Wie Netflix Hollywoods Geschäftsmodell erschüttert

8. Juli 2013, 13:28
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TV-Studios setzen zunehmend auf digitalen Vertrieb anstelle von Paketvermarktung

Als der US-Fernsehsender die Serie "The Killing" 2012 nach zwei Staffeln einstellte, versuchten die Ersteller der Show, sie wieder ins TV zu bekommen und Fehler auszumerzen, die die Fanbase haben schrumpfen lassen. Es war der Streaminganbieter Netflix, der sich auf eine ungewöhnliche Allianz einließ und mit einer Finanzspritze die Dreharbeiten für Staffel 3 ermöglichte. Im Gegenzug konnte man die Lizenzgebühren für AMC senken.

Zweite Chance für "The Killing" - dank Netflix

"Wenn deine Show abgesetzt wird, gibt es nicht viel, das man tun kann", sagt David Madden gegenüber dem Wall Street Journal. Er ist Chef der Fox TV Studios, Produktionsstätte von "The Killing" und mitverantwortlich für den Vertrag mit Netflix. "Wir wollten der Serie wirklich noch eine Chance geben, ihre Geschichte zu erzählen."

Diese zweite Chance brachte Netflix exklusive Streamingrechte für die Serie in den USA und Kanada ein. Verfügbar waren die Folgen bereits drei Monate nach dem Staffelfinale, obwohl bei solchen Deals nicht selten Wartezeiten von bis zu einem Jahr vereinbart werden. "The Killing" feiert zudem in mehreren Auslandsmärkten bei Netflix Premiere.

Streaminganbieter werden wählerischer

VoD-Anbieter sind in den USA mittlerweile verantwortlich für einen guten Teil des Profitwachstums der Filmbranche. Die Einnahmen aus Lizenzdeals mit Netflix und Co. beliefen sich vergangenes Jahr immerhin auf 1,6 Milliarden Dollar. Laut Bernstein Research entspricht das zwar nur einem Prozent der Gesamteinnahmen, macht aber gleichzeitig einen erheblichen Teil des operativen Umsatz-Wachstums aus.

Der Konkurrenzkampf mit Amazon und Co. hat aber auch die Bedingungen im Streamingmarkt verschärft. Viele Unternehmen sind wählerischer geworden, wenn es darum geht, welche Serien in ihr Angebot aufgenommen werden. Die Angebote der TV-Studios werden nach Perlen abgegrast, Shows die zu wenig Anklang finden, fallen gelassen. Analysten sehen das Umsatzwachstum der Studios in diesem Bereich in Gefahr.

Bangen um traditionellen Vermarktungsweg

Für die Produzenten wird das zum Problem. Laut Wall Street Journal üben manche Studiochefs mittlerweile Kritik an Netflix. Sie bemängeln, dass Netflix keine genauen Daten über seine Seherschaft veröffentlicht und die traditionellen Vermarktungswege von Hollywood gefährdet.

Lange war es Gang und Gebe, dass die Studios ihre Angebote in Paketen verkaufen, die neben beliebten Inhalten auch weniger nachgefragte Produktionen enthielten. Netflix hingegen, so einer der Studiobosse, zeigt keinerlei Wertschätzung für das übliche "Geben und Nehmen".

Kritik, welcher der Content-Chef bei Netflix, Ted Sarandos, widerspricht. Er argumentiert, dass Netflix mehr für beliebtere Shows zahlt und die Produktion von Serien ermöglicht, die sonst nur schwer im TV überleben würden.

Hinter den Kulissen könnte jedoch viel mehr passieren. Zuletzt schmiss Netflix mehrere Serien der A+E Networks aus dem eigenen Katalog, begründet wurde dies mit mangelndem Zuseherinteresse. Die Programmgestaltung von A+E mit zahlreichen Wiederholungen soll das Problem verstärkt haben. Eine mit A+E vertraute Person wiederum sagte dem Wall Street Journal, dass Netflix mehr Exklusivität verlangt hatte, als man bieten konnte.

Studios folgen Geschmack der Netflix-Abonnenten

Der Einfluss von Netflix wirkt sich auch schon sehr direkt auf die Serienproduktion aus. Derzeit boomen TV-Dramen rund um Verbrechensbekämpfung und politische Machtspiele. Der durch die Weiterverwertung von Netflix und Konsoren entstandene Spielraum wird genutzt, um vermehrt Produktionen eine Chance zu geben, die diesem Trend entsprechen.

Fox schloss mit Netflix für "The Following" bereits einen Deal ab, bevor die Serie das TV-Publikum überhaupt erreicht hatte. Es muss nicht mehr zwingend auf den Erfolg eines Formats im Fernsehen spekuliert werden.

Andere Studios beginnen bereits, Serien überhaupt nur für die Vermarktung über Netflix zu produzieren. Über 300 Stunden an Material will DreamWorks in den kommenden Jahren zu diesem Zwecke produzieren. Lions Gate hat bereits eine entsprechende Serie im Rennen, Warner und CBS denken bereits darüber nach. (red, derStandard.at, 08.07.2013)

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    Netflix und Co. erarbeiten sich immer mehr Einfluss im TV-Geschäft.

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