Stärkere Integration von Frauen

Kolumne5. Juli 2013, 17:07
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Die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede sind in Österreich so hoch wie in kaum einem anderen Land der EU

Die Stärkung der Erwerbsanreize für Frauen ist eine der zentralen Empfehlungen, die der Internationale Währungsfonds jüngst zum Abschluss seiner jährlichen Länderprüfung an die heimische Politik richtete. Konkret solle die hohe Abgabenbelastung der Arbeitseinkommen gesenkt sowie innerhalb der Familienleistungen von Geldleistungen zum Ausbau qualitativ hochwertiger und leistbarer Kinderbetreuungseinrichtungen umgeschichtet werden.

In dieselbe Kerbe schlug einen Tag später die OECD bei ihrer Präsentation des Österreich-Berichts. Die österreichische Politik solle eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung anstreben, da diese Familieneinkommen und Wirtschaftswachstum erhöhe. Zentraler Hebel hierfür sei ein ausreichendes Angebot an Betreuungsangeboten mit hoher pädagogischer Qualität sowie vereinbarkeitsfreundlichen Öffnungszeiten.

In der Tat sind die bestehenden Gleichstellungsdefizite auf dem Arbeitsmarkt eine der wichtigsten Herausforderungen, mit denen die neue Regierung nach der Wahl konfrontiert sein wird. Mit fast einem Viertel sind die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede in Österreich so hoch wie in kaum einem anderen Land der EU. Die Teilzeitquote der Frauen liegt mit 44 Prozent deutlich über dem europäischen Durchschnitt, wobei ein Gutteil der Teilzeitjobs eine relativ geringe Wochenstundenzahl aufweist.

Knapp vierzig Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen geben als Grund für die Teilzeitbeschäftigung Betreuungspflichten an. Die Hälfte der Frauen, aber nur 14 Prozent der Männer arbeitet in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Gut acht Prozent der männlichen, aber weniger als vier Prozent der weiblichen unselbstständig Beschäftigten haben eine Führungsposition inne. In den Geschäftsführungen der Top-200-Unternehmen sind unter sechs Prozent Frauen, in den Aufsichtsräten unter 14 Prozent. Frauen übernehmen zwei Drittel der unbezahlten Arbeit: Sie arbeiten pro Tag durchschnittlich 269 Minuten unbezahlt, Männer dagegen nur 135 Minuten.

Der ökonomische Nutzen einer stärkeren Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt ist vielfältig. Er reicht von der Sicherung des Arbeitskräfteangebots sowie der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme angesichts des abzusehenden demografischen Wandels bis hin zu positiven Wachstums- und Produktivitätseffekten. Ein qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot für Kinder als eine tragende Säule einer effektiven Vereinbarkeitspolitik ist zudem ein wichtiges bildungspolitisches Element.

Der kürzlich beschlossene quantitative und qualitative Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, in den ab 2014 jährlich zusätzlich einhundert Millionen Euro investiert werden sollen, ist daher ein wichtiger Schritt. Begrüßenswert ist auch das Vorziehen von fünfzig Millionen Euro an Investitionen in Betreuungsplätze noch heuer mit dem Konjunkturpaket.

Die Erwerbsintegration der Frauen wäre darüber hinaus zu stärken durch die Senkung des hohen Eingangssteuersatzes sowie der Sozialbeiträge für die unteren Einkommen, die den Übergang zu Teilzeitbeschäftigung mit höheren Wochenstundenzahlen behindern. Weitere staatliche Maßnahmen wären die Förderung der Väterbeteiligung und die Einschränkung der langen Karenzvariante: Diese fördert lange Babypausen mit der Gefahr von Dequalifizierung, dauerhaften Einkommensverlusten sowie Wiedereinstiegsproblemen. (Margit Schratzenstaller, DER STANDARD, 6.07.2013)

Margit Schratzenstaller ist Referentin für öffentliche Finanzen beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

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