Gärtner: "Es muss kein aufgeblähter Apparat sein"

Interview8. Juli 2013, 18:35
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Das Aufbrechen des vielgeschmähten Lagerdenkens hat kleineren Parteien mehr Chancen eröffnet, sagt der Politologe Reinhold Gärtner. Erfolgreich könnten aber nur jene sein, die lokal verankert und gut organisiert sind

STANDARD: Herr Professor, wozu braucht man eigentlich neue Parteien, warum sind sie erfolgreich?

Gärtner: Da ist natürlich zum einen eine Unzufriedenheit mit dem Angebot. Aber das erklärt nicht alles: Kleinparteien hat es ja schon von Anfang an gegeben - der relativ neue Trend ist, dass zumindest einige auch ins Parlament hineinkommen. Von 1959 bis 1986 hat es ja nur drei Parteien gegeben, das haben erst die Grünen geändert.

STANDARD: Und jetzt treten andere Gruppen auf, um Unzufriedenheit zu kanalisieren?

Gärtner: Ja - und da gibt es teilweise eine Verstärkung durch die Medien. Auffallend ist, dass jetzt doch mehr Gruppen über ein Prozent kommen. Die Grünen waren ein Signal - und teilweise war das natürlich auch Jörg Haider, dessen Erfolge gleichzeitig begonnen haben. Da sind die Lager aufgebrochen.

STANDARD: Aber es war nicht Haider, der den Zerfall der Lager verursacht hat?

Gärtner: Nein, er hat ihn nur ausgenutzt. Die Lager haben einfach nicht mehr viel zu verteilen gehabt. Lange war die Zugehörigkeit zu einem Lager auch verbunden mit Lebenschancen: Wer in Tirol Volksschuldirektor werden wollte, war gut beraten, ein schwarzes Parteibuch zu haben, wer es in Wien werden wollte, sollte eher ein rotes haben.

STANDARD: Dieser Vorwurf besteht ja bis heute, trotz aller Objektivierung ...

Gärtner: Ja, das hängt den Parteien bis heute nach. Obwohl es nicht ganz fair ist, was man zur Ehrenrettung der Parteien sagen muss: Es hat ja auch immer eine Nachfrage gegeben. Aber gleichzeitig auch ein Protestpotenzial.

STANDARD: Was braucht eine Kleinpartei, um dieses Protestpotenzial für sich zu mobilisieren?

Gärtner: Es braucht ein Minimum an Personal - das hat Stronach in Tirol erleben müssen. Was die in Tirol aufgeführt haben, das war schon selbstzerstörerisch.

STANDARD: Braucht eine Partei eine Parteiorganisation?

Gärtner: Es muss kein aufgeblähter Apparat sein, aber man braucht eine Organisation, um Funktionäre, aber auch Wähler zu betreuen.

STANDARD: Wie muss eine Kleinpartei organisiert sein?

Gärtner: Flächendeckend präsent - und womöglich regional stark genug, ein Grundmandat zu machen. Nur in den Städten ein bisserl besser zu sein reicht nicht - siehe Liberales Forum. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 9.7.2013)

Reinhold Gärtner (58) kommt aus der Lehrerfortbildung, seit 2001 ist er Professor an der Uni Innsbruck.

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