Ein Wienerwald für die Donaustadt: Verkehr als negativer Beigeschmack

12. Juli 2013, 05:30
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Der Vorsteher des 22. Gemeindebezirks will einen neuen Wienerwald pflanzen. Gleichzeitig erntet Norbert Scheed Kritik, weil er die bisherigen Grünräume und Siedlungen dem Verkehr preisgibt

Wien - An Immobilienprojekten mangelt es in Wien-Donaustadt nicht. Alleine auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern wird mit der sogenannten Seestadt ein ganzer Stadtteil auf einer Fläche von 240 Hektar aus dem Boden gestampft. Weite Teile des flächenmäßig größten Wiener Bezirks werden derzeit auch landwirtschaftlich genutzt. Der Waldanteil in der Donaustadt hingegen beträgt nach Abzug der Lobau gerade einmal drei Prozent.

Also wünscht sich die Donaustädter Bezirksvorstehung im Norden statt eines Teils der Äcker ein großzügiges Waldgebiet. Ein künstlicher "Wienerwald Nord-Ost" auf einer Fläche von bis zu 1.000 Hektar soll laut der Projektbeschreibung zum Naherholungsgebiet und zum Natur- und Lebensraum für Wildtiere werden.


Im Süden soll der neue Wienerwald von Hirschstetten und Breitenlee begrenzt werden, im Westen von der Wiener Nordrand Schnellstraße (S2) und im Norden sowie im Osten von der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich.


"Die Donaustadt hat mehr Einwohner als die Stadt Salzburg. Die Lobau alleine kann das Erholungsbedürfnis der WienerInnen nicht befriedigen. Wenn die Bevölkerung der Stadt weiter wächst wie bisher, besteht die Gefahr, dass es in absehbarer Zeit weder Grünräume noch Landwirtschaft in der Donaustadt gibt", erklärt SPÖ-Bezirksvorsteher Norbert Scheed in einer Aussendung.

Beliebte Abkürzung durchs Grüne

Einige Bürger im Bezirk wollen Scheed seine Visionen für die Umwelt aber nicht abnehmen. Denn schon seit Jahren nehme er fahrlässig in Kauf, dass täglich tausende Autos durch ein Landschaftsschutzgebiet an der Grenze des Nationalparks Donau-Auen rasen und zu Stoßzeiten dort doch im Stau stehen.

"Lärm- und Feinstaubbelastung machen es unmöglich, diesen bereits bestehenden Erholungsraum zu genießen", sagt Karin Schiller von der Bürgerinitiative "Rettet das Lobauvorland". Messungen der MA 46 haben laut Schiller ergeben, dass regelmäßig Höchstgeschwindigkeiten überschritten werden und zeitweise mehr Autos über diese Abkürzung durchs Grüne fahren als über die Hauptrouten Groß-Enzersdorfer Straße und Biberhaufenweg.


Für den Transitverkehr von Gänserndorf oder Essling zur Raffineriestraße ist der Weg über Groß-Enzersdorfer Straße und Biberhaufenweg (grün) vorgesehen. Viele nehmen aber lieber die Abkürzung über Wald- und Feldwege (rot).


Die Initiative hat sich bereits mehrmals vergeblich an SPÖ, Grüne, diverse Magistratsabteilungen, Polizei und Volksanwaltschaft gewandt, sagt Schiller. Und auch aus dem Büro von Scheed kamen bisher nur Absagen auf die Forderung nach einer Reduktion des Durchzugsverkehrs. "Diese Straßen müssen für den Verkehr frei bleiben, damit die Groß-Enzersdorfer Straße und die Erzherzog-Karl-Straße nicht so belastet werden", soll der Bezirkschef in einer E-Mail an Anrainer geantwortet haben.

In einem Bericht der "Kronen Zeitung" vertröstet Scheed die Bürger auf das Jahr 2017. In vier Jahren soll die geplante Asperner Spange die Seestadt mit der Wiener Außenring Schnellstraße (S1) verbinden und für eine Neuordnung des Verkehrs in der Donaustadt sorgen: "Dann werden wir uns zusammensetzen und gemeinsam eine Lösung finden", wird Scheed in dem Bericht zitiert.

Bürgerinitiative "auf einem schrägen Horrortrip"

Ein Zubringer zur Asperner Spange ruft jedoch den Unmut einer anderen Bürgerinitiative im 22. Bezirk hervor. Der Verein "Hirschstetten retten" wehrt sich gegen die sogenannte Stadtstraße, die teils sechsspurig durch besiedeltes Gebiet gebaut werden soll, um die Spange mit der Südosttangente (A23) zu verknüpfen. 340 Millionen Euro hat die Asfinag dafür veranschlagt.


Die A23 im Westen der Donaustadt und die künftige Trasse der S1 im Osten (noch nicht realisiert) soll eine bis zu sechsspurige "Stadtstraße" (rot) in teils besiedeltem Gebiet verbinden.


"Wir verlangen keine autofreie Stadt, aber wir fordern eine zukunftsversierte, fachkompetente und durchsichtige Stadtentwicklung sowie Verkehrsplanung", erklärt Julia Schandl von "Hirschstetten retten". Lebenswerte Stadtplanungen würden keine sechs- und auch keine vierspurigen Straßen beinhalten, sondern in räumlicher, monetärer und vor allem gesundheitlicher Sicht ressourcenschonendere Alternativen zulassen, so Schandl.

Diese Forderung nach Alternativen kam bei Scheed nicht gut an: In einem mittlerweile gelöschten Facebook-Posting soll er Mitglieder der Bürgerinitiative Ende des Vorjahres als "auf einem schrägen Horrortrip befindliche Personen" bezeichnet haben. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 11.7.2013)

  • Umweltstadträtin Ulli Sima und Bezirksvorsteher Norbert Scheed: Zarte Pflänzchen für einen neuen Wienerwald.
    foto: christian jobst / pid

    Umweltstadträtin Ulli Sima und Bezirksvorsteher Norbert Scheed: Zarte Pflänzchen für einen neuen Wienerwald.

  • Während der Norden Donaustadts aufgeforstet werden soll, kritisiert eine Bürgerinitiative Scheed wegen des Verkehrsaufkommens am Rand des Nationalparks Donau-Auen.
    foto: reuters/herwig prammer

    Während der Norden Donaustadts aufgeforstet werden soll, kritisiert eine Bürgerinitiative Scheed wegen des Verkehrsaufkommens am Rand des Nationalparks Donau-Auen.

  • Zornig sind im 22. Bezirk auch die Gegner der Wiener Außenring-Schnellstraße: Die drei Milliarden teure Straße soll Ausgangspunkt der europäischen Transitroute Ten 25 von Wien beziehungsweise Bratislava bis Danzig werden.
    foto: fischer/der standard

    Zornig sind im 22. Bezirk auch die Gegner der Wiener Außenring-Schnellstraße: Die drei Milliarden teure Straße soll Ausgangspunkt der europäischen Transitroute Ten 25 von Wien beziehungsweise Bratislava bis Danzig werden.

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