Doppelbödige Idyllen

6. Juli 2013, 12:14
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Der Trend zum angeblich einfachen Leben auf dem Land ist ungebrochen - in Zeitschriften und in der Literatur. Die Flucht ins Rurale hat eine lange, oft zweifelhafte Tradition

Neuerdings blühen Hochglanzmagazine mit dem Titel Landlust oder Servus. Sie verkünden Ursprünglichkeit und Tradition; sie künden von Geschichtslosigkeit. Ihr Garten verheißt das abgezäunte Privatparadies.

Das "Bedürfnis nach diesen Augenblicken der Ruhe und des Innehaltens" sei "heutzutage stärker denn je", erklärt so ein Editorial. "Natürlichkeit und Bodenständigkeit, Echtheit und Regionalität - das sind die Werte, an denen wir uns orientieren." Die "Echtheit" will allerdings von sozialen Zuständen, von Pendlerwesen oder Arbeitslosigkeit, von Verschuldung und alltäglicher Aggression, von Alkoholismus und Kulturkitschismus nichts wissen.

Das Magazin verspricht alle Themen abzudecken, "die das Leben im jahreszeitlichen Rhythmus einfach und schön machen": Natur und Garten, Essen und Trinken, Wohnen und Wohlfühlen, Land und Leute, Brauchtum und Handwerk, "vor allem auch das alte, fast vergessene Wissen, in dem unendlich viel Modernität steckt!". Das "moderne Heimatmagazin" sei "überall dort" zu Hause, "wo das naturverbundene Leben gelebt und geliebt" werde.

Das einfache Leben und die unendliche Modernität - wenn das kein Versprechen inmitten unserer verwurschtelten Welt ist! Bei all den Krisenschlagzeilen und Katastrophenmeldungen stellen diese landlustigen Publikationen genehme Rückzugsposten in Aussicht, die ganz einfach keine negativen Ausblicke zulassen. Würden sich jedoch die Menschen derart zurückziehen, dann blieben die sozialen und politischen Entwicklungen zunehmend den wenigen anheimgestellt, die das als ihre Spielwiese betreiben.

Mit ländlichen Idyllen haben sich Betuchte in vergangenen Jahrhunderten immer wieder zu helfen gewusst, gegen Unannehmlichkeiten und Sorgenfalten haben sie sich gern ins Rustikale projiziert. Echte Realitäten blendeten sie aus, sonst hätten ja die schönen Stillleben gelitten.

Draußen dezimierte der Dreißigjährige Krieg das halbe Land, drinnen im Park spielten die Herrschaften ihre Vorstellungen von Schäfereyen. Draußen die Gefahren der Gassen, drinnen Wald- und-Wiesen-Fantasien. Aus dem Staube in die Gartenlaube. Draußen zogen die Boten von Industrialisierung und Moderne auf, drinnen zogen sich Bildungsbürger in eine Picknickkultur zurück.

Vor Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, Undurchsichtigkeiten der Zeit bot in den 1920er-, 1930er-Jahren die Mode der historischen Romane die Zuflucht leichter Parallelisierung und das Versprechen geschichtsmächtiger Heroen, somit die Schimäre starker Wegweiser: Das Leben wäre so zu meistern wie von jenen Helden.

Gegen die Provokationen einer Kunst der Brüche ließ sich die vorgebliche Langzeitsicherheit einer Heimatkunst stellen, die man ja eben durch ihre Dauer "von alters her" legitimiert meinte. Sie passte in das katholische Programm des austrofaschistischen Ständestaates, der sich die "Volksgemeinschaft" wie eine Bauernfamilie unter dem Kruzifix vorstellte und im "jahreszeitlichen Rhythmus" das "Jahr des Herrn" feierte. Heimatliteratur und Engelbert Dollfuß sahen derart in der patriarchalischen Gesellschaft das Dasein gottgewollt geordnet.

Bald nach 1945 sollte ausgerechnet die intakt vorgeführte Landschaft einen unbefleckten Neubeginn anzeigen, als sei in ihr kein Krieg geführt worden. Aus dem Exil hatte Ernst Lothar ein Jahr vor Kriegsende zur Restauration aus der Natur, aus dem Geiste Grillparzers und Stifters aufgerufen. Im Jänner 1945 hielt ihm Berthold Viertel entgegen, wie die vorgestellte Landschaft belebt sei: "Die Barockidylle von gestern, schon zu ihrer Zeit ein Anachronismus, wird sich nicht wiederherstellen lassen. Die fehlenden Autostraßen wird Hitler inzwischen gebaut, den Verkehr geregelt haben."

