Selten besucht: Schloss Njaswisch in Weißrussland

7. Juli 2013, 16:45
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Weißrussland ist eher selten Reiseziel. An der Schwarzen Barbara von Schloss Njaswisch wird das aber kaum liegen

Nachts, wenn der Vollmond hoch am Himmel steht und der Schloss-See silbern schimmert, dann könne man sie manchmal sehen und hören, wie sie in ihrem schwarzen Kleid ruhelos durch den Park streift und dabei schluchzt und weint. "Es ist ein Schluchzen, das einem tief ins Mark geht", sagt Ales. "Das vergisst du nicht." Er ist ein untersetzter Mann mit breiten Schultern, einem runden Kopf und kräftigen, von der Feldarbeit zerschundenen Händen. Er hat sein Leben lang auf einer weißrussischen Kolchose gearbeitet und kann erst jetzt als Pensionist das tun, was er schon immer am liebsten machte: Burgen und Schlösser seiner Heimat erforschen.

Ales schaut nicht aus wie einer, dem man schnell Angst einjagt. Aber sein starrer Blick verrät, dass die Furcht echt ist. "Sie weint um ihre Liebe, König Sigismund August. Eine tragische Geschichte." Ales blickt vorbei am Schloss mit seinen Türmen und Türmchen hinüber zum See. "Heute ist kein Vollmond. Sie werden sie wohl nicht zu Gesicht bekommen. Aber ich habe sie schon einmal gesehen." "Wirklich?" "Nun ja. Eher gehört. Aber daran erinnere ich mich noch ganz genau."

Barbara Radziwill heißt die Spukende von Schloss Njaswisch. Sie war eine schöne, kluge Frau, wurde 1520 in Vilnius geboren, das damals eine zentrale Stadt im Großfürstentum Litauen war. Dieses multikulturelle Staatsgebilde im Verbund mit dem Königreich Polen erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Die Familie der jungen Frau gehörte zum polnisch-litauischen Adel. Die Radziwills nannte man die "ungekrönten Könige", was den großen Einfluss dieser Magnatenfamilie betont. Njaswisch ist die Heimat der Radziwills, wo ihre Stammburg steht.

Europäisches Ensemble

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde aus der mittelalterlichen Burg ein prächtiges Schloss, zuerst mit Renaissance-, dann mit Barock- und Rokokoelementen. Baumeister aus Deutschland und Italien schufen ein einzigartiges Ensemble, das seinesgleichen in den Weiten Osteuropas sucht. Der Architekt Giovanni Maria Bernardoni etwa ersann die barocke Corpus-Christi-Kirche, die über einem Damm mit dem Schloss verbunden ist und deren Fresken im Inneren eine Ahnung davon geben, wie bedeutsam die Radziwills waren. Dort befindet sich die Familiengruft, die man allerdings nur zu sehen bekommt, wenn die gestrenge Frau am Eingang gute Laune hat.

2006 wurde das Schloss in die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen. Njaswisch liegt heute im Westen Weißrusslands. Die Weißrussen halten es für ihre schönste Sehenswürdigkeit und die "Schwarze Barbara" für den wohl bekanntesten Geist des post-sowjetischen Landes.

"Sigismund August liebte Barbara abgöttisch", sagt Ales beim Spaziergang durch den Park des Schlosses mit seinen jahrhundertealten Bäumen und ausufernden Wegen. "Sie wurde seine zweite Ehefrau. Als er aber zum König Polens gewählt werden sollte, stand Barbara den politischen Bestrebungen des Adels im Wege. Die Ehe galt als nichtstandesgemäß. Sigismund setzte sich aber durch und ließ seine Frau 1550 zur Königin krönen." Das Glück währte nicht lange.

Bereits im folgenden Jahr starb Barbara an Gebärmutterhalskrebs, wie man mittlerweile vermutet. Der König trug fortan nur noch schwarze Kleidung. "Bis heute glauben aber viele, dass Bona Sforza, Sigismunds Mutter, sie vergiftet hat", sagt Ales. Er hält inne, seine Augen werden feucht. "Deswegen findet sie keine Ruhe", sagt er. "Furchtbar." Man will ihn schon trösten, aber er hat gleich wieder bessere Laune. "Lasst uns rübergehen zum Schloss. Da essen wir etwas."

