Wenn Insekten getarnte Waffen sind

Kolumne7. Juli 2013, 18:00
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Die Totalität der Überwachung ist Problem und Ärgernis zugleich

"Wir bespitzeln uns alle gegenseitig", sagte ein Top-Agent des britischen Geheimdienstes Mitte der 1990er-Jahre in einer heftig diskutierten BBC-Dokumentation. Anlass waren Berichte über das von der britischen Regierung gebilligte Ausspähen diplomatischer Vertretungen der EU-Länder - befreundeter Staaten also.

Damals hieß das Analyseprogramm Memex und selektierte anhand von Schlüsselwörtern E-Mails, vor allem aber Telefongespräche und Fax-Verkehr. Mit Echelon schöpfte der US-Geheimdienst weltweit Daten ab.

Heute, eineinhalb Jahrzehnte später, sind solche Programme keine Ergänzung der normalen und seit Jahrhunderten üblichen Spionage- und Überwachungstätigkeit mehr. Das System, um das es geht, heißt Prism. In seine Fänge gerieten nicht nur jene Daten, die via hochsensibler Wanzen aus den EU-Vertretungen in Washington abgeschöpft wurden. Nicht erst seit Wikileaks und dem Fall Snowden weiß man also, was dieser gegenüber dem Londoner Guardian sagte: "Alles was man tut, wird heute aufgezeichnet."

Die Totalität der Überwachung ist Problem und Ärgernis zugleich. Und weil sich das "Datensammeln" nicht mehr nur auf berechtigten Staatsschutz beziehe, sei das Vorgehen "illegal" (der ehemalige US-Vizepräsident unter Bill Clinton, Al Gore).

Noch ist es fiktive Erzählung in Science-Fiction-Thrillern. Aber seit das Massachussetts Institute of Technology (MIT) bekannt gab, man arbeite daran, Insekten für Aufgaben zu programmieren, ist nicht mehr auszuschließen, dass ein Hirschkäfer, der an Ihnen vorbeifliegt, ein kleiner Spion ist, oder dass die Kakerlake in einem Fast-Food-Restaurant eine Waffe sein kann.

Man nennt solche getarnten Killer oder (auch nur) Späher Mini-Drohnen, die der polnische Autor Jerzy Stanislaw Lem (1921-2006) schon vor zwanzig Jahren in seinem kleinen Buch Die Waffensysteme des 21. Jahrhunderts beschrieben hat.

Was hier abläuft, ist Spionage ohne Spione oder (siehe Drohnen-Angriffe in Pakistan) ein Krieg ohne Soldaten. Dass Leute wie Edward Snowden öffentlich machen, was uns alle bedroht, ist Heldentum für die einen, Verbrechen für die anderen.

Solange demokratisch legitimierte Regierungen ihre Geheimdienste kontrollieren können, sind die Grundrechte gefährdet, die Bürger aber noch nicht unmittelbar mit dem Leben bedroht.

Wenn Systeme wie Prism jedoch in die Hände mächtiger und finanziell übermächtiger Oligarchen oder Drogenbarone geraten sollten, dann hat der Teufel, mit dem die Innen-, Sicherheits- und Verteidigungsminister spielen, das Ruder übernommen. Und was die Forschung betrifft: Faust wäre Mephisto zum Opfer gefallen.

Menschen im Alltag neigen dazu, all die Gefahren als Schwarzmalerei zu bezeichnen. Ist alles nur Terrorabwehr - von Fingerprint bis zum Speichern von Vorratsdaten? Wer wird ernsthaft dagegen sein? Wie wahr? Oder nur halbwahr?

Wir wissen nämlich nicht, ob Science-Fiction-Szenarien nicht längst schon Wirklichkeit sind. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 8.7.2013)

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