Herr Wittmann und die Welt, die sich dreht

Porträt7. Juli 2013, 18:05
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Franz Wittmann, der im Rallyeauto zwölf Staatsmeistertitel und einen WM-Lauf gewann, hat sein Auto gegen ein frisiertes Golfcart eingetauscht

Ramsau - Zum zweiten Mal kommt einem die Ehre zu, neben Meisterchauffeur Franz Wittmann (63) auf dem Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen. Wieder daheim bei ihm in Ramsau, doch die Welt hat sich weitergedreht. Damals, um die Jahrtausendwende, saß man fest verschnallt und gut behelmt im Toyota Corolla World Rallye Car. Wittmann jagte das mit gut 350 PS bestückte Gerät den Schotterweg hinauf und hinunter und um die Ecken. Mächtige Bäume huschten vorbei, und die Ausfahrt hinterließ nachhaltig Eindruck.

An einem wunderbaren Sommertag anno 2013 ist man wieder unterwegs. Ohne Gurt und Helm im Golfcart. Die Fahrt führt über seinen, Wittmanns Golfplatz, den GC Adamstal in Ramsau bei Hainfeld. Er lenkt das Elektromobil den schmalen, asphaltierten Weg hinauf und hinunter und um die Ecken. Golfenden wird "Schönes Spiel" zugerufen, und es dauert, bis die 18 Löcher des Championship Course mit rund 400 Höhenmetern abgefahren sind.

Zu Fuß

"Wenn ich spiele", sagt Wittmann, "gehe ich immer zu Fuß." Und wenn er schon fährt, dann fährt er nicht im gemeinen Golfcart, welches zu mieten ist und maximal 10 km/h geht, sondern in einem frisierten, bis zu 30 km/h schnellen. "Für die Leute wäre das aber zu gefährlich."

"Golf", sagte Franz Wittmann in ganz früher Zeit nicht nur einmal in Interviews, "ist kein Sport, sondern ein Spiel." Abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die im wettbewerbsmäßigen Autofahren keinen Sport sehen, hat Wittmann seine Meinung längst radikal geändert. 1987, als er drei Wochen lang in Neuseeland trainierte (mit dem Lancia), zog er sich an faden Abenden einen Fernsehsender hinein, der ausschließlich Golf zeigte. Abgesehen davon, dass er nach den drei Wochen als erster Österreicher einen WM-Lauf gewann (ein Jahr später siegte ebendort Kollege Sepp Haider), erwachte das Interesse für Golf. Und ein paar Monate später, nach einer Schnupperrunde in Dellach, war er infiziert.

Ein richtiger Sport

"Ich habe gesehen, dass das ein richtiger Sport ist. Man geht immerhin zehn Kilometer. Und muss über lange Zeit die Konzentration aufrechterhalten, das ist eine Parallele zur Rallye."

Wittmann ist, was das Golf betrifft, geradezu missionarisch unterwegs. 1995 eröffnete er mit einem Partner einen Neunlochplatz auf seinem Grund in Ramsau, 1998 kam der Champions Course mit 18 Löchern hinzu, der vom kanadischen Architekten Jeff Howes entworfen wurde, der viel mit Jack Nicklaus zusammengearbeitet hat. Dreimal schon gastierte die Challenge Tour im GC Adamstal, zweimal die Alps Tour, das ist die dritte Kategorie in Europa. Und was ist mit der ersten, der European Tour? "Der Traum ist immer da. Wenn ich einen finde, machen wir es." Der eine wäre ein potenter Sponsor, um das Millionending zu finanzieren.

2006 "haben sie mich so lange sekkiert", schildert Wittmann, bis er sich dazu bereiterklärt habe, bei der Wahl zum Präsidenten des Golfverbandes anzutreten. Er gewann knapp, nun ist er die dritte dreijährige Periode im Amt, dann ist Schluss, statutengemäß. "Mehr geht nicht, Gott sei Dank." Als Präsident sei er jährlich 80 bis 90 Tage unentgeltlich unterwegs. "Schön, wenn man etwas bewegen kann für die Jugend", sagt er, der insofern politische Erfahrung mitbrachte, als er 20 Jahre lang für die ÖVP einen Gemeinderat in Ramsau gab. Gegenwärtig ist wirklich was los im österreichischen Golf, Bernd Wiesberger mischt bei den Profis in der Weltspitze mit, Matthias Schwab bei den Amateuren.

