"Wieso sollte die Türkei nicht zu Europa gehören?"

Interview5. Juli 2013, 14:21
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Smera Rehman von den Neos ist für ein internationales Österreich und ein gemeinsames Europa

Was die Vereinigten Staaten von Europa sein sollen, was einen aktiven europäischen Bürger ausmacht und was in Österreich noch für die Religionsfreiheit getan werden kann - das erklärt Smera Rehman von den Neos in der zweiten Ausgabe der Fliegenrunde* auf daStandard.at.

daStandard.at: Sind Sie die Quotenmigrantin bei den Neos?

Rehman: Nein, ich sehe mich nicht als Quotenmigrantin bei Neos.

daStandard.at: Aber Sie sind die einzige Migrantin auf der Liste.

Rehman: Es kommt darauf an, wie Sie das sehen mit dem Migrationshintergrund. Im herkömmlichen Sinne schon, aber es sind zum Beispiel auch sehr viele Auslandsösterreicher bei den Neos, einige, die in Kanada leben, einer in China. Wir sind eine sehr internationale Partei, die viel Auslandserfahrung hat.

daStandard.at: Sie sind wegen Ihrer Wurzeln und wegen ihres Engagements für die Neos in zweierlei Hinsicht "neue Österreicherin". Wie soll dieses neue Österreich aussehen? Wenn jemand das wissen sollte, dann Sie.

Rehman: Ich stehe für ein internationales Österreich, ein globales Österreich - Europa ist ein sehr wichtiges Thema für Neos, Globalisieren ebenfalls. Wir sind für ein gemeinsames Zusammenleben, für ein internationales Zusammenleben. Besonders im Bereich der Bildung und Migration gibt es aber hier enormen Handlungsbedarf.

daStandard.at: Sie setzen sich als gläubige Muslimin für die Trennung von Religion und Staat ein. Was muss noch für diese Trennung getan werden?

Rehman: Ich bin der Meinung, dass Staat und Kirche zwei verschiedene Themen sind. Es führt oft zu Konflikten, wenn beide Themen zusammengeführt werden. Ich persönlich bin aber der Meinung, weil ich für Menschen- und Grundrechte stehe, dass jeder das Recht dazu haben sollte, die eigene Religion und den eigenen Glauben zu praktizieren, solange es niemandem aufgezwungen wird. Ich bin auch der Meinung, dass es beispielsweise für religiöse Feiertage verschiedener Glaubensrichtungen mehr Toleranz geben sollte vonseiten der Arbeitgeber oder in den Schulen. Dafür stehe ich definitiv, aber im Prinzip sehe ich die Vermischung als gefährlich und als ein Konfliktpotenzial.

daStandard.at: Ist es nicht gerade Vermischung, wenn man die religiöse Feiertage als gesetzliche Feiertage aufnimmt?

Rehman: Es geht darum, dass es nicht ungewöhnlich sein soll oder gar negative Auswirkungen haben sollte, wenn man an jenem Tag freinimmt.

daStandard.at: Ihre Partei spricht in Bezug auf Außenpolitik von den "Vereinigten Staaten von Europa".

Rehman: Genau. Wir sind für die Vereinigten Staaten von Europa, und wir sehen das als wichtigen Schritt, in Europa zusammenarbeiten zu können. Wichtig ist das Grenzüberschreitende. Wir müssen miteinander bessere gesetzliche Regelungen finden können, gute und funktionierende Konzepte austauschen können.

daStandard.at: Wie sollen diese Vereinigten Staaten aussehen?

Rehman: Für mich steht an erster Stelle die Bildung. Es sollte schon vor einem Erasmus-Semester die Möglichkeit für einen Austausch zwischen europäischen Ländern geben. Das ist ein erster Schritt zu mehr interkulturellem Wissen, zu interkultureller Kompetenz - wenn junge Schüler und junge Menschen die Möglichkeit haben, ins Ausland zu gehen. Es öffnet viele Türen, es ändert oft die Denkweise, und wir werden toleranter für vieles. Bildung ist ein sehr wichtiger Schritt für Europa, und dann natürlich auch die Mobilität im Arbeitsumfeld.

daStandard.at: Das ist aber alles schon jetzt möglich. Geografisch gesehen - von wo bis wo sollten die Vereinigten Staaten Europas reichen?

