Urlaub in Deutschland: Schwerin könnte passen

8. Juli 2013, 16:48
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Laut Auslandsreiseprofil fahren die Österreicher nunmehr am häufigsten in deutsche Städte. Schwerin passt genau ins Profil österreichischer Gäste

Schon von weitem leuchten die goldenen Kuppeln von Schloss Schwerin. Es ist längst zum Wahrzeichen von Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt geworden. Wer vor dem Eintreten einen Moment innehält, erblickt um den Vorplatz, den sogenannten Alten Garten, ein außergewöhnliches architektonisches Ensemble: Hier ruht ein märchenhaftes Schloss in Eintracht neben dem Staatstheater und einem klassizistischen Museumsgebäude.

Auf dem Platz herrscht reges Treiben: Die Schweriner Schlossfestspiele, die in diesem Sommer die Operette Die Fledermaus von Johann Strauß zur Aufführung bringen, sind in vollem Gange. Daniel Huppert freut sich, seine Lieblingsoperette zu dirigieren. "Auf diesem Platz ist das ein Erlebnis", sagt der Musikdirektor, der seit vergangener Spielzeit die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin leitet. Sie wird heuer 450 Jahre alt und gilt als eines der ältesten Orchester weltweit.

Ein Strauß als Dankeschön

Auf Gäste aus Österreich, die vielleicht nur gekommen sind, um sich das Schloss einmal anzuschauen, muss diese Operette wie ein ihnen gewidmetes Ständchen wirken. Ein Strauß als Dankeschön für die statistische Überraschung des Jahres 2013 sozusagen: Zum ersten Mal seit Institutionen wie der World Travel Monitor das Reiseverhalten der Weltbürger erheben, steht Deutschland bei den Österreichern ganz oben auf der Liste der Lieblingsdestinationen. Freilich, man muss schon mit einer bestimmten Lesart der Statistiken kokettieren, um zu diesem Ergebnis zu kommen: Deutschland ist das österreichische Auslandsreiseziel Nummer eins, wenn Urlaubs- und Geschäftsreisen zusammengezählt werden.

Und dennoch, Schwerin passt ins Profil: Die Österreicher zieht es bei den Nachbarn vor allem in die Landeshauptstädte, dort suchen sie kulturelle Zerstreuung. Mecklenburg-Vorpommern kennen noch nicht so viele, aber etliche wollen es offensichtlich jetzt kennenlernen - die Zuwächse österreichischer Gäste sind dort prozentuell am höchsten.

Bevor sich am Alten Markt der Vorhang für Johann Strauß hebt, wollen wohl auch sie das alte Schloss erst einmal von innen sehen. Von einem Burgsee umgeben, liegt die ehemalige Residenz zahlreicher Herzöge auf einer leichten Anhöhe. Errichtet auf den Fundamenten einer Slawenburg, ließ sich Friedrich Franz seinen Sitz im 19. Jahrhundert nach dem Vorbild der Loire-Schlösser umbauen. Heute residiert der Landtag im Schloss.

Wer von der Stadt über die alte Brücke gekommen ist, wird im Burggarten von duftenden Rosen empfangen. Während die ersten Besucher in der Orangerie schon bei einem Kaffee sitzen, führt die Historikerin May Hempel bereits eine Kleingruppe durch die prächtigen Gemächer und Säle. Dabei weiß sie viele Anekdoten zu erzählen: von der Technikbegeisterung früherer Landesherren, der Faszination für neue Materialien und dem vorherrschenden Stil des Historizismus. "Die meisten Besucher staunen über die kunstvolle Deckenverkleidung. Die ist übrigens gar nicht aus Holz, sondern aus Pappmaché", sagt Hempel.

Im Burggarten dreht der Gärtner seine morgendliche Runde. Nach dem Überwintern in der Orangerie haben sich die knapp 300 Kübelpflanzen - Oleander, Fuchsien, Zitronen und Orangen - im Frühling bereits prächtig entwickelt. "Die Anlage, die Sie hier sehen, gehört zu bedeutendsten Barockgärten Deutschlands", sagt Ralph Schmalz ein wenig stolz, weil er schon während seiner Lehrjahre davon träumte, später in einem Schlossgarten zu arbeiten. Er hat nicht den schlechtesten Arbeitsplatz erwischt: Seine Vorgänger ließen sich bei der Gestaltung sichtlich von Versailles inspirieren.

Das Staatliche Museum Schwerin verschwindet in diesen Wochen fast komplett hinter den Kulissen der Schlossfestspiele. Doch das Innenleben ist dennoch beachtenswert: Eine der europäisch bedeutsamsten Sammlungen niederländischer und belgisch-flämischer Malerei aus dem 16. und 17. Jahrhundert wird hier gezeigt, darunter großartige und dennoch oft wenig bekannte Stillleben, Landschaften und Porträts. Im zweiten Obergeschoß des Museums zieht vor allem das wandfüllende Gemälde eines Nashorns von Jean-Baptiste Oudry die Blicke der Besucher auf sich. Die Alten Meister bekommen noch in diesem Jahr Zuwachs. Christoph Müller, ein Berliner Kunstsammler und Liebhaber des Schweriner Museums, vermacht dem Haus 150 Gemälde.

