ElBaradeis Mut der Verzweiflung

Analyse7. Juli 2013, 17:44
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Salafisten-Veto gegen Nobelpreisträger als Premier

Kairo/Wien - Zuerst will er nicht so recht, dann will er doch, aber die anderen wollen ihn nicht, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen: Das war der Stand einer Pressekonferenz Samstagabend, bei der eigentlich Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei als neuer ägyptischer Premierminister vorgestellt werden sollte. Stattdessen gab es ein Dementi des Sprechers von Interimspräsident Adly Mansur: Noch sei nichts entschieden.

Im Ö1-Mittagsjournal hatte Volker Perthes, Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, am Samstag ElBaradei Naivität attestiert, wenn sich dieser den Militärs nun für dieses politische Experiment mit offenem Ausgang zur Verfügung stelle. ElBaradei hatte ja den Putsch am Mittwoch gegen Präsident Mohammed Morsi offen unterstützt. Es ist jedoch wohl eher der Mut der Verzweiflung, die den 71-jährigen Juristen und Diplomaten, der einen großen Teil seines Berufslebens außerhalb Ägyptens verbracht hat, noch einmal dazu bringt, sich zur Verfügung zu stellen.

Und er hat an Statur gewonnen: War ElBaradei anfangs ein Elitenprogramm gewesen, so haben ihn in der letzten Zeit mehr und mehr Teile der politischen Landschaft Ägyptens als ihren Repräsentanten akzeptiert - wie ja auch die 30.-Juni-Front, die sich den Sturz Morsis zum Ziel gesetzt hatte.

Aber der frühere Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ist nicht unumstritten. Da ist vor allem einmal das islamistische Lager, und zwar die Muslimbrüder und die Salafisten gleichermaßen. Von Anfang an hatten er und seine Familie unter üblen Attacken und Verleumdungen der Islamisten zu leiden. Die salafistische Al-Nur-Partei soll es jetzt auch sein, die gegen ihn ein Veto eingelegt hat, allerdings nicht (nur) aus persönlichen, sondern aus politischen Gründen: ElBaradei selbst sei zu deutlich als Gegner der Muslimbrüder punziert, er könne nicht als integrative Figur auftreten. Es bräuchte einen reinen Technokraten.

Verhasst ist er auch bei den Figuren des alten Regimes, die jetzt wieder Morgenluft wittern. Er hatte sich 2011 mit großer Vehemenz gegen Hosni Mubarak gewandt, mit dem er nie ein gutes Verhältnis hatte: 1997 war er ohne ägyptische Unterstützung Chef der IAEA geworden, Mubarak wollte einen anderen durchbringen.

Es gibt auch prinzipielle Unterschiede zwischen Westen und Nahost in der ElBaradei-Wahrnehmung: Während westliche Medien nun schreiben, ElBaradei habe 2003 im Uno-Sicherheitsrat behauptet (und damit Recht behalten), dass der Irak kein Atomprogramm habe - was er so natürlich nie gesagt hat oder sagen hätte können -, ist er in der arabischen Welt für viele mit schuld am Irakkrieg. Die Behauptung, dass er eigentlich Amerikaner sei, ist in Ägypten fast Standard. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 8.7.2013)

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