Frisch für ein altes Gemäuer

Aus der Ferne betrachtet, wirkt dieses Schloss unwirklich, ein wenig wie aus einem Prospekt von Lego. Das mag daran liegen, dass man so weit im Osten Plattenbauten und Sowjetarchitektur erwartet, aber eben kein idealtypisches Renaissanceschloss. Oder daran, dass die Anlage, um die sich ein Wassergraben zieht, etwas zu frisch wirkt für ein jahrhundertealtes Gemäuer. Die Farben strahlen, der Mörtel ist neu, der Putz ist sauber, der Innenhof aufgeräumt.

Das Schloss hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Zweimal wurden die Radziwills von hier vertrieben. Einmal im 18. Jahrhundert, als das Zarenreich das Territorium eroberte. Dann noch einmal, als die Sowjets kamen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt. Da die Kommunisten nichts von der alten Geschichte Weißrusslands hielten, diente das Schloss zur Zeit der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Sanatorium. Dieses wurde erst 2001 geschlossen.

Wer Njaswisch damals besuchte, bekam einen Eindruck davon, in welch beklagenswertem Zustand sich das Schloss befand. Es glich einer Ruine. Was auch nahelegt, wie wenig viele Weißrussen ihre eigene, vorsowjetische Identität und Geschichte schätzten. 2002 setzte ein Feuer dem Schloss weiter zu. Als ob das Schicksal es nicht wollte, dass diese Gemäuer je wieder in altem Glanz erstrahlen. Dann schließlich begann die langjährige Rekonstruktion.

Ruhelose Historikerseelen

Erst im vergangenen September wurde das Schloss erstmals für Besucher geöffnet. Es gibt nun ein Restaurant, natürlich Souvenirshops, künftig auch ein Hotel - und die stolzen Schlossführerinnen, die einen mit eiserner Stimme durch die Räume führen. Etwas Authentisches ist dort aber kaum erhalten. Viele der ausgestellten Waffen, Möbel und Rüstungen wirken wie relativ neue, ja, geradezu dilettantisch gefertigte Artefakte, und auch bei Türklinken, Straßenlaternen oder Säulen dürfte man sich nicht an den Originalen orientiert haben.

"Die Seele eines Freundes von historischer Genauigkeit", schrieb der weißrussische Journalist Sjarhej Mikulevitsch, "wird hier kaum zur Ruhe kommen." Der Rekonstruktionsprozess wurde von vielen Historikern und Denkmalpflegern harsch kritisiert. Dem Besucherstrom tut dies aber keinen Abbruch. Seit der Wiedereröffnung kamen 400.000 Besucher - sehr viele ausländische Besucher waren freilich noch nicht darunter. Der Besuch lohnt dennoch, denn das Schloss mit seinem Park und der Stadt, die 1586 das Magdeburger Stadtrecht erhielt, gibt einen Eindruck davon, dass Weißrussland dem Westen näher ist, als man landläufig denkt.

Ales sitzt in der Sonne und verdrückt einen großen Bissen von seinem Lachsbrötchen. "Es schaut hier vielleicht noch alles etwas neu aus", sagt er und verzieht dabei keine Miene. "Aber das wird sich schon ändern mit der Zeit." Auch der "Schwarzen Barbara" scheint ihr neues Zuhause zu gefallen. Er habe sie, sagt Ales, erst letztens wieder gehört. (Ingo Petz, DER STANDARD, Album, 6.7.2013)

Österreicher benötigen zur Einreise nach Weißrussland ein Visum, wofür eine Einladung vorgelegt werden muss (bekommt man zum Beispiel auch von Hotels). Der Akademische Reisedienst in Wien bietet im August 2013 eine Studienreise nach Weißrussland an. Termine und Infos unter: www.studienreisen.at

Info: www.niasvizh.by/en/

  • Das Schloss Njaswisch in Weißrussland.

    Das Schloss Njaswisch in Weißrussland.

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