Und die Vorzüge der Landschaft, betonte Berthold Viertel, "bieten, im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung, erst recht keine Garantie." 1948 kehrte er aus den USA zurück. Die schöne Natur wollte er nicht über das Geschehene wachsen lassen; Schöngegend heißt sein Gedicht, das er 1950 am Grundlsee schrieb: "Wo saß der Mord, gedungen als ein Knecht, / Auf welchem Baumstrunk der geliebten Wälder? / Blutspur der Opfer führte auch durch diese Felder".

Im selben Jahr publizierte der frühere NS-Dichter Karl Heinrich Waggerl seinen Band Lob der Wiese. Im Österreich der folgenden zwei Jahrzehnte war Waggerl der am meisten gelesene zeitgenössische Autor, sein Buch Das Jahr des Herrn war ein heimischer Bestseller.

Der "Wiederaufbau" nach 1945 war auch das Errichten einer Fassade. In einer "ewigen Landschaft" hieß man die Zeugnisse der Kultur harmonisch daheim sein, die schönen Naturbilder dienten einer Stärkung von National- und Heimatgefühl. Vor dieser Kulisse wurden die Heimatfilme gedreht, bis 1948, in Zeiten der Knappheit, waren es immerhin über vierzig! Sie führten den unschuldigen österreichischen Menschen vor, in der Wachau und am Wörthersee, im Salzkammergut und in Salzburg.

Diese Plätze erscheinen auch in Szenen jener Streifen, die das Österreich-Image im Ausland am nachhaltigsten prägen sollten: die Sissi- Filme (1955-1957) und The Sound of Music (1965). Und in St. Wolfgang am Wolfgangsee spielte das Kino lange Zeit nur Filme, die in St. Wolfgang am Wolfgangsee spielen: Das Drinnen des Kinosaals lieferte auf der Leinwand den Beweis, dass das Draußen tatsächlich als Kulisse existiert. Auf dass in dieser Kulisse nur das Drinnen der Genrefilme gesehen werde.

Natürlich ist in all dem keine Rede davon, dass das Salzkammergut auch Rückzugsort von höheren und von durchschnittlichen Nazis war.

Kurz: Immer wieder Kulissensimulation von Geschichte, um Geschichte nicht wahrnehmen zu müssen. Wie schwierig, wie ungerecht, wie ungeschlacht, wie gemein, wie schön, wie erholsam, wie gewaltig, wie mühsam das Leben auf dem Lande tatsächlich war, tatsächlich ist - davon wollen die Landlustigen nichts wissen.

Servus und Co sind offenbar ungemein erfolgreich, weil sie Krisengebeutelten schöne Aussichten im Abseits, das sie als Paradies im Diesseits präsentieren, anbiedern. Die Landlust-Magazine bieten ahistorischen Hochglanz, obwohl, nein: indem sie die Dauer einer "Tradition" behaupten. Diese "Tradition" besetzen sie einzig positiv, von "ausgestorbenen Berufen" berichten sie ohne deren Mühen und soziale Ungerechtigkeiten.

Während fast alle anderen Zeitschriften Einbußen erleiden, ziehen die Umsätze der Landlust-Produkte gewaltig an, als seien sie mit dem Bio-Siegel versehen. Was will man mit Politikern und Parteien, wenn sie eh alle zum Schmeißen sind? Was erwarte man sich von Experten, wenn sie eh alle Klimakatastrophen, Kulturclash, Pensionsdesaster vorhersehen? Was will man von Bankern und Börsianern, wenn sie eh alle Finanzkrise nach Finanzkrise produzieren?

Wenn dann ein Marketinggewiefter, der ein Dosenkracherl als Energieflügerl urbi et orbi anzubringen verstanden hat, sein Blatt sogar im Warteschlangenbereich der Post stapelt, ist dies gewiss mehr als ein glückliches Brieflos für das Anheimelnde der Rustikalidylle.

Servus - in Stadt und Land mit dem verheißungsvollen Untertitel einfach. gut. leben gibt das Programm in jedem Editorial an: das Ursprüngliche, das Erd- und Bodenverbundene, das heimelig Überschaubare im Eigenen ... Es folgt ein glücklicher Garten glücklicher Leute. Egal, ob sich der Garten im Burgenland oder in Vorarlberg befindet, er befindet sich nicht im Burgenland oder in Vorarlberg. Er ist ein Ort für sich, ein Fluchtort an sich. Hinter seinem Zaun ist keine Welt.

