Haben "dumme" Menschen besseren Sex?

17. Juli 2013, 10:08
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"Intellekt hat beim Sex nichts zu suchen", sagt die Sexualmedizinerin Elia Bragagna und geht der Redewendung "Dumme Menschen haben besseren Sex" auf den Grund

Seit Generationen kursiert der Spruch "Dumme Menschen haben besseren Sex", etwas umgangssprachlicher auch als "Dumm f*** besser" bekannt. Laut einer Studie des deutschen Sexualwissenschaftlers Norbert Kluge lässt sich diese These nicht untermauern: Ehemalige Realschüler praktizieren mit 62,2 Prozent mindestens einmal pro Woche Sex, dicht gefolgt von Akademikern mit 59,9 Prozent. Schlusslicht sind die ehemaligen Hauptschüler mit 37,6 Prozent.

Orgasmusfähigkeit

Wobei die Quantität des Geschlechtsverkehrs naturgemäß nichts über seine Qualität aussagt. Dieser widmete sich eine Studie aus dem Jahr 2009 im Hinblick auf den Orgasmus. 4.000 Frauen befragte die Berner Psychologin und Genetikforscherin Andrea Burri dafür gemeinsam mit britischen Kollegen.

Das Ergebnis: Emotionale Intelligenz als Fähigkeit, die eigenen Gefühle auszudrücken und die Gefühle anderer zu verstehen und einzuordnen, ist das Um und Auf für guten Sex. Frauen, die über eine solche verfügen, erleben dreimal öfter einen Orgasmus als andere Frauen. Sie sind in der Lage, sich während des Geschlechtsverkehrs Lustfantasien im Kopf auszumalen und dem Mann gegenüber ihre Wünsche zu artikulieren. Das gilt laut Burri auch für Männer.

Auch die Sexualmedizinerin Elia Bragagna betrachtet soziale Intelligenz gepaart mit sexueller Kompetenz als Voraussetzung für ein erfülltes Sexualleben: "Intellekt im herkömmlichen Sinn hat beim Sex überhaupt nichts zu suchen. Es geht darum, ob ich fähig bin, mich dem hingeben zu können, was im Augenblick auf der Erotikebene vor sich geht", bringt es Bragagna auf den Punkt.

Kreisende Gedanken beim Geschlechtsakt

Die eigenen kreisenden Gedanken beim Geschlechtsakt nicht ausschalten zu können hat laut Breagagna nichts mit Klugheit oder Dummheit zu tun. Sowohl Menschen mit einem hohen als auch solche einem niedrigen IQ sind davon betroffen.

Da 40 Prozent der emotionalen Intelligenz genetisch bedingt, 60 Prozent durch die Umwelt bestimmt sein sollen, ist das Loslassenkönnen allemal trainierbar, doch für jeden einzelnen Betroffenen gilt es, den richtigen Weg zu finden. "Wir tendieren dazu, einfache Rezepte für Probleme mit der Sexualität zu suchen. Rezepte gibt es zwar, aber in den meisten Fällen sind sie weder auf der oberflächlichen Ebene angesiedelt noch auf der tiefen Psychoebene", weiß Bragagna.

So müsse, wer nicht abschalten könne, etwa weil er in seinem Beruf überfordert sei, auf dieser Ebene arbeiten. Das Erlernen einer Entspannungstechnik würde hier nicht viel bringen, meint die Sexualmedizinerin.

Sexuelle Fantasie

Was sich ebenfalls im Kopf abspielt, aber keinesfalls abgeschaltet werden sollte, sind die sexuellen Fantasien. "Die meisten Menschen verstehen darunter immer neue, abwechslungsreiche Sexpraktiken mit immer neuen Toys", sagt Bragagna und würde den Begriff gerne übersetzt sehen in "Hingabe an das, was im Moment für einen selbst und für den Partner passt".

"Wenn ich übermütig und energievoll bin, werde ich ganz andere Ergebnisse haben, als wenn ich müde und anlehnungsbedürftig bin", weiß die Expertin. Das bedeutet für sie Fantasie im Sinne von Lebendigkeit und Vielfalt.

Sie plädiert dafür, dem Partner zuzumuten, Verantwortung für seine Sexualität zu übernehmen: "Meistens schauen die Frauen, dass es dem Mann wahnsinnig gut geht, und die Männer schauen, dass es den Frauen wahnsinnig gut geht, und dabei vergessen sie, was ihnen selbst gut tut. Mich wundert es nicht, dass jede zehnte Frau lustlos ist und darunter leidet." Sie würden nicht darauf achten, was ihnen Lust bereitet, und stattdessen einem Klischee von Lust nachlaufen.

Schöne Menschen, guter Sex?

Apropos Klischee: Haben schöne Menschen guten Sex? "Es ist nicht die Schönheit, die Menschen zusammenbringt", sagt Bragagna und bezeichnet die Tatsache, dass Erotik unter ganz anderen Bedingungen als unter Schönheitsnormen fließen kann, als "erstaunlich und schön".

"Bedenken Sie, wie vertrottelt wir beim Geschlechtsverkehr ausschauen", erinnert die Expertin. "Man verzerrt das Gesicht, jault und jammert. Welchen ästhetischen Ansprüchen genügt das schon?" Wesentlich sei die eigene Haltung gegenüber den Schönheitsidealen. Menschen, die darin gefangen sind, können sich nicht hingeben, wenn sie diesen nicht entsprechen. Die Normen sind früh konditioniert, was es schwer macht auszubrechen. 

Körper versus Gedanken

Zur sexuellen Hingabe gehört eine ordentliche Portion Vertrauen, doch auf der Tagesordnung in der sexualtherapeutischen Praxis steht Verunsicherung. Viele ihrer Klienten hätten das Gefühl, ihr Kopf sage etwas anderes als ihr Körper. "Sie trauen sich nicht, ihrem Körper zu folgen, was aber häufig das Gescheiterte wäre", berichtet die Expertin von jungen Burschen, die nach Potenzmitteln fragen. 

Dabei geht es meistens um das Vertrauen, vor allem bei One-Night-Stands. Bragagna: "Der Körper sagt: 'Vertraue ihr noch nicht, lass dir Zeit', aber das widerspricht unserer Norm von Männern, die alles abgrasen müssen, was auf der schönen grünen Wiese ist."

Diese Unsicherheit wird durch Social Media noch verstärkt; so beobachtet die Sexualtherapeutin, dass vom "Versagen" Betroffene auf Facebook gepostet werden. Eine Entwicklung, die Bragagna als "eine neue Dimension der Intimität" bezeichnet. "Angesichts solcher Konsequenzen muss man immer bedenken, was es bedeuten kann, wenn man sich fallen lässt." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 17.7.2013)

Elia Bragagna ist Sexualmedizinerin und -therapeutin. Sie leitet die Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG), ist Begründerin der ersten Online-Enzyklopädie für sexuelle Gesundheit (sexmedpedia.com) und Autorin des Buches "Das Sexwissen für Frauen. Weiblich, sinnlich, lustvoll".

  • Forrest Gump hatte einen IQ von 75 und vermutlich guten Sex.
    foto: reuters/phil mccarten

    Forrest Gump hatte einen IQ von 75 und vermutlich guten Sex.

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