Morsis Sturz lässt Raum für Nasser-Nostalgie

Analyse5. Juli 2013, 21:44
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Ist mit dem Sturz Mohammed Morsis in Ägypten das Projekt der Muslimbrüder endgültig gescheitert? Und wenn ja, wodurch wird es ersetzt? Manche Autoren orten eine Rückkehr zum arabischen Nationalismus à la Gamal Abdel Nasser. Westfreundlich ist der nicht.

Kairo/Wien - Was während des jüngsten Umsturzes mit dem Hauptquartier der Muslimbrüder - eingerichtet erst nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Jahr 2011 - geschah, ist von großer Symbolkraft. Es wurde gestürmt, vandalisiert und geplündert: eben ganz wie eine Einrichtung eines verhassten Regimes, zu dem die demokratisch an die Macht gekommenen Muslimbrüder während des vergangenen Jahres geworden waren. 85 Jahre nach ihrer Gründung waren sie in der Wahrnehmung dort angelangt, wo die Regime standen, von denen sie jahrzehntelang unterdrückt wurden.

Wenn man das eine Jahr Mohammed Morsi Revue passieren lässt, dann fallen neben dem Dekret im November 2012, mit dem er seine Entscheidungen über die Justiz stellte, vor allem Personalentscheidungen ein, die völlig abseits des Konsenses mit den anderen Kräften des Landes, die an der Revolution teilgenommen hatten, getroffen wurden: Das war die vielkritisierte "Ikhwanisierung" (Ikhwan = Brüder).

Institutionelle Blindheit

Da war der Generalstaatsanwalt, der explizit islamistische Kulturminister oder zuletzt die Gouverneursernennungen. Einen Angehörigen der extremistischen Gamaa al-Islamiya dort einzusetzen, wo der radikalisierte Ikhwan-Ableger ein Massaker verübt hatte (in Luxor), da gehört schon ein gerüttelt Maß an institutioneller Blindheit dazu. Das war ein Zerstörungsakt gegenÄgypten. Wann und warum die Muslimbrüder, die - bis das Mubarak-Regime das 2010 abstellte - zum Teil gute Oppositionsarbeit als Unabhängige im Parlament gemacht hatten, in den Machtrausch kippten, wird noch zu analysieren sein. Oder war es vor allem Paranoia?

Frühes Scheitern

Für die Zukunft ist vor allem die Frage interessant, was der Sturz der Muslimbrüder in Ägypten für ihr globales Projekt bedeutet, das mit dem Arabischen Frühling zum ersten Mal in ihrer Geschichte so richtig durchgestartet war: neben Ägypten in Tunesien, weniger in Libyen (dort haben im islamistischen Sektor die Salafisten die Nase vorn), im Jemen (die Islah-Partei) und in Syrien, wo sich lange Zeit die internationale Unterstützung für den Aufstand auf die Muslimbruderschaft fokussierte.

Manche arabische Analytiker verkünden bereits das Ende der Muslimbrüder - zum Schaden auch der mit den Ikhwan verwandten türkischen Islamisten, die ja auch im Inland plötzlich unter Druck geraten sind. Der andere kleine, aber potente Freund der Muslimbrüder, Katar, scheint nach dem Emirswechsel nun seine Politik nachzujustieren und wieder auf die Seite Saudi-Arabiens einzuschwenken: Der letzte verbliebene arabische Freund Morsis am Golf hat den Ägyptern zu dessen Absetzung gratuliert.

Vielsagend waren auch die Gratulation von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und seine Aussage, dass die Chancen auf Versöhnung mit der Hamas steigen würden: Obwohl Morsi ja die Hamas nicht gut behandelt hat und sie ebenso im Gazastreifen einzudämmen versuchte wie vor ihm Mubarak, hat die Hamas doch immens vom Aufschwung der Muslimbrüder insgesamt profitiert. Das ist nun vorbei.

Freut das nicht Israel und die USA? Ja, aber: Ein unterbelichtetes Phänomen der Anti-Morsi-Bewegung, das säkulare arabische Autoren betonen, ist die Rückkehr des nasseristischen Diskurses im Laufe dieser zweiten Revolution. Und der ist im Sinne seines Namensgebers - Gamal Abdel Nasser, Präsident Ägyptens 1954-1970 - streng antiimperialistisch und US-feindlich.

Dahinter steckt die Auffassung, dass die USA von Beginn - oder laut Verschwörungstheoretikern schon vor dem Ausbruch - des Arabischen Frühlings entschieden, auf die Muslimbruderschaft als moderate islamische Kraft für den Übergang von den postkolonialen arabischen Regimen in die politische Moderne zu setzen.

Bei den Demonstrationen waren US-feindliche Slogans gang und gäbe, man sah Fotos von Morsi mit der US-Botschafterin. Diese Kräfte meinen nun, mit dem Muslimbrüderprojekt sei auch ein amerikanisches gescheitert. Und es sei Zeit für eine Rückkehr zu nationalistischen Werten. Damit können auch die Altmubarakisten gut leben, die selbstverständlich vom Sturz Morsis zu profitieren hoffen. Und die Assads in Syrien freuen sich auch - und verweisen auf ihr Bündnis mit Russland.

Salafisten profitieren

Eine weitere Frage ist die nach der Zukunft des politischen Islam. Die Muslimbrüder sind zweifellos dessen bedeutendste Manifestation seit seinem Aufkommen Ende des 19. Jahrhunderts - und ihr Scheitern erfolgt auch zugunsten des salafistischen Islam saudi-arabischer Prägung.

Der war zwar lange Zeit unpolitisch und vor allem gehorsam gegenüber den Herrschenden, aber mit dem Arabischen Frühling ist auch er in eine neue Phase eingetreten - wie ja gerade die salafistischen Parteigründungen in Ägypten zeigten. Man kann damit rechnen, dass viele frühere Muslimbrüder-Wähler bei den nächsten Wahlen salafistisch wählen werden - und kann nur hoffen, dass es auch im salafistischen Sektor genügend Enttäuschte gibt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 6.7.2013)

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