Rundschau: Die Geheimeinträge der Wikipedia

Ansichtssache10. August 2013, 10:13
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coverfoto: aqueduct press

L. Timmel Duchamp (Hrsg.): "Missing Links and Secret Histories: A Selection of Wikipedia Entries from Across the Known Multiverse"

Broschiert, 224 Seiten, Aqueduct Press 2013

Both the Priesthood of Ilúvatar and the Church of the Elven Queen maintain that the Galadriel Apocrypha is not only heretical but also a danger to the proper functioning of the Cyborg Sphere. (...) The Ilúvatar AI, as always, has made no comment one way or the other.

Nanu, wo sind wir denn hier gelandet? "The Galadriel Apocrypha" von Kristin King belehrt uns, dass 300 Jahre nach dem Tod von Prophet Tolkien ihm zugeschriebene Texte ebenso wild diskutiert werden wie früher christliche Evangelien, ob sie denn nun kanonisch seien oder nicht. Insbesondere gilt dies für besagte Apokryphen, in denen die spätere Elbenherrscherin - zu diesem Zeitpunkt noch in den Unsterblichen Landen ihrer Kindheit ansässig - gerade ihre achtmillionste Gemme fertiggeschnitzt hat und zu der Einsicht kommt: Also irgendwie stagniere ich hier ...

Das Prinzip

Kings Text ist einer von über 20 Beiträgen zu einer Anthologie der ungewöhnlicheren Art: "Missing Links and Secret Histories" kommt als gedruckte Version der Wikipedia daher. Wenn auch einer Wikipedia, die entweder aus der Zukunft oder aus parallelen Gegenwarten gespeist wurde. Erst dachte ich noch: Naja, letztlich auch nichts anderes als eine Storysammlung mit irgendeinem roten Faden, und das mit dem lexikalischen Aufbau ist auch nicht wirklich neu. Immerhin hab ich damals in meiner Schulzeit brav "Das Chasarische Wörterbuch" von Milorad Pavic gelesen.

Aber die "Missing Links" sind nicht wirklich episch angelegt. Alle Texte folgen formal dem Aufbau eines Wikipedia-Eintrags: Also inklusive Inhaltsverzeichnis-Kasten, Quellenangaben (in denen sich immer wieder gute Gags verbergen), kritischer Anmerkungen ("This article has multiple issues") und Links vortäuschender Wortunterstreichungen. Und vor allem sind sie streng im Ton von Sachtexten verfasst - die Komik ergibt sich daraus, wie hier mit den Fakten umgegangen wird. Es empfiehlt sich, beim Lesen ein Fenster der capital-W Wikipedia, wie sie im Vorwort genannt wird, offen zu halten. Nämlich um zu checken, welche Begriffe hier eine reale Grundlage haben und einfach nur in einen völlig neuen Kontext gestellt wurden - und welche komplett frei erfunden sind.

Gott ist wie Barbara Cartland

Sehr hübsch ist Anna Tambours Biografie einer bekannten Persönlichkeit namens "God": Geboren auf einem Zwergplaneten, macht er eine problematische Kindheit durch, entwickelt früh his lifelong habit of creating, setting, and scattering Indiscriminate Destruction Devices (plagues, earthquakes, and assorted Pain, Death, and Destruction) und wird schließlich auf einen blauen Planeten deportiert. Dort versucht er sich als Buchautor, zieht sich allerdings nach seinem Blockbuster "Die Zehn Gebote" (albeit dictated à la Barbara Cartland) wieder vom Schreiben zurück. Eine ganze Reihe von Ghostwritern, die später behaupten, in seinem Namen geschrieben zu haben, lassen sich laut Tambour in ihrer Authentizität nicht bestätigen.

Jeremy Sim erklärt uns in einer weiteren Bio, "Thaddeus P. Reeder", wer jener geheimnisvolle "Dear Reader" war, an den sich AutorInnen des 19. Jahrhunderts so gerne wandten. In einem zweiten Beitrag, "Sanyo TM-300 Home-Use Time Machine", schildert Sim das Aufkommen von Zeitmaschinen, was unversehens ins Chaos mündet: Mitten im Text wird der Wikipedia-Eintrag nämlich "gehackt" und kippt in eine Warnung vor den Folgen des Zeitgereises. Und noch eine Autorin bricht den geschlossenen Kontext in Form eines Pseudo-Hacks auf: Lucy Sussex verheißt in ihrem sehr weirden Beitrag "La Cucaracha Rules" die Weltverschwörung der Kakerlaken.

