verdoppelt",  teilte Gerhard Spitzer, Tierschutzsprecher der Wiener SPÖ, mit. Der WTV  will trotzdem mehr Geld.+

Hundeführschein als Kostenfaktor

Für den Kostenanstieg macht Petrovic zwei Hauptursachen aus:  erstens, dass immer öfter Importe kranker, pflegebedürftiger Jungtiere entdeckt würden, und zweitens: der Hundeführschein. Seit 1. Juli 2010 muss jede Person in Wien, bevor sie einen Kampfhund äußerln führt, erfolgreich einen Kurs dafür absolvieren.

Die Zahl der entsprechenden Hunderassen in Obhut des WTV sei seit Inkrafttreten der Führscheinpflicht stark gestiegen. Nach Statistik des WTV waren im Dezember 2009 noch 65 von 339 Hunden Tiere dieser Arten. Im Dezember 2010 hatte sich die Zahl auf 145 mehr als verdoppelt. Im Jänner 2012 waren 175 der 349 Hunde sogenannte Listenhunde.

Die Stadt Wien nennt andere Zahlen: "Wurden vor Inkrafttreten des Hundeführscheins im Monat rund 17 Listenhunde im Tierschutzverein abgegeben, waren es  nach 2010 – also nach Inkrafttreten der gesetzlichen Regelungen – 13 im Monat", teilte Spitzer mit –  von Anstieg also keine Rede.

Wachsende Teerblasen

Die Probleme mit dem aktuellen Grundstück und Gebäude des WTV hätten mit der aktuellen Geldforderung nichts zu tun, sagte Petrovic. Seit Jahren quellen Teerblasen aus dem Boden, das Wasser ist kontaminiert, Wände zerlegen sich. Das 1998 in Betrieb genommene Haus wurde auf einer ehemaligen Erdölraffinerie errichtet, eine Sanierung käme zu teuer (geschätzte Kosten: rund 100 Millionen Euro). Wien hat dem Tierschutzverein ein Ausweichgrundstück in Vösendorf angeboten. Petrovic fürchtet aber, dass es bei dem Areal Anrainerprobleme geben würde, außerdem sei es weniger gut öffentlich erreichbar.

Für den Neubau selbst würde der WTV aufkommen. Die Kosten schätzt Petrovic auf 15 Millionen Euro. Derzeit errichtet Wien auch ein eigenes Tierheim: Im Norden Wiens, in der Donaustadt, entsteht das "Tierquartier", das 2015 eröffnen soll. Mit der Konkurrenz hat Petrovic, so gibt sie an, aber keine Probleme: "Die Stadt verträgt zwei Tierschutzhäuser", sagt sie. Zumindest in diesem Punkt sind sie und Sima einer Meinung. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 9.7.2013)

  • Nicht nur dieser Hund sucht ein neues Zuhause, auch der Wiener Tierschutzverein.
    foto: andy urban

    Nicht nur dieser Hund sucht ein neues Zuhause, auch der Wiener Tierschutzverein.

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