"Die Erfahrungen mit Demokratie sind bitter"

Interview7. Juli 2013, 17:30
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Bleiben vielen türkischen Zuwanderern die westlichen Werte fremd? Fehlende Chancen, antiquiertes Islamverständnis und Profitinteressen förderten die Isolation, warnen die Integrationsexperten Ednan Aslan und Heinz Faßmann

STANDARD Die Unterstützung für den türkischen Präsidenten Erdogan nährt einen Verdacht: Sind viele türkische Zuwanderer zwar mit dem Körper in Österreich angekommen, nicht aber mit dem Kopf?

Faßmann: Da ist etwas Wahres dran, das ich aber nicht überbewerten würde. Rund 180.000 Menschen haben hierzulande türkischen Migrationshintergrund - 10.000 nahmen an der Demonstration für Erdogan teil.

Aslan: Man darf nicht vergessen, dass türkische Zuwanderer auch gegen Erdogan demonstriert haben. Die waren zwar weniger zahlreich, gingen aber mehrmals auf die Straße. Außerdem kann man es auch als Erfolg für die Demokratie sehen, wenn sich unsere Migranten politisch positionieren.

STANDARD Auch, wenn dies für eine religiös-autoritäre Politik geschieht? Untergräbt das nicht den demokratischen Grundkonsens?

Faßmann: Da dramatisieren Sie. Es stimmt, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fühlen sich tatsächlich weniger in der österreichischen Gesellschaft angekommen als andere Gruppen. Aber Medien, Politik und Wähler sind oft zu ungeduldig. Integrationsprozesse brauchen Zeit, ziehen sich über Generationen.

STANDARD Wir reden aber nicht von der ersten, sondern von der zweiten und dritten Generation - und immer noch leiden türkische Migranten im Schnitt unter schlechterer Bildung, niedrigerem Einkommen und höherer Arbeitslosigkeit.

Faßmann: Weil Österreich ein Paradebeispiel dafür ist, wie soziale Ungleichheit vererbt wird. Dieses Problem betrifft aber nicht nur die Türken - es gelingt uns generell nur mäßig, bildungsferne Schichten in die höheren Schulen und an die Universitäten zu bringen. In anderen Staaten ist sozialer Aufstieg häufiger möglich.

STANDARD Aber warum hinken gerade die Türken so weit hinterher? Andere Gruppen sind erfolgreicher.

Faßmann: Korrekt, zum Beispiel die polnischen Zuwanderer, doch die bringen auch eine andere Qualifikation mit. Das hängt eben mit der Rekrutierung zusammen: Österreich hat ab den Sechzigerjahren türkische Gastarbeiter mit niedriger Qualifikation für die Arbeit am Bau und in der Schwerindustrie angeworben ...

Aslan: ... und nicht, um sie studieren zu lassen. Man hat geglaubt, dass diese Menschen nur zum Arbeiten kommen - und dann wieder nach Hause zurückkehren.

Faßmann: Was die Integration betrifft, hat die Politik über drei Jahrzehnte lang geschlafen und die Realität verleugnet, dass Österreich eine Einwanderungsgesellschaft ist. Nun geschieht zwar einiges, doch mir geht der Aufholprozess zu langsam. Ein Schlüssel zum Aufholen ist die Bildung - etwa ein zweites Kindergartenjahr. Damit könnten Migrantenkinder ihre Startnachteile bereits bis zum Eintritt in die Volksschule entscheidend verringern.

Aslan: Ein Bekannter von mir lebt seit 35 Jahren in Österreich. Das erste Angebot für einen Deutschkurs hat er vor zwei Wochen bekommen.

STANDARD Fühlen sich die Zuwanderer also ausgestoßen, weil ihnen das System keine Chance gibt?

Faßmann: Das ist nur die eine Seite, auf der anderen spielen auch Traditionen eine Rolle. Zum Beispiel fehlt in der türkischen Community häufig der Sinn dafür, dass auch die Töchter eine höhere Bildung in Anspruch nehmen können. In der Statistik lässt sich die andere Lebensperspektive ablesen: Türkinnen heiraten früher, bekommen mehr Kinder.

Aslan: Im Wiener Bezirk Favoriten haben türkische Vereine - grob geschätzt - 20 Millionen in Moscheen investiert, aber vielleicht 10.000 Euro in die Bildung. Es gibt eben Strukturen, die von der Isolation der Zuwanderer profitieren und sonst nicht überleben würden - von den verschiedenen Vereinen bis zu Geschäften, die Halal-Produkte verkaufen. Dahinter stecken wirtschaftliche Interessen. Gleichzeitig ist aber auch ein rasanter Wandel im Gange. Der Anteil der türkischen Frauen, die in Österreich studieren, ist in den letzten sieben Jahren um 36 Prozent gestiegen. Das ist eine ermutigende Entwicklung.

