Der Wohlfahrtsstaat im 21. Jahrhundert

7. Juli 2013, 17:21
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Gewählt wird zwar erst im September, für den nächsten Sozialminister gibt es aber bereits die erste Pflichtlektüre. Der Sozialwissenschafter Bernd Marin hat ein 701 Seiten umfassendes Epos über den heimischen Wohlfahrtsstaat vorgelegt. Damit die Lektüre für Politiker und Experten nicht zu einfach wird, gibt es das Werk ausschließlich auf Englisch.

Der Fokus des Buches ergibt sich schon aus dem Titel Welfare in an Idle Society? (Wohlfahrt in einer untätigen Gesellschaft?). Es geht also, wie der Direktor des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung schreibt, weniger um das Ungleichgewicht zwischen Jung und Alt, sondern um jenes zwischen Aktiven und Nichtaktiven, zwischen arbeitenden und nichtarbeitenden Bevölkerungsschichten. Als Leitmotiv hat Marin formuliert: "Wie großzügig und nachhaltig ist ein Wohlfahrtsstaat mit einem niedrigen Aktivitätsniveau?"

Der Autor konzentriert sich zwar auf Österreich, stellt aber auch unzählige Vergleiche mit 56 UN-Staaten her. Das umfassende Datenmaterial ist in hunderten Grafiken und Tabellen aufbereitet.

Im ersten Teil des Buches über die allgemeinen Herausforderungen, die sich aus einer älter werdenden Gesellschaft ergeben, macht der langjährige Standard-Kolumnist klar, dass sich die Österreicher auf weitere Pensionsreformen gefasst machen müssen. Die Nachhaltigkeitslücke, also jener Betrag, der langfristig fehlt, um die Pensionsversprechen zu finanzieren, ist in Österreich seit 2006 schneller gewachsen als in den meisten anderen Staaten.

Ausführlich widmet sich Marin auch den Nachteilen von Frauen im Pensionssystem und einem Österreich-Spezifikum, dem hohen Anteil an Invaliditätspensionen. In den Jahren vor dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter gibt es mit Ausnahme von Ungarn kein anderes EU- oder OECD-Land mit derart vielen invaliden Pensionisten. (Günther Oswald, DER STANDARD, 8.7.2013)

  • Bernd Marin: "Welfare in an Idle Society? Reinventing Retirement, Work, Wealth, Health, and Welfare". Ashgate 2013, 87 Euro.
    foto: ashate verlag

    Bernd Marin: "Welfare in an Idle Society? Reinventing Retirement, Work, Wealth, Health, and Welfare". Ashgate 2013, 87 Euro.

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