Beate Schrott: "Ich schließe nichts mehr aus"

Interview6. Juli 2013, 11:30
70 Postings

Österreichs Vorzeige-Athletin über Sauberkeit in der Leichtathletik, das Ziel Olympia-Medaille und die Vorbereitungen auf die WM

Standard: Wie geht es Ihnen gesundheitlich, ist die Muskelverletzung schon ausgeheilt?

Schrott: Noch nicht komplett, es geht mir aber wesentlich besser. Ich muss aufpassen, dass das Narbengewebe stabil wird und nicht wieder einreißen kann.

Standard: Als Medizinerin beschäftigen Sie sich mit dem Körper. Was war die Ursache?

Schrott: Mein Iliosakralgelenk, ein Gelenk in der Hüfte, war blockiert, und das hat die Muskulatur mehr belastet als normal. Ich hab es vorher nicht gewusst, wäre dies der Fall gewesen, hätten wir in diese Richtung noch etwas tun können.

Standard: Doping ist immer ein Thema im Spitzensport. Haben Sie das Gefühl, dass bei der Jagd auf die Dopingsünder alle gleich behandelt werden? Auch Chinesen und Amerikaner zum Beispiel?

Schrott: Beim Trainingslager in den USA habe ich bei einer amerikanischen Trainingskollegin gewohnt. Bei der ist in der Früh um sechs Uhr die Dopingkontrolle dagestanden. Das ist das Einzige, was ich aus Erfahrung sagen kann, das andere sind nur Gerüchte.

Standard: Wie oft sind Sie schon getestet worden?

Schrott: Es hat einen Knackpunkt gegeben, einen Leistungssprung, da bin ich ins Radar gekommen. Davor bin ich nie getestet worden, jetzt sehr, sehr, sehr oft.

Standard: Wann zuletzt?

Schrott: Vor eineinhalb Wochen. Sie kommen immer nach Hause und nehmen mir Blut ab, und eine Urinprobe muss ich abgeben.

Standard: Haben Sie das Gefühl, dass die Leichtathletik sauber ist?

Schrott: Ich kenne alle, die an der Spitze sind, sehr gut, und ich habe das Gefühl, die österreichische Leichtathletik ist sauber. Es ist aber nicht überall so. Zuletzt ist die Jamaikanerin Veronica Campbell-Brown erwischt worden, was mich traurig gestimmt hat, denn bei ihr habe ich das nicht geglaubt. Schade. Viele Leute glauben nicht mehr daran, dass gute Leistungen clean möglich sind. Ich glaube, es ist möglich. Als junge Athletin weiß man nicht, was alles möglich ist ohne Doping, und ist selber misstrauisch. Jetzt traue ich mehr Leuten vieles zu, weil ich weiß, was alles geht, wenn man konsequent arbeitet und viel investiert.

Standard: Wann sind Sie draufgekommen, dass der Hürdensprint Ihres ist?

Schrott: Relativ bald. Ich habe alle Disziplinen probiert, und beim Mehrkampf hat sich herauskristallisiert, dass Weitsprung und Hürden meine Stärken sind. Irgendwann hat Weitsprung nicht mehr funktioniert, ich habe viele ungültige Versuche gehabt. Seit 2007 bin ich Hürdenläuferin.

Standard: Wie weit können Sie kommen? Sind Medaillen bei Großereignissen denkbar?

Schrott: Bei einer Europameisterschaft ist es mein fixes Ziel. Ich war voriges Jahr als Vierte knapp dran. Unter Umständen bekomme ich die Medaille noch nachgereicht, weil die Siegerin Yanit Nevin aus der Türkei in der Hallensaison erwischt worden ist.

Standard: Und wie ist das bei einer WM oder Olympischen Spielen?

Schrott: Das wird extrem schwierig. Aber voriges Jahr noch habe ich es für unmöglich gehalten, dass ich ins Olympiafinale renne. Bei Interviews im Vorfeld habe ich das kategorisch ausgeschlossen. Im Endeffekt ist es passiert. Ich schließe nichts mehr aus und habe ein langfristiges Ziel. Ich will eine Medaille bei Olympia. An diesem Tag muss alles stimmen. Dass das schwierig ist, ist selbsterklärend.

Standard: Seit einem Jahr steht Ihr österreichischer Rekord bei 12,82 Sekunden. Wie viel Verbesserungspotenzial sehen Sie?

Schrott: Heuer möchte ich um ein Zehntel schneller sein. Was langfristig drin ist, kann man nicht genau sagen. Die Verletzung hat mir wieder gezeigt, wie wichtig es ist, dass man gesund ist. Das ist die absolute Grundvoraussetzung für Leistung.

Standard: Was sagen Sie zum Zustand der österreichischen Leichtathletik insgesamt?