105.000 Golfer gibt es im Land und für diese reichlich, nämlich 150 Plätze. "Ich wollte eine Image-Kampagne starten", erzählt Wittmann, der glaubte, derart 50.000 Menschen mehr zum Golfen zu bringen. "Aber ich habe sie bei den Klubs nicht durchgebracht. Schade. Golf ist leider immer noch elitär angehaucht bei uns."

Mit sechs Jahren im Mercedes

Es ist gar nicht so leicht, Wittmann vom Golf wegzubringen, das Thema zu wechseln hin zum Rallyesport, in dem er es zu zwölf österreichischen Meistertiteln brachte, zu 79 Siegen, 32 davon in der EM, und zum Triumph beim WM-Lauf in Neuseeland. Naturgemäß gelingt es. Und woher kommt die Affinität zum Motorsport? "Ich durfte schon mit sechs Jahren Auto fahren im Hof." Am Anfang war der Mercedes 170 vom Vater. Und als er, Franz Wittmann, noch keine zwölf war, unternahm er damit mit Schulfreunden Spritztouren in der Umgebung.

"Undenkbar heute", sagt er. Wie auch die Tatsache, dass der Vater den 16-jährigen Franz auf einer Reise nach Paris ans Steuer ließ. Als er 19 war, sah er am nahen Hochsattel erstmals eine Rallye und war fasziniert. Mit dem familieneigenen Käfer durfte er fahren. Aber der Sicherheitskäfig, den er für seine ersten Rallyes mit einem Installateur aus Hainfeld aus Wasserrohren zusammenbastelte, war geheim. Rein- und rausgeschraubt wurde der Käfig unter der Fußmatte, spurlos, damit der Vater nichts merkte.

Ramsau gehört zum Bezirk Lilienfeld, wo Mathias Zdarsky Ende des 19. Jahrhundert den alpinen Skilauf erfand. Wittmann war, keine 100 Jahre später, auch Skirennläufer. Fünf Jahre lang arbeitete er als Trainer in der Skihauptschule in Lilienfeld, um Geld zu verdienen. Wie auch im elterlichen Sägewerk.

Kein Autorennen seit zehn Jahren

Den ersten Erfolgen folgten Engagements in Werksteams. Die Autos freilich hatte er mehrheitlich zu kaufen, um sie dann, wenn möglich, ohne Verlust weiterzuverkaufen: Käfer, BMW, Opel, Porsche, Audi, VW Golf, Lancia, Subaru, Toyota. Ende 1980 testete er den Audi Quattro, das erste allradgetriebene Rallyeauto, pilotierte ihn bei seiner Weltpremiere 1981 bei der Jänner-Rallye in Freistadt und siegte mit 20 Minuten Vorsprung. Die Rallye gewann er mit diversen Fahrzeugen zehnmal, zuletzt 2003. "Seither bin ich nicht mehr ins Auto gestiegen."

1981 in Finnland war Wittmann in einen tödlichen Unfall verwickelt. Bei der Zieldurchfahrt nach einer Kuppe starb Finnlands Automobilverbandspräsident. "Ich habe ihn mit dem Heck erwischt. Schrecklich. Ich habe keine Chance gehabt." Vor Gericht wurde er freigesprochen.

Das Schicksal

Einer seiner beiden Söhne, Franz junior, versuchte sich ebenfalls im Rallyesport. Tochter Julia verunglückte 2006, noch nicht 18-jährig, bei einem Autounfall tödlich. "Ich will das nicht verdrängen. Ich rede gerne darüber. Kurz vorher hat sie in Italien ihren neuen Freund kennengelernt. Als er in der Zeitung von dem Unfall gelesen hat, hat er sich vor den Zug gehaut. Ich hab ihn gar nicht gekannt. Den Abschiedsbrief hab ich gelesen." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 8.7.2013)

  • Franz Wittmann hinter dem Lenkrad: Im Juli 2013 im Golfcart auf dem GC Adamstal und 1983 im Audi Quattro bei der Jänner-Rallye in Freistadt.
    foto: benno zelsacher

    Franz Wittmann hinter dem Lenkrad: Im Juli 2013 im Golfcart auf dem GC Adamstal und 1983 im Audi Quattro bei der Jänner-Rallye in Freistadt.

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