"Jetzt haben wir gar keinen Spielraum mehr"

5. Juli 2013, 18:03
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Am Donnerstag wird der Carinthische Sommer (CS) eröffnet - Die Kirchenoper musste aus budgetären Gründen gestrichen werden, bedauert Intendant Thomas Daniel Schlee

Während Österreichs (Polit-)Prominenz am Donnerstag vermutlich eine Gruppenfahrt an den Neusiedler See unternehmen wird, um der Eröffnung der Mörbischer Festspiele beizuwohnen, wird Bundespräsident Heinz Fischer mit seiner Frau auch heuer wieder in Kärnten erwartet, um den Carinthischen Sommer (CS) zu eröffnen. Ehe Manfred Honneck abends im Villacher Congress Center das Eröffnungskonzert mit der Camerata Salzburg dirigiert, wird Rainer Bischof die Eröffnungsrede halten. Vielsagendes Thema: "Das Überflüssige ist das Notwendige - das Festspiel". Schweigen wird, wie schon im Vorjahr, der Intendant des Carinthischen Sommers: "Was soll ich Ihnen schon sagen? Ich bin es leid, immer nur mit Äußerungen über Budgetnot und Geldsorgen in Erscheinung zu treten", sagt Thomas Daniel Schlee. "Aber ich habe langsam ein schlechtes Gewissen, den Bundespräsidenten für eine Sache zu bemühen, die so klein geworden ist." In der Tat ist die Lage am Ossiacher See prekär. Wohl wird am 16. Juli das Auftragswerk Black Lotus der Chinesin Xu Fengxia und des Schweizers Lucas Niggli uraufgeführt; Valery Gergiev dirigiert am 31. Juli das St. Petersburger Mariinsky Orchester für die Erstaufführung von Rodion Schtschedrins Klavierkonzert Nr. 4; und die polnische Truppe Small Instruments spielt am 19. Juli - erstmalig in Österreich - große Musik auf kleinen Spielzeuginstrumenten.

Gelder und Oper gestrichen

Doch das Alleinstellungsmerkmal des Carinthischen Sommers, die Kirchenoper, musste aus Geldmangel gestrichen werden. Jetzt gibt es noch weniger Geld: Statt wie im Vorjahr 1.037.753 Euro bekommt der CS heuer nur mehr 914.750 Euro von der öffentlichen Hand. Das Land hatte schon im Vorjahr um 50.000 Euro weniger herausgerückt und reduziert heuer sowie 2014 die Subventionen um jeweils 100.000 Euro. Nun strich auch die Kulturministerin 70.000 Euro aus dem laufenden Budget.

Der Beirat - ihm gehören unter anderem Wiens designierter Festwochenintendant Markus Hinterhäuser und der Komponist Bruno Strobl an, dessen Kirchenoper Sara und ihre Männer im Vorjahr in Ossiach uraufgeführt wurde - hatte die Kürzung empfohlen, weil beim CS zu wenig Zeitgenössisches auf dem Programm stehe. "Das kann ich sogar nachvollziehen, es ist legitim, Subventionen runterzuschrauben, wenn man sagt, man will das Wagnis unterstützen. Nur: Jetzt haben wir gar keinen Spielraum mehr."

Die Folge: Dutzende Konzerte mussten gestrichen werden, vornehmlich dort, wo der Publikumszuspruch am bescheidensten ist: bei Zeitgenössischem. Die Wiener Sängerknaben, Klaus Maria Brandauer oder Rudolf Buchbinder sind die Quotenbringer. Doch selbst Zugpferde wie Gergiev füllen die Säle nicht, sobald zeitgenössische Kompositionen auf dem Programm stehen. Und für das Royal String Quartet, das Witold Lutoslawskis 100. Geburtstag in Ossiach feiert, läuft der Kartenvorverkauf auch schleppend. "Mit immer schwächer werdenden Kräften", so Schlee, "sorgen wir dennoch dafür, dass ab und zu noch Weltklasse-Kammermusikensembles nach Kärnten kommen." Die Chance, die gestrichenen Förderungen mit privaten Geldern aufzuwiegen, ist gering: Der Anteil der Sponsorgelder am Gesamtbudget (rund 1,6 Millionen Euro) beträgt magere 154.000 Euro: "Anderswo glaubt man bei diesen Beträgen, wir hätten uns um eine Null vertan. Aber wenn hin und wieder jemand 1000 Euro springen lässt, sind wir schon froh."

Szenische Stücke am See

Schlees oft geäußerter Vorschlag, den Alban-Berg-Saal in Ossiach technisch so auszustatten, dass dort - komplementär zu Kirchenopern im Stift - kleinere szenische Stücke umgesetzt werden könnten, blieb von der (Kultur-)Politik unerhört. Der renommierte Komponist, der das CS-Programm bis ins Detail gestaltet, ja komponiert: "Der Festivalcharakter entsteht erst durch das Szenische, da führt kein Weg vorbei."

Doch nicht nur Budgetnöte trüben Schlees Laune. Die Nazivergangenheit des CS-Gründers Helmut Wobisch beschädigt auch den Ruf des Festivals. "Aber ich wehre mich rabiat dagegen, dass ich oder meine Mitarbeiter in diesen Verdacht geraten. Es ist deprimierend, dass ich, dessen Mutter während der Nazizeit den Gelben Stern tragen musste, mit dem Vorwurf konfrontiert bin, Nazi-Intendant zu sein." (Andrea Schurian, DER STANDARD, 6./7.7.2013)

  • Thomas Daniel Schlee, preisgekrönter Organist, renommierter Komponist und seit 2004 Intendant des Carinthischen Sommers, will lieber schweigen, als über Geldnot zu klagen.
    foto: helge bauer

    Thomas Daniel Schlee, preisgekrönter Organist, renommierter Komponist und seit 2004 Intendant des Carinthischen Sommers, will lieber schweigen, als über Geldnot zu klagen.

  • Valery Gergiev gastiert beim Carinthischen Sommer.
    foto: epa/daniel hambury

    Valery Gergiev gastiert beim Carinthischen Sommer.

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