Die Eloquenz der Emotionen

8. Juli 2013, 07:32
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Jazz Fest Wien: Gregory Porter und Iva Bitova im Porgy & Bess, George Benson in der Wiener Staatsoper

Wien - Die Staatsoper hatte er letztes Jahr im Sturm genommen. Und im Rahmen seines erneuten Gastspiels beim Jazz Fest Wien bestätigte Gregory Porter im Club-Ambiente des Porgy & Bess, dass er zurzeit nichts weniger als eine der eindrucksvollsten Sängerpersönlichkeiten des Gegenwartsjazz ist.

Der Amerikaner, der 2010 im zarten Alter von 39 Jahren sein spätes CD-Debüt Water vorgelegt hatte und danach zum Shootingstar avancierte, ließ im Porgy seinen einmal kraftvollen, dann wieder butterweichen, warmen Soul-Bariton in entspannter Fülle erschallen: Painted On Canvas, das Lied über Rollenzuschreibungen, das sich aus der Erfahrung speist, als Afroamerikaner in einer weißen Neighbourhood aufzuwachsen, eröffnete das Set.

Danach genoss man auch On My Way To Harlem, Hommage an das historische Epizentrum afroamerikanischer Kultur, wie auch Nat Adderleys Work Song und Real Good Hands, also Material der zweiten CD Be Good von 2012. Porter zeigte: Er, der Mann mit dem unvermeidbaren "Jazz Hat", ist nicht nur ein Sänger von rarer Stimmgewalt, die er wohldosiert einzusetzen weiß und nur selten in ihrer vollen Wucht nutzt. Er ist auch ein ausgezeichneter Songwriter, der in klaren und doch eigenen, klischeefreien Worten seine Messages deklamiert, diesen existenzielle Dringlichkeit verleiht. Dies zeigte sich auch anhand von Kostproben aus der bald erscheinenden dritten CD. Der Titelsong Liquid Spirit etwa hat das Zeug zum Soul-Jazz-Knaller.

Porters tolle Band

Dabei konnte sich der 42-Jährige auf eine bestens eingespielte, immer wieder souljazzige Intensität zelebrierende Band stützen, aus der Pianist Chip Crawford und Altsaxofonist Yosuke Sato herausragten. Porter kombiniert musikalische Zugänglichkeit mit inhaltlicher Substanz. Ein Abend, an dem alles stimmte, wie auch jener in der Wiener Staatsoper mit George Benson. Der Gitarrist/Sänger ist im Laufe seiner Karriere weit tiefer in die kommerzielle, nicht kitschfreie Glitzerwelt eingetaucht als Porter. Weekend in L. A., Give Me The Night oder On Broadway wurden zu Hitparaden- und Disco-Klassikern.

Das Faszinierende an Benson: Bei aller bisweilen ausgeprägten Glattheit des Materials und des Bandsounds, bei aller Anpassung an Marktgesetze pulverisiert eine hitzig-jazzige Musikalität live das enge Songkorsett. Man erlebt eine singuläre Verschmelzung von Person und Instrument, Musikidee und deren Umsetzung. Wie Benson, der aus der Bebop-Schule kommt, in endlosen Linien Situationen zu Höhepunkten treibt; wie er parallel Linien singt und spielt oder wie er scatet: Es signalisiert, dass schmuseweiches Repertoire nicht zum abgebrühten, tiefer liegende Fähigkeiten domestizierenden Musizieren führen muss.

Das ganz andere dann im Porgy & Bess: Zwar ist die tschechische Geigerin und Sängerin Iva Bitova auch eine Vertreterin der Verschmelzung von instrumentalem und vokalem Material. Ihr ganz individueller Kosmos birgt jedoch eine imaginäre Folklore, die sich rauer Stimmtechniken bedient, diese allerdings in den Dienst so filigraner wie präziser Kammermusik stellt. Hier wird mit sparsamen Mitteln, jedoch konzentriert an Geschichten ohne Worte gearbeitet. Bitovas Fantasiesprache indes birgt Eloquenz - die Eloquenz intensiver Emotionen. (Ljubiša Tošić und Andreas Felber, DER STANDARD, 8.7.2013)

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    Kultivierte Linienführung, intime Atmosphäre auf jazziger Basis: US-Sänger Gregory Porter.

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