Was beim "neuen" Lehrerdienstrecht falsch läuft

Leserkommentar8. Juli 2013, 14:03
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Ein ehemaliger AHS-Lehrer über die Missstände bei der Konzeption des neuen Lehrerdienstrechts

4,5 Billionen Euro kostete zwischen 2008 und 2010 die Rettung der Banken allein in der EU. Der Neoliberalismus hat deshalb zwar als Ideologie des Finanzkapitals seit 2008 wirtschaftlich, aber nicht politisch abgewirtschaftet. Das "befremdliche Überleben des Neoliberalismus" (Colin Crouch) just in einer Zeit unfassbarer Finanz- und Bankskandale zeigt sich unter anderem in der geplanten "Reform" des österreichischen Lehrerdienstrechts.

Diese "Reform" wird in Österreich derzeit durch eine sozialdemokratisch geführte Schuladministration umgesetzt, die so kurzsichtig ist und glaubt, dass ihr diese Reform politisch nicht schade, weil die LehrerInnen eh nicht zur SPÖ-Klientel, sondern zur ÖVP-Klientel gehören. Wie ÖVP und SPÖ sowie ihre medialen Zuarbeiter jedoch dem Bildungssystem langfristig schaden, das bedenken sie nicht.

Überall in der EU werden derzeit die Banken vor allem auf Kosten der öffentlich Bediensteten und durch Kürzung der öffentlichen Mittel im Bildungs- und Sozialbereich saniert. In Österreich erfolgt dies gerade im Zuge der Verhandlungen über das künftige Arbeitszeitmodell und Gehaltssystem der LehrerInnen.

"Über Mehrarbeit (Verlängerung der Arbeitszeit) wird auch in anderen Bereichen verhandelt, warum sollte der Schulbetrieb davon ausgenommen sein?", tönt es in Österreichs Medien. Daher möchte ich hier Folgendes festhalten:

1. Mehr arbeiten und weniger verdienen

Die derzeitige österreichische Regierung glaubt anscheinend allen Ernstes an die Notwendigkeit einer neoliberalen Umgestaltung des Öffentlichen Dienstes im Sinne einer Orientierung am privatwirtschaftlichen Gewinnstreben statt am Gemeinwohl. Daher räumt sie Kostensenkungsstrategien oberste Prioriät ein: Auch die LehrerInnenarbeit soll "flexibilisiert" werden. Die LehrerInnen sollen mehr arbeiten und weniger verdienen.

2. Internationaler Vergleich hinkt

Begründet wird das immer mit der Behauptung der OECD, dass Österreichs LehrerInnen "im internationalen Vergleich" sehr gut verdienen würden und Österreichs Bildungssystem eines der teuersten der Welt sei. Hier wird anscheinend die österreichische Öffentlichkeit gezielt getäuscht. Denn die österreichische Regierung bezieht angeblich - im Gegensatz zu den anderen OECD-Ländern - die Lehrerpensionskosten in die Kosten des Bildungssystems ein. Die aktiven österreichischen LehrerInnen verdienen in Wirklichkeit schlechter als ihre KollegInnen in der Schweiz, Deutschland, Holland und Skandinavien. Dies müsste endlich einmal überprüft und die diesbezügliche Täuschung der Öffentlichkeit eingestellt werden.

3. LehrerInnen arbeiten auch zu Hause

Im Umgang mit dem künftigen Lehrerarbeitszeitmodell demonstrieren sowohl die Regierung als auch die GÖD-Gewerkschaft eine erhebliche Inkompetenz und Inflexibilität. Man ist im Zuge der Verhandlungen offenbar nicht imstande gewesen, die Arbeit der LehrerInnen außerhalb (!) des Unterrichts in der Klasse zu quantifizieren und zu qualifizieren sowie im Arbeitszeitmodell und Gehaltssystem entsprechend einzubeziehen. Dabei arbeiten LehrerInnen sowohl an den Schulen als auch zu Hause - auch an Wochenenden - (ohne steuerliche Absetzbarkeit der Arbeitszimmer!) derzeit schon das Doppelte bis Dreifache ihrer Arbeit im Klassenzimmer.

Man bürdet ihnen gerade außerhalb des Unterrichts immer mehr Arbeit auf. Es geht daher nicht an, dass sich die Regierung bei der dienstrechtlich relevanten Arbeitszeit immer auf die Unterrichtszeit zurückzieht und diese zu erhöhen wünscht, weil diese Unterrichtszeit angeblich beweise, dass LehrerInnen eh so wenig arbeiten.

4. Neoliberale Forderungen

Die populistischen Untertöne in den Kommentaren und Postings zu diesem Thema zeigen, warum in Österreich derzeit tatsächlich jede vernünftige Schulreform zum Scheitern verurteilt ist: Wirtschaft, Politik und Medien geben sich gerade in Bildungsfragen gerne als "reformorientiert" aus, in Wirklichkeit aber demonstrieren sie hinter ihren neoliberalen Forderungen häufig nur Unkenntnis der schulischen Arbeitswelt und Verachtung gegenüber den LehrerInnen. 

5. Systematische Entmündigung

Ein weiterer Grund, warum sich die Lage der LehrerInnen im letzten Jahrzehnt besonders verschlechtert hat, ist oft nicht einmal den LehrerInnen selbst bewusst: Es ist dies ihre systematische Entmündigung in zentralen Arbeitsbereichen durch Juristen und extern gesteurte Controllingverfahren (Bildungsstandards, Zentralmatura, etc), die sie im Unterricht zu rein ausführenden Organen externer Zielsetzungen degradiert. Diese als Sinnverlust empfundene Entmündigung der LehrerInnenarbeit konterkariert sowohl die Idee der Schulautonomie und als auch die so notwendige Professionalisierung der LehrerInnenarbeit. Die als "Reform" bejubelten Controlling-Maßnahmen gehen meiner Meinung nach in die völlig falsche Richtung.

"Der engagierte Lehrer und seine Feinde", dieses treffende Statement im Buchtitel von Niki Glattauer bewahrheitet sich derzeit wieder einmal auf traurige Weise bei den Verhandlungen um das "neue" österreichische Lehrerdienstrecht. (Anton Brandner, Leserkommentar, derStandard.at, 8.7.2013)

Anton Brandner ist Bildungswissenschaftler und AHS-Lehrer im Ruhestand.

Link

Anton Brandner: "Der Wandel des Öffentlichen Dienstes sowie die geplante Dienstrechtsreform zur 'Flexibilisierung' der LehrerInnenarbeit" (PDF)

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