Sodann erliest man, ersieht man, wie Marmelade nach Großmutters Rezept, wie aus einem Stadel der schöne Wohnplatz zu machen sei. Man fülle alles in herrlich heile Abgeschlossenheit - Fazit: Die "alte Zeit" war gut. "Wildromantisch" ist das schlagende Wort, "Geheimnisse" aus Küche, Flora und Fauna werden kredenzt. "Zauberhaft" ist die Zauberformel einer aufgeputzten Magie, die keinen Augenblick einer sozialen Betrachtung standhält. Vorgeführte Ideologielosigkeit, die Geschichte als Küchenhistorie versteht, ist Ideologie.

Rezepte würden "die Geschichte eines Landstrichs erzählen", behauptet Servus und nimmt sich im Jänner-Heft dieses Jahres des Bregenzerwaldes an. Von der "am besten erhaltenen Struktur an Alp- und Talsennereien" wird berichtet - keine Rede von den Strukturen der Unterdrückung, wie dies um 1865 bei dem großen Dichter Franz Michael Felder zu lesen ist: von dem "Käsgrafen" und der Autorität der Kirche, die einen ökonomischen Teufelskreis begünstigten, und von der Armut, die junge Männer zu Tausenden als "Fremdler" ins Ausland zwang.

Hingegen gibt das Editorial "Herzlich willkommen!" dieser Jahresanfangsnummer ein anhaltend gewünschtes Motto: "Hinaus in die Natur", und mitunter würden "schon ein paar Schritte und ein paar tiefe Atemzüge" genügen, und "wir fühlen uns von allen Sünden reingewaschen" ...

Die zur Landlust von Servus passenden Erzählungen sind natürlich Märchen (sie verweisen Negatives ins Fantastische), natürlich von Michael Köhlmeier. Zudem gibt es eine Rubrik für die ansonsten als kritisch bekannte Zunft der Schriftsteller und Literatinnen, die hier meist lustlos einfache Rustikalerlebnisse schildern. Dieser Mode, die ein Kultur- und Gesellschaftsphänomen ist, ein Ausdruck scheinbarer Nullideologie und eine bezeichnende Realitätsflucht, ihre Literatur.

"Die Bewohner organisierten sich autark und lebten glücklich ohne Kontakt mit der von Krisen geplagten Welt", schreibt die Figur, die als Dorf-Herodot auftritt, in Vea Kaisers Blasmusikpop. Um beide, Roman und fesche junge Autorin, war im Spätsommer 2012 ein Hype kreiert worden, der mindestens einige Monate lang anhielt und gewiss an die 50.000 Buchexemplare über den Ladentisch gehen ließ.

Erzählt wird vom Bergdorf St. Peter am Anger, in dem es sich abgeschieden am besten lebt, "wo das Leben natürlich und geordnet war" - in einer Alpenrepublik, die zwar hier nicht als Österreich bezeichnet, allerdings derart mit zahlreichen Hinweisen fixiert ist. Österreich als Dorf, das seinen Namen nicht sagt.

Der Roman setzt mit 1959 ein. Vom Krieg ist nicht die Rede, Veteranen und Kameradschaftsbund (im tatsächlichen Österreich in vielen Gemeinden der stärkste Verein) gibt es nicht, Knechte und Mägde ebenfalls nicht, soziale Fragen nur als Witz-Konflikte. Es herrschen Skurrilitäten und Liebeshändel, "Mütterrunde" im Kaffeehaus und die Dorfältesten im Wirtshaus, Kirche und Fußballverein.

Bei einer Prozession fällt der mitgetragene "Himmel" herunter, die Kirche aber bleibt im Dorf. Und das deutliche Kitschsignal gibt die Tierwelt: "Sogar die Murmeltierfamilie, die sich am Schutthang kurz nach der Dorfgrenze angesiedelt hatte, stellte sich mit emporragenden Schwänzen auf die Hinterläufe" - sie blickt einem nach, der zum Studium auszieht.

Der junge Mann, der wie Herodot die Geschichte der von ihm entsprechend "Bergbarbaren" genannten Dörfler schreibt, liefert nicht mehr als eine Simulation einer Potemkin'schen Historie: Geschichte als Kulisse von Geschichtslosigkeit. "Und manchmal muß sich der einzelne einfach fügen", notiert der Doktor, der wieder aus der Stadt ins Heimatliche zurückgekehrt ist.

Franz Innerhofer schilderte in seinen - in der Rezeption dann als "Antiheimatroman" apostrophierten - Büchern ein "Bauern-KZ", in dem die tatsächliche soziale Situation in der Sprachkunst zum Ausdruck kommt. Der Titel Schöne Tage (1974) ist hoch ironisch; hier wird eben gerade nicht die Welt der Heimatromane abseits von Geschichte und Realität gezeigt.