Rehman: Derzeit natürlich die EU-Länder, aber es gibt ja auch die Schengen-Regelung - wenn wir die Schengen-Länder dazunehmen könnten, wäre das gut. Ich als Vorarlbergerin stehe in einer engen Verbindung mit der Schweiz, ich kenne auch viele Vorarlberger, die in der Schweiz oder Liechtenstein studieren oder arbeiten. Darin liegen sehr viele Möglichkeiten für alle Seiten, und so sollte es sein. Die Vereinigten Staaten von Europa sollten alle europäischen Länder inkludieren.

daStandard.at: Hört Europa am Bosporus auf oder gehört die Türkei noch dazu?

Rehman: Wieso sollte die Türkei nicht dazugehören? Je internationaler wir werden können, desto besser. Ich denke, das wäre förderlich. Es gibt viele unentdeckte Talente, und die Türkei wäre dahingehend für Europa sicher ein wichtiges Land.

daStandard.at: Ihre Partei plädiert für einen europäischen Pass nur für "aktive" BürgerInnen. Wer sind dann die "inaktiven" Bürger und Bürgerinnen, und was soll mit ihnen passieren? Stellen Sie sich da eine Zwei-Klassen-Gesellschaft vor?

Rehman: Es sollten alle einen EU-Pass bekommen können. Der Satz, auf den Sie anspielen, meint, dass wir einen gemeinsamen Pass als sichtbares Zeichen unserer Zusammengehörigkeit fordern und dass wir kein Europa der Bürokratien, sondern der BürgerInnen wollen, die ihre Geschicke politisch aktiv beeinflussen können. Ich denke jedenfalls nicht, dass "inaktive" Bürger ausgegrenzt werden sollten. Es geht darum, sie für ein gemeinsames Europa zu aktivieren.

daStandard.at: Ein Anliegen Ihrer Partei ist es, auch für die Jungen Pensionen zu sichern - hiermit werben Sie auch groß mit Fernsehspots. Aber wie soll das konkret passieren? Sie wollen gleichzeitig Steuern und Schulden senken.

Rehman: Es gehen viele Leute schon sehr früh in die Pension, obwohl sie gerne noch weiterarbeiten würden - ist das wirklich nötig? Wir müssen schauen, wo es Potenzial für Veränderungen und Verbesserungen gibt und wo man dadurch gleichzeitig Einsparungen machen kann.

daStandard.at: Eine Möglichkeit, der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken, die die Pensionslücke aufspannt, wäre auch, mehr Einwanderung zuzulassen.

Rehman: Ich stehe auch dafür ein, auf jeden Fall.

daStandard.at: Wie soll das funktionieren, wenn Migration jetzt schon ein Reizwort und -thema ist?

Rehman: Ich glaube, wenn es wechselseitige Akzeptanz zwischen Migranten und Aufnahmegesellschaft gäbe, wären Migranten nicht so versucht, ständig ins Heimatland zurückzukehren beziehungsweise sich dahingehend so stark zu orientieren. Sie würden dann lieber in Österreich bleiben und hier etwas beitragen, sich stärker engagieren. Es gibt viele Potenziale in den Migranten, die wir oft leider nicht sehen. Die Bildung wird leider nicht erkannt oder anerkannt. Dieses Problem sollten wir lösen, damit wir gemeinsam eine bessere Zukunft für den österreichischen Staat aufbauen können. (Olja Alvir/Balázs Csekő, daStandard.at, 8.7.2013)

Smera Rehman, geboren 1982, ist Dritte auf der Vorarlberger Liste für die Neos. Sie hat familiäre Wurzeln in Pakistan und arbeitet als Juristin bei der UNO.

* Fliegenrunde: daStandard.at befragt vor der Nationalratswahl österreichische Kleinparteien zu ihrer Strategie bezüglich Integration und Einwanderung.

  • Smera Rehman, UNO-Mitarbeiterin und Neos-Kandidatin
    foto: olja alvir

    Smera Rehman, UNO-Mitarbeiterin und Neos-Kandidatin

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