STANDARD Geht der Wandel vielfach nicht auch in die falsche Richtung, hin zu einem konservativen oder radikalen Islamverständnis?

Aslan: Diese Gefahr besteht. Wenn wir den Islam nicht europäisch prägen, dann wird er türkisch, asiatisch, chinesisch geprägt. In keiner einzigen Moschee gibt es derzeit einen Imam, der in Österreich ausgebildet wurde. In manchen wird eine Theologie aus dem 8. Jahrhundert gepredigt, da kann das Ergebnis nicht den Erwartungen unserer Gesellschaft entsprechen. Deshalb versuchen wir an der Uni in Lehrgängen, Muslime auf ihre Aufgaben als Imame oder Seelsorger vorzubereiten.

STANDARD Was gilt es zu klären?

Aslan: Dass Moslem sein nicht der Demokratie widerspricht, dass Säkularismus keinen Kampf gegen Religionen bedeutet. Der Versuch, den Islam in unserem Kontext zu verstehen, soll nicht als Verrat verstanden werden. Natürlich können wir nicht über Nacht reformieren, was sich über Jahrhunderte festgesetzt hat, außerdem dürfen wir den kulturellen Background nicht vergessen. Die Erfahrungen mit Säkularismus und Demokratie sind für jemanden, der etwa aus Ägypten kommt, in der Regel bitter ...

STANDARD ... was der jüngste Militärputsch kaum ändern wird.

Aslan: Der neue Militärputsch bringt die Gefahr, dass die Muslime, die Präsident Mursi unterstützt haben, wieder radikaler werden und einen jungen kritischen innerislamischen Diskurs im Keim ersticken. Ich hätte mir gewünscht, dass die Muslimbruderschaft nicht durch das Militär, sondern durch ihre eigene Unfähigkeit entzaubert worden wäre. Sonst bleibt die Demokratieunfähigkeit dieser Menschen immer im Schatten ihrer Opferrolle.

Faßmann: Die Uni Wien will vor diesem Hintergrund die Angebote im Bereich der Islamischen Theologie erweitern. Die Universität nimmt den gesellschaftspolitisch wichtigen Auftrag also an, muss aber gleichzeitig die Politik erinnern, dass dafür Mittel für zwei bis drei zusätzliche Professuren erforderlich sind. Aus dem Bestand ist das nicht zu finanzieren, denn es gibt keine vernünftige Antwort auf die Frage, was wichtiger ist: Islamische Theologie oder Quantenphysik. (Gerald John, DER STANDARD, 8.7.2013)

Heinz Faßmann ist Vizerektor der Universität Wien und seit 2011 Vorsitzender des unabhängigen Expertenrats für Integration im Innenministerium. 

Ednan Aslan ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Uni Wien und leitet die Plattform für Islamische Studien.

WISSEN: Die Uni Wien versucht mit mehreren Angeboten, ein europäisches Islamverständnis zu befördern: Das Masterstudium Islamische Religionspädagogik bildet Studierende zu Religionslehrern aus. Überdies gibt es den postgradualen Lehrgang Muslime in Europa, der islamische Geistliche in ihrer Arbeit als Imane oder Seelsorger weiterbildet. An die gleiche Zielgruppe soll sich künftig ein eigenes Bachelorstudium Islamische Theologie richten, das derzeit im Aufbau begriffen ist. (jo)

  • Uni-Professoren Faßmann und Aslan, auf der Suche nach einem europäischen Islam: "In keiner einzigen Moschee gibt es einen Imam, der in Österreich ausgebildet wurde."
    foto: standard/fischer

    Uni-Professoren Faßmann und Aslan, auf der Suche nach einem europäischen Islam: "In keiner einzigen Moschee gibt es einen Imam, der in Österreich ausgebildet wurde."

  • Ednan Aslan: "Ein Bekannter von mir lebt seit 35 Jahren in Österreich. Das erste Angebot für einen Deutschkurs hat er vor zwei Wochen bekommen."
    foto: standard/fischer

    Ednan Aslan: "Ein Bekannter von mir lebt seit 35 Jahren in Österreich. Das erste Angebot für einen Deutschkurs hat er vor zwei Wochen bekommen."

  • Heinz Faßmann: "Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fühlen sich tatsächlich weniger in der österreichischen Gesellschaft angekommen als andere Gruppen."
    foto: standard/fischer

    Heinz Faßmann: "Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fühlen sich tatsächlich weniger in der österreichischen Gesellschaft angekommen als andere Gruppen."

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