Die Grenzen der Reisefreiheit

5. Juli 2013, 19:02
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Im Dezember ersteigerte der amerikanische Milliardär Leon Black eine Raffael-Zeichnung und darf das Werk bis heute dennoch nicht sein Eigen nennen

Leon Black pflegt eine sehr spezielle Passion, konkret für die auf dem internationalen Kunstmarkt lange Zeit unterbewertete Sektion Arbeiten auf Papier. Wann der Gründer des Investment- und Beteiligungsunternehmens Apollo Management zu sammeln begann und wie viele Kunstwerke seine Kollektion zwischenzeitlich umfasst, ist nicht bekannt. Nur, dass er in diese Leidenschaft ein stattliches Vermögen investierte und damit an der internationalen Preisspirale drehte.

Das teuerste je in der Auktionsbranche öffentlich gehandelte Kunstwerk? Er erwarb es. Knapp 120 Millionen ließ Black für Edvard Munchs Pastell Der Schrei springen. Nicht der erste Weltrekord, den der 61-Jährige bewilligte, dessen Hang zu Papier die gesamte Bandbreite kunsthistorischer Epochen umfasst.

Im Dezember 2009 fischte er sich beispielsweise ein Renaissance-Werk aus dem Londoner Altmeister-Angebot, eine Zeichnung von Raffael da Urbino. Um die zwölf bzw. 16 Millionen Pfund hatte Christie's dem Einbringer der Studie der Urania aus dem Parnass-Fresko im Vatikan damals in Aussicht gestellt. Black war mit 26,16 Millionen Pfund (32,19 Mio. Euro) deutlich mehr zu zahlen bereit. Ein im übertragenen Sinne passendes Pendant hielt Sotheby's Anfang Dezember vergangenen Jahres bereit: die Kopfstudie eines Apostels, einer der Schlüsselfiguren des letzten Meisterwerks von Raffael, der 1520 und damit kurz vor seinem Tod finalisierten Verklärung Christi (Vatikanische Pinakothek). Die 1519 datierte Vorstudie war Leon Black 29,72 Millionen Pfund (36,6 Mio. Euro) wert, der höchste Preis, der bislang für eine Arbeit Raffaels und für eine Zeichnung in einer Auktion bezahlt wurde.

Die Kuratoren des Metropolitan Museum of Art, zu dessen Aufsichtsrat der Milliardär gehört, dürften sich angesichts des schmucken Leihkandidaten wohl schon die Hände gerieben haben. Vorerst vergeblich. Nach dem 17-minütigen Bietgefecht war Black zwar der offizielle Käufer und darf das Werk dennoch bis heute nicht sein Eigen nennen.

Ersatzkäufer gesucht

Denn die anschließend beantragte Ausfuhrgenehmigung wurde vorerst nicht erteilt. Seit dem 17. Jahrhundert hatte der Apostelkopf fernab der Öffentlichkeit ein Dasein in britischen Privatsammlungen gefristet. Der Zwölfte Duke of Devonshire ließ die Zeichnung versteigern, um den Erhalt des Familiensitzes zu sichern: Chatsworth House, ein prachtvolles Landschloss, das in Filmen wie Stolz und Vorurteil (2005) oder Die Herzogin (2008) als historische Kulisse diente.

Anfang April verhängte der britische Kulturminister Ed Vaizey auf Empfehlung seiner Beurteilungskommission ein auf drei Monate beschränktes Ausfuhrverbot. In diesem Zeitraum sollten private oder institutionelle Interessenten die Möglichkeit erhalten, den Verbleib im Lande zu sichern - und zu finanzieren. Dem Vernehmen nach soll sich bislang kein Ersatzkäufer gefunden haben und lief die Frist in der Nacht auf Donnerstag dieser Woche aus.

Ob der Raffael nun die offizielle Reiseerlaubnis erhält oder der temporäre "export ban" bis Jänner verlängert wird, stand mangels einer Stellungnahme der Behörden zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Sowohl bei Sotheby's als auch bei Christie's stand dieser Tage derweilen business as usual auf dem Programm und stockte man mit Versteigerungen von Kunstwerken Alter Meister die Halbjahresbilanz auf.

Den höchsten Zuschlag der Woche erteilte Sotheby's für ein Gemälde von El Greco: Für 9,15 Millionen Pfund (10,78 Mio. Euro) fand der ins Gebet vertiefte heilige Dominikus in einer europäischen Privatsammlung eine neue Heimat. Diesem im Auftrag der Unicef Deutschland (Sammlung Gustav Rau) versteigerten Werk darf Ed Vaizey allenfalls "a safe journey" wünschen. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 6./7.7.2013)

  • Gregory Rubinstein (Sotheby's Head Old Master Drawings) auf Augenhöhe mit Raffaels Studie eines Apostelkopfes von 1519. Wojazer
    foto:reuters / philippe

    Gregory Rubinstein (Sotheby's Head Old Master Drawings) auf Augenhöhe mit Raffaels Studie eines Apostelkopfes von 1519. Wojazer

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