Morsis Anhänger wollen nicht aufgeben

7. Juli 2013, 18:15
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Der wichtige Posten eines Übergangspremiers für Ägypten blieb auch am Wochenende vakant - und nichts deutet darauf hin, dass die Demos für und gegen den gestürzten Präsidenten Mohammed Morsi bald enden werden

Am politischen Prozess wollen sich die Muslimbrüder in Ägypten auch weiterhin nicht beteiligen. Und so nahm Übergangspräsident Adly Mansur inzwischen erste Ernennungen in seinem persönlichen Beraterstab vor - und ist weiter auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten für den Posten als Regierungschef.

Einige Zeitungen hatten am Sonntag bereits gemeldet, Mohammed ElBaradei sei als Regierungschef nominiert worden. Gegen den Exponenten der Opposition gibt es aber Widerstand - einmal von der der ultra-konservativen, salafistischen Nur-Partei, dann aber auch aus Kreisen von Unabhängigen, die sich für einen unpolitischen Technokraten aussprechen, um nicht weiter zu polarisieren.

Überprüfung der US-Hilfe

Die USA - dieser Tage Ziel häufiger Kritik in Ägypten - versuchten indes den Eindruck zu widerlegen, sie wür- den die Muslimbrüder unterstützen, wie ihnen von der Opposition unterstellt wird. So war auf einem großen Transparent am Tahrir-Platz zu lesen: "Obama unterstützt den Terror." US-Außenminister John Kerry wies am Samstag in einer Presseerklärung "entschieden haltlose und unzutreffende Vorwürfe" zurück, die USA würden die "Muslimbruderschaft oder sonst eine spezifische politische Partei oder Bewegung unterstützen".

Inzwischen kündigte US-Präsident Barack Obama die Überprüfung der US-Hilfe von umgerechnet 1,17 Milliarden Euro an, die bisher fast ausschließlich der Armee zugute kommt. Auf die rund 200 Millionen Euro an ziviler Hilfe sei Ägypten nicht angewiesen, erklärte am Wochenende der ägyptische Wirtschaftsexperte Ahmed al-Naggar.

Die Situation auf der Straße kam auch nicht zur Ruhe: Jede Seite hat jetzt ihre "Märtyrer" - und mit jedem weiteren Toten steigt die Entschlossenheit, für die eigene Wahrheit einzustehen. Am Wochenende wurden die Toten der blutigen Straßenkämpfe vom Freitag beerdigt.

"Verteidigung der Revolution"

Islamisten und Opposition mobilisieren inzwischen ihre Anhänger mit demselben Motto: "Verteidigung der Revolution". Mehr als 80 Menschen starben bisher seit dem Beginn der Demonstrationen am 23. Juni, über 1200 wurden verletzt.

Mit 30 Toten war die Nacht zum Samstag die bisher blutigste. In Kairo prallten Anhänger und Gegner des gestürzten Präsidenten Mohammed Morsi aufeinander. Tausende Islamisten verließen ihren angestammten Protest-Platz vor der Kairoer Universität und zogen vor das staatliche Fernsehen, das nur wenige Steinwürfe vom Tahrir-Platz entfernt liegt.

Auf der 6.-Oktober-Nilbrücke und ihren Zu- und Abfahrten gingen die Gruppen mit Steinen, Flaschen und Stöcken aufeinander los. Es wurden Brandsätze geworfen, es wurde geschossen. Niemand kann sagen, wie die Gewalt ausbrach. Die Armee griff erst ein, nachdem die Schlägereien abgeflaut waren und die Islamisten den geordneten Rückzug angetreten hatten. Militär-Fahrzeuge rollten dann in einer Art Triumphzug über die Brücke. Für Sonntagabend wurde zu neuen Demonstrationen aufgerufen. Die Armee kündigte an, die Rivalen besser zu trennen.

Tote am Sinai

Neben den großen Städten ist die Lage insbesondere auf der Sinai-Halbinsel angespannt. Am Wochenende wurden sechs Soldaten getötet und ein christlich-koptischer Priester auf einem Markt in Al-Arish erschossen. Es war die erste religiös motivierte Tat seit dem Sturz Morsis.

Zum ersten Mal nach über einem Jahr haben vermutlich islamistische Extremisten die Pipeline, die nach Jordanien führt, wieder attackiert und die Gaslieferungen unterbrochen. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 8.7.2013)

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