Einmaleins für Notfälle beim Kind

8. Juli 2013, 16:51
53 Postings

Wenn Kinder vor Schmerz schreien, vergessen Eltern oft, was zu tun ist - Ein paar Handlungsanweisungen

Im Notfall muss man wissen, was zu tun ist. Die hier vorgestellten Handlungsanweisungen für sämtliche große und kleinere Katastrophen des Lebens stammen vom Notfallmediziner Philip Eisenburger, der an einer Wiener Notaufnahme, bei der Rettung, im Notarzthubschrauber und als Vater zweier Kinder jahrelang Erfahrung gesammelt hat.

Wiederbeleben: 30:2 oder Wiederbelebung im Rhythmus des Radetzkymarsches

Es ist das Schrecklichste, was passieren kann. Wenn ein Kind nicht mehr atmet, zählt jede Sekunde. Rettung rufen (Gedankenstütze für Telefonnummern: "12zwo ­Lichterloh, 133 Polizei, 144 Rettung hier"), dann abklären, ob und wo in der Nähe ein Defibrillator sein könnte, und jemanden losschicken, ihn zu holen. Wichtiger als alles andere sind Wiederbelebungsmaßnahmen, also Herzmassage und Beatmung im Wechsel 30 zu zwei.

Es gilt, mit übereinandergelegten Handflächen 30-mal fest auf die Mitte des Brustkorbs zu drücken und sich dabei am Rhythmus des Radetzkymarsches zu orientieren. Nicht zu zaghaft drücken. Dann zweimal Mund-zu-Mund-Beatmung. Dafür den nach hinten überstreckten Kopf an Kinn und Stirn halten, Nase zudrücken und in den Mund des Patienten so stark hineinhauchen, dass sich der Brustkorb hebt. Ohne Pause so lange wiederholen, bis Hilfe eintrifft. Wer einen Defibrillator hat, soll ihn einschalten, das Gerät gibt alle Instruktionen an.

Quallen: Brennende Tentakel, schmerzhafte Seeigelstacheln

Tunfische sind die natürlichen Feinde der Quallen, weil sie im Mittelmeer fast ausgerottet sind, triumphieren die Nesseltiere und verderben den Badespaß. Die gute Nachricht: Es tut zwar weh, an sich sind die Tiere aber ungefährlich. Wer von den Tentakeln erwischt wird, bekommt erst einmal einen Riesenschreck. Wichtig ist, die feinen Härchen, die noch auf der Haut sein könnten, am besten mit Meerwasser zu entfernen.

Niemals Süßwasser verwenden! Auch Kühlen mit kalten Getränkedosen (Strandbar!) hilft, Essigwasser in fünfprozentiger Verdünnung bringt ebenfalls Linderung. Reiben vermeiden und keinesfalls mit Alkohol behandeln. Übrigens: Quallen in anderen Weltmeeren können wesentlich gefährlicher sein, Informationen im Vorfeld sind ratsam. Generell gilt: weniger Tunfisch essen. Wer auf einen Seeigel tritt, deaktiviert dessen Gift am besten mit warmem Wasser. Stacheln mit einer Pinzette entfernen. Stelle desinfizieren.

Sonnenbrand: Raus aus dem UV-Licht, streng sein beim Einschmieren

Sonnenbrände sind Verbrennungen ersten Grades. Es ist erwiesen, dass jene, die man sich in der Kindheit einfängt, für die Entwicklung von Hautkrebs im Erwachsenenalter eine entscheidende Rolle spielen. Hautzellen merken sich jede Dosis und Überdosis UV-Licht und werden zu krebsigen Wucherungen, wenn das Immunsystem in späteren Jahren nicht mehr stark genug ist, Fehler im System in Schach zu halten.

Babys sollten deshalb überhaupt nicht in die Sonne, Mittagssonne ist sowieso tabu und Einschmieren mehrmals am Tag oberste Devise, am besten mit Faktor 50 wasserfest (P+ ist das neue Kürzel). Dermatologen empfehlen Produkte mit UVA- und UVB-Schutz: Dass chemische Filter für Kinderhaut schädlich wären, ist ein hartnäckiges Gerücht, beteuern sie. Sollte ein Sonnenbrand dann doch einmal passiert sein, hilft Kühlen mit Hausmittel wie Joghurt, Gurkenscheiben oder Aloe Vera. Auf alle Fälle heißt es: raus aus der Sonne - für mindestens zwei Tage.

Sonnenstich: Roter Kopf, Schmerzen beim Nicken - raus aus der Sonne

Als Großstadtbewohner haben wir oftmals verlernt, die Gewalt der Natur richtig einzuschätzen. Die Sonne verbrennt nicht nur die Haut, sondern wirkt sich auf den gesamten Organismus aus. Besonders den kindlichen Organismus kann Hitze stark überfordern. Ein rotes Gesicht, Übelkeit und Kopfschmerzen, ohne dass das Kind dabei besonders schwitzt, sind eindeutige Hinweise für einen Sonnenstich. Konkret ist das eine Reizung der Hirnhäute, die durch intensive UV-Strahlung auf Schädel und Nacken ausgelöst wird.

Wer Sicherheit will, sollte sein liegendes Kind auffordern, zu nicken, also "Ja" zu signalisieren. Wenn es dabei Schmerzen hat (und beim Kopfschütteln, also "Nein" sagen, nicht), dann können Eltern ebenfalls von einem Sonnenstich ausgehen. Die beste Lösung: ins Bett, Zimmer verdunkeln und viel trinken. Wenn es wieder gut ist, dann Vorsicht walten lassen. Nie ohne Sonnenschirm an den Strand, Kappe tragen, auch im Wasser.

