Mohamed ElBaradei wird Ägyptens Übergangspremier

6. Juli 2013, 22:32
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Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Chef der UNO-Atombehörde vereidigt - Muslimbrüder rufen zu Protesten auf

Kairo - Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei erhält eine zentrale Rolle in der neuen ägyptischen Staatsführung. Der ehemalige Chef der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) werde am Samstagabend zum Chef einer Übergangsregierung vereidigt, verlautete aus der Armee. Die Anhänger des entmachteten Staatschefs Mohammed Mursi riefen zu Protesten auf, bis der "legitime Präsident" wieder im Amt sei.

Die Armee hatte gemeinsam mit Oppositionsgruppen und religiösen Würdenträgern einen Plan für den Transformationsprozess erstellt, nach dem eine mit den "vollen Befugnissen" ausgestattete Übergangsregierung das Land bis zu Neuwahlen führen soll. Ein Zeitpunkt für Wahlen wurde noch nicht genannt.

Friedensnobelpreis 2005

Das Militär hatte den Verfassungsrechtler Mansur als Übergangspräsident eingesetzt, nachdem es Mursi am Mittwoch nach einem Jahr im Amt entmachtet hatte. ElBaradei war nach jahrzehntelanger diplomatischer Tätigkeit im Ausland ein Jahr vor dem Sturz des ägyptischen Machthabers Hosni Mubarak im Februar 2011 in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sich für einen demokratischen Wandel in dem nordafrikanischen Land stark gemacht. Er hatte für seine Arbeit bei der IAEA 2005 den Friedensnobelpreis erhalten.

Ägyptens Sicherheitskräfte wappneten sich am Samstag für neue Zusammenstöße, nachdem seit Freitag mindestens 37 Menschen bei Auseinandersetzungen getötet und mehr als 1400 verletzt worden waren. Bewaffnete Bereitschaftspolizisten bezogen Stellung an mehreren Straßenkreuzungen und Brücken der Hauptstadt Kairo. Islamistische Gruppen kündigten hartnäckige Proteste an, "bis der Militärputsch rückgängig gemacht und der legitime Präsident wieder eingesetzt ist".

Muslimbrüder trauern

Tausende Anhänger der Muslimbrüder, denen Mursi entstammte, kamen am Samstag zu Trauerfeiern für vier Anhänger der Bewegung zusammen. Die Männer waren bei Zusammenstößen mit Mursi-Gegnern getötet worden. Ein Imam forderte die Menge im Stadtviertel Nasr City auf, für die "Märtyrer der Legitimität" zu beten.

Während die Mursi-Anhänger öffentlich zu friedlichen Protesten aufriefen, schilderten Anwohner des Kairoer Stadtteils Manial, dass sich bewaffnete Islamisten dort in der Nacht zum Samstag mit automatischen Pistolen, Schnellfeuergewehren, Macheten und Knüppeln ihren Weg zum besetzten Tahrir-Platz gebahnt hätten.

Die ägyptische Justiz verhörte am Samstag laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur MENA ranghohe Mitglieder der Muslimbrüder. Die Verhöre stünden im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen "Anstachelung zum Mord" an Demonstranten. (APA, derStandard.at, 6.7.2013)

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    ElBaradei wurde am Samstag von Übergangspräsident Adli Mansur empfangen

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