Mash-Upocalypse Now

Marlon Brando dürfte für John C. Coyne die schwergewichtige Muse gespielt haben, um H. G. Wells' "Die Insel des Dr. Moreau" und Joseph Conrads "Herz der Finsternis" kurzzuschließen. Immerhin verkörperte Brando sowohl den Doktor als auch den Colonel Kurtz in der Conrad-Verfilmung "Apocalypse Now". Das Ergebnis der Querverbindung nennt sich bei Coyne "The Kurtz-Moreau Syndicate" und dreht sich um die Lieferung von Tiermenschen-Soldaten für die koloniale Eroberung Afrikas.

Dieser Text fasst einige Grundzüge der Anthologie sehr schön zusammen. Die Mehrzahl der Beiträge sind Mash-Ups, verknüpfen also bereits existierende Werke der Literatur auf neue Weise miteinander. Vor allem im 19. und späten 18. Jahrhundert bedient man sich gerne, bei Rudyard Kipling, Edgar Allen Poe, den Brontë-Schwestern, Marquis de Sade und so weiter und so fort. Anne Toole hat sich gar der legendären satirischen Novelle "Flatland" von Edwin Abbott Abbott angenommen - die darin geschilderte zweidimensionale Welt genießt mittlerweile ja Kultstatus.

Der rote Faden dabei ist zumeist, dass Romanfiguren - inklusive diverser Märchenwesen - als reale Personen behandelt und in eine mal mehr, mal weniger originelle Secret History gestellt werden. Mit augenzwinkernden Anspielungen sonder Zahl, versteht sich. Mark Richs Biografie der Mars-Prinzessin "Deja Thoris" von Edgar Rice Burroughs beispielsweise ist nicht nur unterhaltsamer, sondern auch von belesenerer Seite geschrieben als ihr Eintrag in der realen Wikipedia. 

Mehr als nur ein Spielkasten

"Missing Links" ist kurz gesagt ein einziges intellektuelles Spiel. Nicht alle AutorInnen gehen dabei über das bloße Spiel um des Spiels willen hinaus - und die, die es tun, sind der feministischen Ausrichtung des Verlags Aqueduct Press entsprechend zumeist Frauen mit gesellschaftspolitischem Anliegen. Verlagsleiterin L. Timmel Duchamp etwa schildert in ihrem Beitrag die Neuentdeckung der Science Fiction in einem matriarchalischen Eugenik-"Utopia" des 25. Jahrhunderts. Während Nisi Shawl (die einzige Autorin, die ich zuvor kannte) in "The Five Petals of Thought" eine fiktive, von Frauen und ethnischen Minderheiten geprägte philosophische Bewegung beschreibt, die das 20. Jahrhundert beeinflusst habe. Oder ein 20. Jahrhundert, um genau zu sein.

Womit wir wieder beim Anfang und Kristin King angelangt sind: Sie lässt nicht nur Galadriel den goldenen Käfig erkennen, in dem sie als Elbin (oder Frau) sitzt. In einem zweiten Beitrag, "Mystery of the Missing Mothers", widmet sie sich der Frage, wie Frauen aus der Geschichtsschreibung rausgestrichen wurden. Das verkleidet sie allerdings als vergnügliches Puzzle um eine fiktive Autorin, deren Romanheldinnen und babylonische Gottheiten, die darüber räsonieren, welche Figur dieser Autorin denn die coolste sei. Viel postmoderner geht's nicht.

Wie gesagt: "Missing Links" ist ein Spiel, und wie bereit man ist mitzuspielen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark der persönliche Bezug ist, den man zum jeweils behandelten Thema hat. In der vermutlich originellsten Anthologie des Jahres dürften aber für jeden einige Kleinodien enthalten sein. Zumindest für jeden, der so wie ich gelegentlich dazu neigt, auf der capital-W Wikipedia hängenzubleiben wie andere Leute vor der Glotze.

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