Verbrennung: Unbedingt kühlen, niemals etwas draufschmieren

Es ist schnell passiert. Ein Teller heiße Suppe, eine Kerze oder das Bügeleisen. So gut wie keine Kindheit vergeht ohne Brandverletzungen, im besten Fall sind sie harmlos und so etwas wie eine Warnung. Weh tun sie allerdings in ­jedem Fall. Solange sie an Händen und Füßen sind, sollte die verbrannte Stelle so schnell wie möglich unter fließendem, nicht allzu kaltem Wasser gekühlt werden. Am besten ein paar Minuten lang. Schwieriger ist es, wenn sich die Brandwunde am Bauch oder Rücken befindet.

Zu langes Kühlen bringt dann nämlich die Gefahr einer Unterkühlung. Bei Brandstellen, die größer als eine Handfläche sind, sollte man sofort und dringend ins Krankenhaus. Für den Transport kann man einem Kind, das starke Schmerzen hat, auch ein schmerzstillendes Zäpfchen geben. Auf gar keinen Fall sollte man jedoch Salben, Mehl, Joghurt oder andere als  Hausmittel titulierte Substanzen auf eine Brandwunde schmieren, weil starke Infektionsgefahr besteht.

Verstauchung: Von blauen Flecken, Bänder- und Muskelzerrungen

Wenn Bänder oder Gelenke überdehnt werden, reißen Blutgefäße. Bluterguss, Schwellung und Schmerz sind die Folgen. Dann heißt es vor allem die verletzte Stelle kühlen. Dadurch ziehen sich die Blutgefäße zusammen. Auch Topfenwickel helfen (praktisch, weil weniger Patzerei, ist "Quarkpack" aus Apotheken), Milchsäurebakterien wirken entzündungshemmend. Wenn es nicht besser wird, vom Arzt anschauen lassen.

Wunden: Wie aufgeschundene Knie und Cuts verarztet werden

Wer Blut sieht, sieht rot. Wenn das Kind schreit, sollten Eltern die Nerven bewahren und schauen, wie schwer die Verletzung überhaupt ist. Solange eine Wunde nicht tief ist, also die Gewebeteile sich gegeneinander nicht verschieben lassen, besteht kein Handlungsbedarf. Die Haut ist nur aufgeraut, Keime können nicht eindringen, und jegliche Form von Salbe, Desinfektion oder Pflaster ist nicht notwendig. Wenn die Wunde klafft, desinfizieren und zum Hausarzt.

Er entscheidet, ob genäht werden muss. Pflaster können ein Trost sein, sind aber nur bei sehr großflächigen Abschürfungen (Sturz vom Fahrrad) notwendig, dann sollte aber auch desinfiziert werden. Tagelange muss die Wunde nicht verbunden sein, es fördert die Heilung nicht. Besonders gefährlich, weil infektiös, sind Tierbisse, sobald die Haut verletzt ist. Sie müssen von einem Arzt begutachtet werden, besonders im Ausland, wenn dort Tollwutgefahr herrscht. Die wichtigste Präventionsmaßnahme: die Tetanusimpfung.

Zeckenbiss: Böser Holzbock, weil elender Krankheitsüberträger

Wer in Zeckengebieten gerne in der Natur unterwegs ist, sollte generell eine Zeckenimpfung in Erwägung ziehen. Damit ist die Gefahr, sich mit FSME zu infizieren und eine gefährliche Gehirnhautentzündung mit lebenslangen Spätfolgen zu riskieren, gebannt. Hat einen eine Zecke erwischt, zieht man sie optimalerweise mit einer Pinzette ganz gerade heraus. Kein Drehen, kein Öl, aber unbedingt darauf achten, dass auch der Kopf mit rausgezogen wird.

Nach dem Entfernen bleibt eine kleine Rötung, die nach zwei Tagen verschwunden sein soll. Wenn sich dort, wo der Zeck gesessen ist, allerdings ein roter, sich ausbreitender Ring bildet, ist ein Besuch beim Hausarzt notwendig. Der Ring ist ein medizinischer Beweis. dass der Holzbock Borreliose übertragen hat. Dagegen schützt die Impfung nicht, nur eine Antibiotika-Therapie ist die Lösung. Borreliose kann Herzrhythmusstörungen und eine Entzündung des Zentralnervensystems verursachen.

Insektenstich: Kleine Stiche, kaum Drama

In unseren Breiten gibt es keine ­lebensgefährlichen Insekten. Ein Bienenstich ist schmerzhaft, der Stachel sollte vorsichtig mit einer Pinzette aus der Haut gezogen werden. Obacht beim Trinken aus offenen Behältnissen: Wen eine Wespe oder Biene in die Zunge sticht, sofort Eis lutschen, um die Schwellung klein zu halten. Immer sofort die Rettung rufen. Das gilt auch bei Atemschwierigkeiten nach einem Stich. Trinken mit Strohhalm vermeidet die Gefahr. (Karin Pollack, Family, DER STANDARD, 8.7.2013)

Notfallinstruktionen über Web oder als App

Österreichisches Rotes Kreuz

Deutsches Rotes Kreuz

Lebenretten.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In Wien gibt es seit 2009 eine eigene Krankenwagenflotte für Kinder. Die für junge Patienten ausgerichteten Blaulichtfahrzeuge haben unter anderem verkleinerte Sitze.

Share if you care.