Ausbrüche aus vorgezimmerten Verhältnissen

8. Juli 2013, 07:14
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Festspiele Reichenau: Nestroys "Einen Jux will er sich machen" und Flauberts "Madame Bovary"

Reichenau an der Rax - Das Theater solle "sich beeilen, zum Zeitpunkt der Freude den Vorhang fallen zu lassen, damit wir nicht sehen, was nachkommt". Johann Nestroy ist dieser einst an Komödienschreiber gerichteten Empfehlung (sie stammt von Schopenhauer) mit seinen wie aus dem Druckkochtopf abgelassenen Possen glänzend nachgekommen.

Beim Alt-Wiener Volkstheaterdichter kommen vorzugsweise krawutische Figuren in die Bredouille und werden im Zuge ihrer gehetzten Problemlösungsversuche noch krawutischer. Ein Happy End ist dennoch unvermeidlich, und die Luft danach reiner. So auch in Reichenau, wo allerdings die Luft schon vor Vorstellungsbeginn an Rein- und Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt.

Nachdem in Einen Jux will er sich machen der Gewürzkrämer Zangler seine zwei versprengten Angestellten wieder unter Dach und Fach gebracht, sein Mündl an den mitgiftschwersten Bräutigam übergeben und zu guter Letzt auch seine eigene Hochzeit angebahnt hat, geht der Vorhang im Theater Reichenau rechtzeitig im Moment größter Herzensaufwühlung zu Boden. Da fällt das leise Bedauern für die lachhaften Chefitäten und die Beglückwünschung der gerissenen Untergebenen in eins.

Regisseur Nicolaus Hagg (der auch den gewieft-frechen Hausknecht Melchior spielt) schält aus den auf jeweils ihre Weise vom Leben getriebenen Figuren die interessanten Bruchstellen heraus. Sie stürzen zu ihren zünftigen Verwechslungs- und Verleugnungsszenen jeweils durch eine bilderrahmenhafte Schiebetür, entworfen von Peter Loidolt.

Weinberl (Toni Slama), Verkäufer mit Buchhalterträumen, nimmt mit dem Lehrbuben Christopherl (David Oberkogler) inkognito Reißaus in die Stadt. Im Vertrauen auf den vor Liebe blinden Chef Zangler (Wolfgang Hübsch) nehmen es die Krämerseelen mit dem Abenteuer auf. Allerdings um gleich als Erstes ihm bzw. seiner Braut (Gabriele Schuchter) und deren resoluter Freundin (Ulrike Beimpold) in die Hände zu fallen. Es bedarf vieler aufgerissener Mäuler und schreckgeweiteter Augen, um das Verstellungsspiel glimpflich zu beenden.

Vor allem Wolfgang Hübsch zieht mit Nestroy'scher Edelgewalt, die seinen Kopf stets hochrot leuchten und seine Brauen zu finsteren Blicken zusammenziehen lässt, an diesem unkaputtbaren Possen-Karren. Zugleich aber blitzt aus seinem Zangler-Gesicht auch die Mildtätigkeit, zu der ihn seine frische 50-plus-Liebe in die Knie zwingt. Als wunder Punkt dieser Inszenierung müssen einzig die Couplets verbucht werden, die trotz Neudichtung patiniert gerieten und so das lustig ratternde Spiel eingebremst haben.

Not der Landarztgattin

Ganz ins zeithistorische Geschehen eingekapselt blieb am Samstag die Uraufführung von Madame Bovary, einer neuen Bühnenfassung des Flaubert-Klassikers von - ebenfalls: Nicolaus Hagg. Mit dem Sittlichkeitsporträt einer gelangweilten Landarztgattin bohrte Gustave Flaubert an der bröckelnden Fassade des bürgerlichen Lebens im 19. Jahrhundert: Emma Bovary wirft sich, um dem lähmenden Stillstand ihres Dorfdaseins zu entfliehen, in die Arme von sie romantisch dünkenden Herren. Der Schmach entkommt sie am Ende nur durch Rattengift.

Vom groben Leben im Dorf kündet in Reichenau ein Fichtenboden, der die Arenabühne im Neuen Spielraum bedeckt (Bühne: Peter Loidolt). Hier trampelt die Dorfgemeinschaft auf Emmas poetischen Empfindungen herum.

Die Neudichtung Haggs bekräftigt diese ganz und gar historische Perspektive, in der der Apotheker (Peter Matic) ganz ironiefrei bemerkt: "Auch Frauen sollten lesen." Den Entwurf einer heutigen Bovary hat Autor Hagg gar nicht erst versucht. Bovarys "Schicksal" ist zwar auch in der historischen Façon lesbar, so wie auch der Roman an Gültigkeit nicht verliert. Doch ging dieser historisch argumentierte Zwist in Michael Gampes stellenweise recht langatmiger Inszenierung in bieder-antiquierten Szenen verschütt.

Vieles bleibt verstimmt. Widersprüchlicherweise geraten auch die Begegnungen Bovarys mit ihrem Gatten (großartig: André Pohl) viel leidenschaftlicher als die Liebesszenen mit den Gigolos Rodolphe (Michael Dangl) und Léon (Mario Klischies). Eine Dramatisierung der Madame Bovary anempfiehlt heute wohl eine mit einhergehende Aktualisierung. Als Träumerin unter robusten Lebensfähigen kann diese grazile Schöne (Stefanie Dvorak), die kleine Schwester der Anna Karenina, im Zeitalter vor Freud und Yoga und vor Onlineshopping nur zugrunde gehen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 8.7.2013)

Bis 4. 8.

  • Turteltauben-Finale bei Nestroys "Jux" in Reichenau.
    foto: carlos de mello

    Turteltauben-Finale bei Nestroys "Jux" in Reichenau.

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