Schrott: Sie ist im absoluten Aufwärtstrend.

Standard: Sind für Sie die Trainingsmöglichkeiten perfekt?

Schrott: Nein. Im Sommer fehlt es mir an gar nichts, aber im Winter fehlt's an vielem, vor allem einer Halle, die für uns Leichtathleten durchgehend verfügbar ist. Wir haben in Österreich keine Trainingsmöglichkeit. Ich muss jedes Jahr nach Weihnachten ins Ausland ausweichen. Das Dusika-Stadion wird über die Feiertage zugesperrt. Aber ich kann als Profisportler keine Feiertage machen, ich muss trainieren, wenn es sein muss auch Silvester oder Weihnachten, deshalb muss ich ins Ausland ausweichen.

Standard: Wo fahren Sie hin?

Schrott: Voriges Jahr war es Teneriffa, zwei Jahre davor Florida.

Standard: Praktisch, dort braucht man keine Halle. Ist bei dem vielen Training auch die Lust an der Qual dabei?

Schrott: Als jüngere Athletin habe ich keine Lust an Qual empfunden, mittlerweile vielleicht ein bisschen. Aber wenn jedes einzelne Training so ist, dass man das Gefühl hat, man muss weinen, ist es für den Kopf extrem anstrengend. Ich hatte Jahre, in denen mich mein Trainer in der Kraftkammer bis zum Weinen gequält hat, das waren harte Jahre.

Standard: Jetzt müssen Sie nur noch ab und zu weinen?

Schrott: Ja, genau. Das Training ist nicht leichter geworden, aber ich bin belastungsverträglicher.

Standard: Als Leichtathletin lebt man vor allem für diese wenigen Höhepunkte, die wirklich in der Öffentlichkeit stehen wie Olympia oder WM. Oder ist jedes Meeting für einen selber bedeutsam?

Schrott: Für mich ist jedes Meeting wichtig, weil nur die Konstanz auf einem hohen Niveau Bestleistungen möglich macht. Man muss jeden Wettkampf wichtig nehmen, das tue ich auch. Aber natürlich sind Olympische Spiele etwas anderes. Das ist es, wofür man arbeitet.

Standard: Steckt auch der Wunsch dahinter, bekannt zu sein?

Schrott: Für mich nicht. Aber es ist schön, wenn man Vorbild ist und Kinder zum Sport animieren kann. Ich hatte ein herziges Erlebnis. Nach der Prüfung sind wir alle essen gegangen, und auf einmal kommt ein kleines Mädchen her und holt sich ein Autogramm von mir. Sie hat erzählt, sie würde gerne Hürdenläuferin werden. Das finde ich wirklich schön.

Standard: Interessieren Sie sich auch für extrem kommerzialisierte Sportarten wie Formel 1 oder Champions League im Fußball?

Schrott: Nein. Ich schau mir Turnen, Rhythmische Gymnastik, Wasserspringen oder Tennis gerne an, aber Fußball und Formel 1 sind für mich Männersportarten.

Standard: Wie schaut ein typischer Trainingstag bei Ihnen aus?

Schrott: In der Aufbauphase trainiere ich schon bis zu fünf Stunden am Tag, nicht jeden Tag, aber sicher dreimal die Woche. Und die anderen Tage vielleicht zwei, drei Stunden. In der Wettkampfphase trainiert man nicht mehr so viel. Erstens, weil die Wettkämpfe sehr belastend sind und man dazwischen regenerieren muss. Zweitens, weil man nicht mehr so viel trainieren muss, weil man die meiste Arbeit schon im Winter erledigt hat. Momentan, wenn ich fit wäre, würde ich maxi- mal zwei Stunden am Tag trainieren.

Standard: Die WM in Moskau beginnt am 10. August. Ist Zeit genug für die Vorbereitung?

Schrott: Ich trainiere schon, ich mache Sachen, die nicht mit der Oberschenkelrückseite zu tun haben. Mein Trainer sagt: Von der Fitness her ist es kein Problem. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 06./07. Juli 2013)

BEATE SCHROTT (25), Niederösterreicherin aus St. Pölten, hält die österreichischen Rekorde über 100 (12,82) und 60 Meter Hürden (7,96). Achte bei den Olympischen Spielen 2012, Vierte bei der EM 2012. Zweite in der Wahl zu Österreichs Sportlerin des Jahres 2012 hinter Skifahrerin Marlies Schild.

  • Hürdensprinterin Beate Schrott beim bisher schönsten Erlebnis ihrer Sportkarriere im Olympiastadion von London.
    foto: epa/mabanglo

    Hürdensprinterin Beate Schrott beim bisher schönsten Erlebnis ihrer Sportkarriere im Olympiastadion von London.

Share if you care.