Innenschau mit glockenheller Stimme

5. Juli 2013, 17:25
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Vokalistin und Violinistin Iva Bittová gastiert im Rahmen des Jazz Fest Wien solo im Porgy & Bess

Wien - "Es hätte auch eine andere Stadt sein können. Ich wollte einfach neuen Input, neue Inspirationen. Ich betrachte den Aufenthalt als eine Art Bildungsmaßnahme. Und New York ist immer noch einer der kraftvollsten Plätze für künstlerische Tätigkeit." So spricht Iva Bittová, die tschechische Vokalistin und Geigerin, die anno 2007 49-jährig ihr Heimatdorf Lelekovice im Norden von Brno hinter sich gelassen hat und in die pulsierende Energie des "Big Apple" eingetaucht ist. Kontakte zum Crossover-Ensemble Bang On A Can All Stars um Klarinettist Evan Ziporyn ebneten den Weg für den späten Sprung über den Atlantik. Seither musiziert Bittová mit Ziporyn und Gyan Riley (dem Sohn Terry Rileys) im Trio Eviyan, zudem u. a. mit Gitarrist Marc Ribot. Sogar Bobby McFerrin hat sie schon zum Duett geladen.

"Der Kontrast war nicht so hart, wie man denken könnte. Ich bin auf Reisen, seit ich 17 bin. Und ich kannte New York natürlich schon", so Bittová, der Natur und Stille wichtige Musen sind und die sich insbesondere der Landschaft Mährens verbunden fühlt. Für Bittová war die Musik dieser Region von Kindheit an wichtig: "Wir hatten keinen Fernseher, deshalb war das Musikmachen umso wichtiger. Meine Mutter sang gerne, mein Vater war Musiker, er spielte Kontrabass im Opernorchester, zudem Cimbalom, Trompete und Klavier. Für mich war es schon als Kind selbstverständlich, Genregrenzen zu übertreten."

Letzteres sollte ab 1985 im Duo mit Schlagzeuger Pavel Fajt schlagend werden. Die kürzlich wieder aufgelegte Platte Bittová & Fajt von 1987, die mit dem unwiderstehlichen Lachen Iva Bittovás beginnt und in expressiv irrlichternde freie Vokalisen über repetitiven Violin- und punkigen Schlagzeug-Patterns mündet, hat bis heute nichts von ihrer nonchalanten Frische verloren. Es war der britische Schlagzeuger Chris Cutler, der so auf das Duo aufmerksam wurde und den Kontakt zu seinem Ex-"Henry Cow"-Kollegen Fred Frith herstellte. Die beiden Stücke, die Bittová und Fajt anno 1989 zum Film Step Across the Border beisteuerten, bedeuteten den internationalen Durchbruch.

Beinahe ein Vierteljahrhundert später hält die bald 55-jährige Iva Bittová inne und betreibt in der titellosen Soloaufnahme, die unlängst bei ECM erschienen ist, entspannte Innenschau. Auf der CD finden sich zwölf großteils frei improvisierte Fragments, poesievolle Miniaturen, in denen ihre glockenhelle Stimme befreit über sparsamen Kalimba- und Violinklängen schwebt. "Es ist eine Art Bestandsaufnahme. Produzent Manfred Eicher half mir, die langsameren und tieferen Seiten in meiner Musik zum Vorschein zu bringen. Mir gefällt, dass das Resultat Alterslosigkeit ausstrahlt. Man kann nicht sagen, aus welcher Zeit die Klänge stammen."

Es ist jedenfalls Musik, die man als Antithese zum Hexenkessel New York lesen könnte. Kein Zweifel: Iva Bittová ist sie selbst geblieben. Das wird auch evident, wenn sie, die mit einem ihrer beiden Söhne in Rhinebeck nördlich der Megalopolis wohnt, sagt: "Ich kann nie zu lange in der lärmigen Stadt sein. Dann muss ich mich in mein kleines, ruhiges Nest auf dem Land, in die Natur flüchten." (Andreas Felber, DER STANDARD, 6./7.7.2013)

6. 7., Porgy & Bess, 21.00

  • Iva Bittová: von Mähren bis New York. 
    foto: jazz fest wien

    Iva Bittová: von Mähren bis New York. 

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