Bäuerliche Betriebe in Österreich schafften Balanceakt

8. Juli 2013, 12:43
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Vielfach gelang das Überleben, ohne groß wachsen zu müssen

Wien - In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es in der Landwirtschaft: "Get big or get out" (wachsen oder weichen). Nur Größe würde die Arbeitsproduktivität erlauben, die ein Fortbestehen in einer industriellen Welt erfordere. Während die zunehmende Konzentration des Grundbesitzes in internationalen Statistiken ablesbar ist, gilt dies für Österreich nur begrenzt: Hier hielt sich die Abnahme der Betriebszahlen in Grenzen, bei moderatem Wachstum der durchschnittlichen Betriebsfläche. Offensichtlich gelang es zahlreichen bäuerlichen Betrieben zu überleben, ohne groß wachsen zu müssen.

Wie dies gelingen konnte, hat ein Team des Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes im Rahmen eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF untersucht. Die Forschungsergebnisse zur Entwicklung der Landwirtschaft im Zeitraum von 1945 bis 1985 in Niederösterreich wurden kürzlich in der Zeitschrift "Historische Anthropologie" veröffentlicht.

Stärke selbstkontrollierter Ressourcen

Es zeigte sich, dass der Agrarstrukturwandel im Nachkriegsösterreich in anderer Form verlief als oftmals vermutet: Statt zu "wachsen oder weichen" nutzten viele bäuerliche Familien die Stärke selbstkontrollierter Ressourcen, passten sich an und machten weiter. "Zwischen den Extremen 'Wachsen' und 'Weichen' fanden viele BäuerInnen Manövrierräume. Sie ließen sich auf eine zunehmend technikbasierte Landwirtschaft ein, ohne die Stärken der betrieblichen Diversifizierung und selbst kontrollierten Ressourcennutzung aufzugeben", so Projektleiter Ernst Langthaler.

Viele Strategien seien zum Einsatz gekommen, um die Abhängigkeit von den Märkten zu reduzieren und so das Fortbestehen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu sichern: "Der flexible Arbeitseinsatz von Familienmitgliedern - insbesondere der weiblichen -, das Zurückschrauben der Ansprüche, die Bereitschaft zum Nebenerwerb und das Nutzen lokaler und regionaler Netzwerke zum Beispiel." Aber auch die Vermeidung von Pflanzen- oder Tiererkrankungen sowie von Schäden an mechanischen Geräten durch die nötige Sorgfalt wie auch die überschaubare Kreditaufnahme, die Produktvielfalt und der Direktvertrieb spielten dabei eine wichtige Rolle. (red, derStandard.at, 8.7.2013)


Link
Historische Anthropologie, Heft 3, 2012 (vier Artikel auf den Seiten 276 bis 426)

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