Dr. Evil und die Kunst der Geldvermehrung

8. Juli 2013, 17:52
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Künstler Simon Denny nahm die Megaupload-Affäre um Kim Dotcom als Ausgangspunkt für seine Installation im Mumok

Wien - Kokettieren konnte Kim Dotcom auch mit dem Vorwurf schuldig zu sein. "Guilty" stand auf dem Nummernschild einer seiner zig Luxuskarossen. Neben dem Bad-Boy-Image pflegte der exzentrische Internet-Millionär auf dieser Kommunikationsfläche aber auch den provokanten Größenwahn: Die bescheidene Selbsttitulierung "Gott" zierte etwa den Rolls-Royce des Start-up-Tycoons. Die Karriere des angeblich "genialen" Hackers Kim Schmitz begann in Deutschland, wo für ihn die Luft aufgrund einer Anklage wegen Insiderhandels und Veruntreuung dünn wurde.

2012 kam er schließlich mit seinem Unternehmen Megaupload in die Schlagzeilen. Die US-Staatsanwälte warfen der Filesharing-Plattform vor, Urheberrechtsbrüche in gewaltigem Ausmaß zu ermöglichen. Denn unter den täglich bis zu 50 Millionen Nutzern waren freilich auch solche, die die Plattform für Internet-Piraterie missbrauchten. Um der "weltweit operierenden kriminellen Organisation" Einhalt zu bieten, wurde die Website vom Netz genommen, Dotcom festgenommen und von Polizei und FBI eine Razzia auf seinem Anwesen in Neuseeland durchgeführt.

110 Eigentumswerte stellte man bei dieser Aktion - deren Rechtsgrundlage angezweifelt wird - sicher: Neben Jetski, Harley Davidson und dem Fuhrpark - vom Lamborghini bis zum Maserati - auch Flachbildschirme und 175 Millionen Dollar Bargeld. "Diebesgut", das der in Neuseeland geborene, in Deutschland lebende Künstler Simon Denny im Mumok wie einen "Flohmarkt auf der Polizeistation" reinszeniert hat.

The Personal Effects of Kim Dotcom zeigt die konfiszierten Objekte in Form von Stellvertretern, Repliken und Kopien - vieles davon das Auge beleidigende Botschafter neureichen Geschmacks: Das maskenhafte, mangaartige Frauengesicht des britischen Künstlers Christian Colin etwa, der eine ähnliche Arbeit als Leihgabe spendete. Ein Filmfreak borgte die lebensgroße Predator-Figur.

Aber nicht alles in der Installation ist temporäre Requisite. Die Aberdutzend Konten Dotcoms, der sich als Hacker auch Dr. Kimble (nach dem Film Auf der Flucht) nannte, wurden als Webseiten auf Plaketten gedruckt. Auch Konzeptkunst will schließlich museal manifestiert werden.

Original oder Kopie? Diese Gretchenfrage der Kunst kriegt im Filesharing-Krimi - das Urteil im Prozess steht noch aus - eine besondere Note. Simon Denny materialisiert Vermögen, während sich andere Eigentumswerte im digitalen Zeitalter entmaterialisieren, weil sie millionenfach reproduziert werden können.

Im Mumok stehen hier drei leere Serverschränke, dort drei Paletten mit Papierscheinchen, deren oberste Streifen den Stapeln die Aura von 175 Millionen Dollar verleihen. Denny beschäftigte sich in der Vergangenheit schon häufig mit den Widersprüchen der neuen Medien: "Digitalisierung verlagert die Macht vom Establishment zum sozial digitalisierten Individuum", proklamierte er provokant in seiner Ausstellung 2013 im Kunstverein München.

Anhand seines Dotcom-Lagers im Mumok will Denny Fragen zu Besitz im globalen Datenzeitalter und seinen politischen wie sozialen Rahmenbedingungen verhandeln. Dass dies gelingt, darf bezweifelt werden. Viel wirkmächtiger ist das komprimierte Bild des zweifelhaften Helden, der wie ein Halbwüchsiger mit seinen Spielzeugen protzt. Denny schlachtet den sich auch als Rapper probierenden, im Quellwasser badenden 150-Kilo-Koloss ebenso aus wie einst die lokale Presse. Eine fantastische Geschichte! (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 9.7.2013)

Bis 13. 10.

  • Geschmacklosigkeiten, die die Luxusspielzeuge im Leben von Internet- Selfmademan Kim Dotcom illustrieren sollen.
    foto: gregor titze

    Geschmacklosigkeiten, die die Luxusspielzeuge im Leben von Internet- Selfmademan Kim Dotcom illustrieren sollen.

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