Schiffbruch mit Zecke

Kolumne5. Juli 2013, 18:56
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Impressionen aus Kärnten

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und die Gewohnheit ist ein Viech. Letztes Jahr hatte ich mir in Kärnten nach dem Besuch eines suboptimalen Hundehotels (Bellverbot, Killerlifttüren, denen kein Terrier und kein Dackel standgehalten hätte) geschworen, nie wiederzukommen - ich hätte es besser wissen müssen.

Was für Gefahren immer noch um den türkisblauen See, in den Schluchten, in den dichten Wäldern auf ahnungslose Wanderer warten: von Mardern bepisste saftig dunkelblaue Heidelbeeren. Der Bachmannpreis. Pensionswirte, die dem Nepp frönen. Und dann noch die übliche Last des Sommers: die Zecken. In der Moorteich-Idylle angekommen, mutierte die mündlich vereinbarte Halbpension zur Frühstückspension. Für bereits konsumiertes Essen wurden nachträglich astronomische Beträge verlangt.

Der Vermieter ließ sich für jeden Gast etwas anderes einfallen. Unsere deutschen Nachbarn staunten nicht schlecht über die Unterkunft (ohne TV, ohne Mittagessen, ohne Geschmack und ohne Seife), plötzlich mit 40 Euro pro Person veranschlagt statt pro Zimmer. Der gesamte erste Stock fluchte sich synchron in den gesunden Landluft-Schlaf. Ans Ausziehen dachte dennoch keiner. Die Einöde war rundherum hotellos, der Urlaub kurz und der kleine See so schön. Verweile doch, dachte man und knirschte mit den Zähnen, während man im Liegestuhl das Schilf beobachtete, durch das der Wind strich. Die untergehende Sonne genoss.

Nachdem ich fette Zecken aus Ohren und Bauchfell des Hundes entfernt hatte, stopfte ich sie in ein Plastikröhrchen, um sie später beim Tierarzt auf Infektionen überprüfen zu lassen. Tiefgefrorene Zecken rascheln, wenn man sie schüttelt! Ich verstaute das Röhrchen im Tiefkühler und vergaß es augenblicklich. In dieser Unterkunft durfte der Hund übrigens machen, was er wollte. Das galt auch für die hauseigene Bulldogge, die neben die Frühstückstische kackte und Frauenwaden beglückte, nicht ohne diese zuvor ausgiebig zerkratzt zu haben. Das Zimmermädchen tröstete: "Bei mir wär das unmöglich! Meiner hängt den ganzen lieben Tag an der Kette."

Gegen einen Espresso um fünf Euro wehrte ich mich beim Ausziehen erfolgreich. Der Wirt erfreute sich an dem an sich gerissenen Rest. Der See war türkis, bis sich eine Nebelwand, von dunklen Wolken überzogen, über die Wasserfläche schob. Wir schleppten die Koffer zur Anlegestelle. Regen setzte ein. Es ging nach Klagenfurt, dem gefährdeten Wettlesen entgegen. In Kampfbereitschaft bezüglich seines Erhaltes. Am Schiff erreichte mich ein Anruf des Vermieters: "Sie haben da so ein komisches Röhrchen vergessen!" Sein Ton wurde konspirativ: "Sieht seltsam aus!" "Das dürfen Sie behalten", sagte ich großzügig. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 6./7.7.2013)

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