Gelsenplage an der March: Was im Biogift drinsteckt

8. Juli 2013, 18:36
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An der March wurde der Wirkstoff Bti mit Hubschraubern eingesetzt. Ob das negative Folgen für die Natur hat, ist nicht ganz klar

Das Hochwasser im Juni hat in vielen Teilen Österreichs eine Gelsenplage verursacht. Die Kombination aus Wärme und Feuchtigkeit ist optimal für die Entwicklung der Stechmücken. Augebiete sind deshalb besonders gelsengeplagt.

Aus diesem Grund wurde heuer in Niederösterreich zum ersten Mal mit einem Hubschrauber gegen die Insekten vorgegangen. In sechs Gemeinden entlang der March kam das Gelsenbekämpfungsmittel Bti (Bacillus thuringiensis israelensis) zum Einsatz.

Darm der Larven wird zerstört

Verwendet wird dabei ein Granulat, das den Wirkstoff Bti bindet. Bti zerstört den Darm der Gelsenlarven und tötet sie. "Der Einsatz des Bakteriums ist nur in einem gewissen Zeitfenster sinnvoll, da es nur gegen die Larven und nicht gegen die Eier oder die Gelsen selbst wirkt", sagt Sabine Cladrowa vom Umweltbundesamt.

Untersuchungen haben laut Cladrowa bisher keine Gefährdung des Menschen durch Bti ergeben: "Dennoch sollte direkter Hautkontakt und ein Einatmen des Bakteriums vermieden werden." Auch Herwig Schuster, Chemiker bei Greenpeace, bestätigt, dass Bti für Menschen nicht giftig ist. Eine gewisse Gefahr bestehe zwar immer, da es sich aber um ein biologisches Gift handle, sei diese sehr gering. "Wenn es darum geht, Insektengifte einzusetzen, kennen wir nichts Besseres als Bti", so Schuster.

Zu nahe an Augebieten gebaut

"Und heuer war das Gelsenproblem so stark, dass es einfach notwendig war, um die Menschen zu schützen", sagt Schuster, der aber auch darauf hinweist, dass der Einsatz von Bti ein klarer Eingriff ins Ökosystem ist. Der Wirkstoff tötet nämlich nicht nur die Stechmücke, sondern auch die harmlose Zuckmücke. Diese Insekten sind eine wichtige Futterquelle für Libellen und Vögel, wodurch es zu Problemen in der Nahrungskette kommen könnte.

Allerdings gibt es zu den Auswirkungen von Bti in Österreich noch keine Langzeitstudien, da das Mittel erst seit 2010 eingesetzt wird. "Der Einsatz von Bti darf aber nicht zur Routine werden, er sollte sich wirklich nur auf extreme Gelsenjahre beschränken", betont Schuster. In gewöhnlichen Gelsenjahren müssten sich die Bewohner an die Insekten gewöhnen. "Das Problem ist ja auch, dass viele Siedlungen einfach zu nahe an Augebieten gebaut wurden und natürlich hat man da mit Gelsen zu kämpfen", so der Greenpeace-Chemiker.

Laut Sabine Cladrowa vom Umweltbundesamt darf Bti nur gezielt eingesetzt werden, also nur auf temporäre Gewässer, die durch Hochwässer entstehen. Denn: "Je großflächiger Bti ausgebracht wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit negativer Auswirkungen."

Nur gezielter Einsatz

Die Gemeinden an der March haben seit 2010 die Genehmigung zum Einsatz von Bti. Ab zwanzig Larven pro Liter wird das Gift gesprüht. "Diesen Sommer gab es aber Brutstätten mit über 1.500 Larven pro Liter", erzählt Robert Freitag, Bürgermeister in Hohenau an der March.

Daher wurde im Juni zweimal ein Hubschrauber eingesetzt, um das Bti-Granulat großflächiger zu verteilen. Dabei konnten über 95 Prozent der Gelsenlarven zerstört werden. Dennoch rechnet Freitag diesen Sommer mit einer weiteren Plage. In diesem Fall müsste dann wieder auf die Hubschrauberabwehr zurückgegriffen werden.

Freiwillige Helfer versprühen Bti

In Hohenau an der March gibt es zusätzlich eine Gelsenwehr, die sich aus freiwilligen Helfern zusammensetzt. Diese gehen täglich mit einem Behälter voll Bti-Granulat am Rücken durch die Augebiete und versprühen das Gift direkt in die Gelsenbrutstätten.

Wichtig sei in dem ganzen Prozess aber auch, dass nach dem Einsatz von Bti ein Umwelt-Monitoring durchgeführt wird, erklärt Bürgermeister Freitag. Dabei untersuchen Biologen und Insektologen die unmittelbaren Auswirkung des Giftes. Solch ein Monitoring wird auch in Hohenau an der March gemacht. Bisher wurden laut Freitag aber noch keine Umweltschäden festgestellt. (Lea Luna Holzinger, derStandard.at, 9.7.2013)

Hintergrund: Gelsen an der March

Neun Gemeinden an der March kämpfen gemeinsam gegen das Gelsenproblem und haben sich zum Verein Biologische Gelsenregulierung zusammengeschlossen: Dazu gehören Rabensburg, Hohenau an der March, Ringelsdorf-Niederabsdorf, Drösing, Jedenspeigen, Dürnkrut, Angern an der March, Marchegg und Engelhartstetten. Die Leiter des Vereins sind Bürgermeister Robert Freitag (Hohenau) und Bürgermeister Reinhard Kridlo (Jedenspeigen). Seit 2010 haben die Gemeinden die Erlaubnis zum Einsatz des Gelsenvernichtungsmittels Bti. Heuer wurde das Mittel in sechs der neun Gemeinden per Hubschrauber eingesetzt.

  • Ab 20 Gelsenlarven pro Liter wird in den Gemeinden an der March Bti eingesetzt. Diesen Sommer wurden teilweise 1.500 Larven pro Liter gezählt
    foto: gemeinde hohenau

    Ab 20 Gelsenlarven pro Liter wird in den Gemeinden an der March Bti eingesetzt. Diesen Sommer wurden teilweise 1.500 Larven pro Liter gezählt

  • Durch das Hochwasser war die Gelsenplage heuer bereits so schlimm, dass an der March das Bti-Granulat per Hubschrauber verteilt wurde.
    foto: gemeinde hohenau

    Durch das Hochwasser war die Gelsenplage heuer bereits so schlimm, dass an der March das Bti-Granulat per Hubschrauber verteilt wurde.

  • Zusätzlich kommen auch Freiwillige der Gelsenwehr zum Einsatz, die das Granulat in den Auen händisch versprühen.
    foto: gemeinde hohenau

    Zusätzlich kommen auch Freiwillige der Gelsenwehr zum Einsatz, die das Granulat in den Auen händisch versprühen.

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