Wenn Rezensenten meinten, Vea Kaiser habe einen "Antiantiheimatroman" vorgelegt, so gibt zum einen diese Einordnung den falschen Eindruck, es handle sich um anderes als um den Versuch, breite Unterhaltung zu bieten, und zum zweiten mit dem doppelten "anti" die falsche Vorstellung, hier gehe es um eine Reaktion auf ein Genre.

Im Jännerheft von Servus steht immerhin die Kurzgeschichte Am flachen Land von Olga Flor, die auf einem anderen Niveau der Literatur und der Reflexion anhebt: Die Ich-Erzählerin und zwei Männer sind aufs Land gefahren, "wir drei postmodern zitierwütig und im vollen Bewusstsein des dekadenten Bildes, das wir da nachstellten". Und später: "Der Balkankrieg war ausgebrochen, und wir begriffen schlagartig, dass Kriege hier bei uns im Bereich des Möglichen lagen wie ein kleines Stück weiter südlich." Allerdings darf das nicht einmal bei Flor in Servus die Ruhe stören.

Olga Flors Roman Talschluss präsentiert das Ländliche völlig anders als die von Herrschaften wie Denis Scheck im deutschen Fernsehen hochgelobte Vea Kaiser. Flor war ein Setting wie jenes des Decamerone vorgeschwebt, bei ihr darf eine Zeitlang niemand aus dem Tal hinaus. Man trifft sich zur Geburtstagsfeier auf einem alten Bauernhof, die "Eventmanagerin" organisiert Authentizität aus zweiter Hand. Es bricht eine Viehseuche aus, man sitzt fest, und auch die Lebenslügen treten auf der Stelle. Derart bringt Flors tiefgreifende, hintergründige Prosa eine Kritik am Zustand der heutigen Welt in Gang.

Den Übergang von der Großstadt zum Ländlichen setzt neuerdings der Roman Die Häuser der anderen von Silke Scheuermann an. Eine Kunsthistorikerin arrangiert hier das Essen im Grünen nach Vorbild: "Bei Claude Monet war alles heiter und romantisch, die Ausflügler gruppierten sich locker um die üppig mit Wein, Früchten und einem Brathuhn dekorierte Picknickdecke, die beiden Frauen trugen helle weite Sachen, die das Licht, das durch die Bäume fiel, auffingen und reflektierten." Inszenierung der Idylle, städtischer Salon auf der Waldlichtung. Hingegen betont eine andere Frauenfigur "Träume sind Fallen" - und im Roman findet sich die Idylle allerorts untergraben.

Dass das Landleben weder geschichtslos noch wildromantisch "einfach gut" ist, lässt sich hierzulande im Roman Roter Flieder von Reinhard Kaiser-Mühlecker lesen oder in Dinge, die wir heute sagten von Judith Zander aus Vorpommern oder in Einladung an die Waghalsigen der Schweizerin Dorothee Elmiger. Wie tödlich eine "ländliche" Abgeschiedenheit wirken kann, vermittelt Anna Kims Anatomie einer Nacht. Und wie die Arbeitslosigkeit die Welt verengt, das schildert Anna Weidenholzer in Der Winter tut den Fischen gut.

Zu hoffen ist, dass die am Ich und der urbanen Umwelt leidenden Frauenfiguren, von denen in letzter Zeit einige junge österreichische Autorinnen erzählen, nicht auch einmal auf den falschen Fluchtort der Servus-Kulisse verfallen. Eine zahlreiche Leserschaft ist ja schon darauf hereingefallen.

Bei all den Krisenschlagzeilen und Katastrophenmeldungen stellen diese landlustigen Publikaktionen angenehme Rückzugsposten ohne negative Ausblicke in Aussicht. (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 6./7.7.2013)

  • Im schönen Silberwald wird keiner Fliege, geschweige denn einem Rehlein etwas zuleide getan.
    foto: interfoto/lu wortig

    Im schönen Silberwald wird keiner Fliege, geschweige denn einem Rehlein etwas zuleide getan.

  • In einer Gegend, wo der Hirsch röhrt und der Adler traulich seine Schwingen entfaltet, dort sind mit größter Wahrscheinlichkeit nur gute und unschuldige Menschen zu Hause.
    foto: interfoto picturedesk / pulfer

    In einer Gegend, wo der Hirsch röhrt und der Adler traulich seine Schwingen entfaltet, dort sind mit größter Wahrscheinlichkeit nur gute und unschuldige Menschen zu Hause.

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