Jedes Jahr zeigt das Haus außerdem drei Wechselausstellungen, die sich moderner Kunst widmen. Dabei wird die Sammlung auch auf die ohnehin sehenswerten Residenzschlösser Schwerin, Ludwigslust und Güstrow aufgeteilt. Auf diesen Verbund von vier historischen Häusern, die gleichzeitig als Galerien fungieren, ist man hier besonders stolz. Dabei wäre die Palette der staatlichen Schlösser, die sich dafür eigneten, noch wesentlich größer: Die herrlichen Anlagen von Bothmer, Hohenzieritz, Neustrelitz und Wiligrad kämen dafür ohne Zweifel infrage.

Kunstbörse am See

Schloss Wiligrad liegt nur eine Viertelstunde mit dem Auto von Schwerin entfernt. Weiß verputzt, mit roten Backsteinen im Stil der Neorenaissance und in einen riesigen Landschaftspark eingebettet, thront es am Steilufer des Schweriner Sees. Ein regionaler Kunstverein organisiert hier jährlich sechs Ausstellungen, zudem hat sich eine Kunstbörse etabliert, bei der rund 100 Kreative aus ganz Deutschland das Areal mit ihren Werken ausstatten, um sie den Passanten feilzubieten.

Herrschaftliche Anwesen gehören in Mecklenburg-Vorpommern zur permanenten Ausstattung des Landschaftsbilds. Etwa 2000 Burgen, Schlösser, Klöster, Guts- und Herrenhäuser sollen es sein. Und mehr als 300 davon werden heute als Hotel oder Pension genutzt: das 1824 erbaute und im Landhausstil adaptierte Schloss Basthorst etwa oder Schloss Kaarz mit seinem weitläufigen Landschaftspark sowie Schloss Wedendorf, wo Deckenmalereien viele Geschichten des Hauses und seiner Bewohner erzählen - bis auf eine.

Schuld an der regionaltypischen "Schlösserflut" ist ein für den damaligen Landadel ungewöhnliches Erbschaftsrecht. Erstgeborene Söhne mussten vererbte Anwesen stets mit ihren jüngeren Brüdern teilen. Da wurde dann erst einmal gestritten, das Land daraufhin geteilt - und gleich noch ein Schloss draufgebaut. (Katja Gartz, DER STANDARD, Album, 6.7.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde von den Schlosshotels Basthorst, Wedendorf und Kaarz unterstützt.

  • Das Schweriner Schloss in der kleinsten deutschen Landeshauptstadt ist heute Landtagssitz - mit Seeblick und flämischen Alten Meistern als Nachbarn.
    foto: tv mecklenburg-vorpommern / bernt hoffmann

    Das Schweriner Schloss in der kleinsten deutschen Landeshauptstadt ist heute Landtagssitz - mit Seeblick und flämischen Alten Meistern als Nachbarn.

  • Flug von Wien nach Rostock zum Beispiel mit Germanwings, von Rostock in rund einer Stunde mit der Deutschen Bahn nach Schwerin. Ein eigenes Auto oder ein Mietwagen ist dann empfehlenswert, will man mehrere der Schlösser und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern besuchen. Eine gute Übersicht mit Karte findet man unter: www.schloesser-gaerten-mv.de. Wer sich vor allem für die außergewöhnlichen Gartenanlagen in diesem Bundesland interessiert, kann auf einen gerade erschienenen Reiseführer der Autorin zurückgreifen: Katja Gartz: Gartenreiseführer Mecklenburg-Vorpommern. Hinstorff, Rostock 2013; 224 Seiten, Euro 25,70.

    Flug von Wien nach Rostock zum Beispiel mit Germanwings, von Rostock in rund einer Stunde mit der Deutschen Bahn nach Schwerin. Ein eigenes Auto oder ein Mietwagen ist dann empfehlenswert, will man mehrere der Schlösser und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern besuchen. Eine gute Übersicht mit Karte findet man unter: www.schloesser-gaerten-mv.de. Wer sich vor allem für die außergewöhnlichen Gartenanlagen in diesem Bundesland interessiert, kann auf einen gerade erschienenen Reiseführer der Autorin zurückgreifen: Katja Gartz: Gartenreiseführer Mecklenburg-Vorpommern. Hinstorff, Rostock 2013; 224 Seiten, Euro 25,70.

  • Details und Kontakt zu den im Text beschriebenen Unterkünften: Schloss Basthorst, Schlossstr. 18, 19089 Crivitz OT Basthorst; Schloss Wedendorf, Schlossstr. 7, 19217 Wedendor; Schloss Kaarz, An der Waldkoppel 1, 19412 Weitendorf OT Kaarz
Das Gesamtprogramm der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ist unter www.festspiele-mv.de zu finden. Mit Ausnahme des Monats Oktober wird das gesamte Jahr 2013 bespielt. Infos zur Stadt Schwerin: www.schwerin.com, zum Reiseland Deutschland: www.germany.travel
    foto: monika lawrenz

    Details und Kontakt zu den im Text beschriebenen Unterkünften: Schloss Basthorst, Schlossstr. 18, 19089 Crivitz OT Basthorst; Schloss Wedendorf, Schlossstr. 7, 19217 Wedendor; Schloss Kaarz, An der Waldkoppel 1, 19412 Weitendorf OT Kaarz

    Das Gesamtprogramm der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ist unter www.festspiele-mv.de zu finden. Mit Ausnahme des Monats Oktober wird das gesamte Jahr 2013 bespielt. Infos zur Stadt Schwerin: www.schwerin.com, zum Reiseland Deutschland: www.germany.travel

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