Großformatiges Bibelstück mit 300 Dörflern

8. Juli 2013, 17:01
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Oberammergau: Uraufführung von Feridun Zaimoglus / Günter Senkels "Moses"

Von einem türkisch-deutschen Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu erwartet man ja, dass er vom Schicksal heimatloser Gastarbeiter berichtet. Und tatsächlich! Man kann den Propheten Moses so sehen, als "Fremden unter Fremdlingen", wie er sich selbst nennt. Bei den Israeliten, die Fronarbeit für die Ägypter leisten müssen, lebt Moses allerdings privilegiert, wurde er doch als Findelkind von einer Schwester des Pharao adoptiert. Gleichzeitig fühlt er sich auch seiner hebräischen Herkunft zugehörig.

Zaimoglus Drama beginnt mit dem Mord des Mose an einem ägyptischen Aufseher. Er hatte diesen erschlagen, weil er eine Hebräerin vergewaltigt hatte. Moses muss für Jahre untertauchen und radikalisiert sich dabei auf der verzweifelten Suche nach seiner Identität immer mehr, bis er sich zur blutigen religiös-politischen Mission berufen fühlt. Ein Fundamentalist? Seine Landsleute werden ihm beim Auszug aus Ägypten durch die Wüste oft nur sehr widerwillig folgen. Bürgerkriege begleiten seine Aktionen.

In die Falle einer platten Aktualisierung ist Zaimoglu jedoch nicht getappt. Moses ist ein großformatiges Bibelstück in archaisierender Sprache, ganz auf den Auftraggeber, die Passionsspielgemeinde Oberammergau, zugeschnitten. Dabei achtet Zaimoglu penibel darauf, dass nichts an der widersprüchlichen und oft auch sehr gewalttätigen Gestalt von Moses erfunden ist. Zaimoglu hat gemeinsam mit Günter Senkel neben der Bibel mehrere Moses-Legenden herangezogen und alle Szenen gewissenhaft philologisch belegt. Als muslimischer Autor, der für eine katholische Spielgemeinde eine jüdische Geschichte erzählt, sichert sich Zaimoglu so gegenüber Angriffen von Religionsgemeinschaften ab.

Mit Moses bieten die Oberammergauer nun in der zehnjährigen Pause zwischen den Passionen vor allem ein großes Spektakel. Fast dreihundert Dorfbewohner stehen in biblischen Kostümen auf der Breitwandbühne, im Orchestergraben sitzt das Passionsorchester. Gottes Stimme ist niemals zu hören, doch schießen Feuerringe aus dem Bühnenboden. Und im Tanz ums Goldene Kalb räkeln sich barbusige Sünderinnen, ehe sie von Moses' Anhängern erstochen werden.

Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, arbeitet mit Laien durchaus anders als mit Theaterprofis. Dreimal war er bereits Spielleiter der Passion und hat dabei eine lustvolle theatralische Spielweise mit den Darstellern entwickelt, die dem archaisierenden Text entgegenkommt, hin und wieder ein wenig pathetisch deklamatorisch und ohne Raffinesse vorgetragen.

Doch die Widersprüche der Figuren sind in kräftigen Farben herausgearbeitet. Stückl setzt auf schon in der Passion bewährte Darsteller und kann ihre Figuren dort aufbauen und sie weiterentwickeln: Aus dem Jesus von 2010 (Frederik Mayet) wird nun der vermittelnde Aaron und aus Judas (Carsten Lück) Moses, kein alter bärtiger Mann, sondern ein intellektueller, fast jugendlicher Außenseiter.

Hinter den blutig roten Wolken und schroffen Bergen der Wüste, die Bühnenbildner Stefan Hageneier auf den Prospekt gemalt hat, sieht man bayerische Berggipfel und dunkle Abendwolken heranziehen. (Bernhard Doppler aus Oberammergau, DER STANDARD, 9.7.2013)

Bis 10. 8.

  • Ohne Stimme Gottes: Carsten Lück (li.), Stefan Burkhart.
    foto: arno declair

    Ohne Stimme Gottes: Carsten Lück (li.), Stefan Burkhart.

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