"Aus Heuschnupfen soll nicht Asthma werden"

Interview8. Juli 2013, 11:31
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Der Allergologe Werner Aberer warnt vor dem Risiko eines "Etagenwechsels" und empfiehlt, immunologisch gegenzusteuern

STANDARD: Wenn Menschen mit Heuschnupfen Medikamente helfen, sollten sie dann trotzdem über eine Immuntherapie nachdenken?

Werner Aberer: Viele halten Heuschnupfen nur für eine unangenehme Begleiterscheinung des Pollenfluges. Die Beschwerden lassen sich gut mit Medikamenten behandeln, und die meisten sind damit glücklich. Aber damit lässt sich der Etagenwechsel nicht verhindern, also das Fortschreiten der Krankheit zu Asthma. Nur eine Immuntherapie kann das stoppen.

STANDARD: Empfehlen Sie sie?

Aberer: Wenn ein Patient seit mehr als zwei Jahren unter Heuschnupfen leidet, er die auslösenden Pollen nicht meiden kann und seine Beschwerden so stark sind, dass er Medikamente braucht, dann ja.

STANDARD: Wie effektiv ist sie?

Aberer: Bereits in der darauffolgenden Saison nach einer Immuntherapie haben Patienten geringere Beschwerden und brauchen weniger Medikamente. Seit der ersten großen Studie zu Asthma-Vorbeugung, der PAT-Studie, wissen wir, dass man mit Immuntherapie das Risiko für den Etagenwechsel um mehr als die Hälfte reduzieren kann. Von Kindern mit einer Gräserpollenallergie, die vier Jahre Immuntherapie bekamen, waren mit 16 Jahren 22 Prozent an Asthma erkrankt, ohne Therapie waren es 72 Prozent. Bei Hausstaubmilben und anderen Pollenallergien beobachtet man ähnliche Effekte. Zudem verhindert man, dass Patienten gegen weitere Pollen allergisch werden, etwa auf Birke oder Hasel.

STANDARD: Wie lange hält die Wirkung an?

Aberer: Das wissen wir derzeit noch nicht. Aber zehn Jahre nach Ende der PAT-Studie hatten mehr als dreimal so viele Patienten mit Immuntherapie kein Asthma bekommen im Vergleich zu denen, die nicht therapiert wurden. Das können Medikamente nicht erreichen, auch das Sich-Fernhalten von den Pollen nicht.

STANDARD: Sind Spritzen- oder Tablettenkuren besser?

Aberer: Keine Studie hat bisher belegt, ob und was davon besser ist. Die Spritzentherapie kennen wir länger, aber bei der Gräsertablette haben wir auch gute Studienergebnisse.

STANDARD: Wie schaut es mit Nebenwirkungen aus?

Aberer: Die meisten vertragen das gut. Häufig kommt es zu lokalen Reaktionen, also zum Beispiel zu Schwellungen oder Rötungen an der Haut oder im Mund. Bei korrekter Durchführung sind Nebenwirkungen weitgehend vermeidbar, und wenn sie trotzdem auftreten, gut beherrschbar. Nur: Vorbereitet muss man sein!

STANDARD: Kann die Immuntherapie auch helfen, wenn man schon Asthma hat?

Aberer: Es ist nie zu spät für eine Immuntherapie. Die Erfolgschancen sinken allerdings, je weiter fortgeschritten die Krankheit ist. Zudem steigt das Risiko für Nebenwirkungen.

STANDARD: Was raten Sie also allen bisher noch unbehandelten Allergikern?

Aberer: Unbedingt einen Spezialisten aufsuchen, um abzuklären, ob und welche Therapie überhaupt in Frage käme. Schlecht ist zu warten, bis die Atemnot oder Beklemmungsgefühle kommen, denn das könnte bereits Asthma sein. (Felicitas Witte, DER STANDARD, 8.7.2013)

  • Werner Aberer ist Vorstand der Klinik für Dermatologie an der Medizinischen Universität Graz und Beirat der Arbeitsgruppe Allergologie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie.
    foto: med uni graz

    Werner Aberer ist Vorstand der Klinik für Dermatologie an der Medizinischen Universität Graz und Beirat der Arbeitsgruppe Allergologie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie.

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