Straßenschlachten in Ägypten

5. Juli 2013, 22:52
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Staatsfernsehen: Mehrere Tote, hunderte Verletzte - Übergangspräsident Mansur löst Oberhaus des Parlaments auf - Muslimbrüder: "Wir werden die Straßen Ägyptens nicht verlassen, bis Mursi wieder eingesetzt ist"

Kairo - Es hätte der "Freitag der Ablehnung" werden sollen - ein friedlicher Protest der Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gegen den Putsch der Militärs. Im Lauf des Freitags wurde daraus  jedoch ein Tag des Chaos und der Gewalt auf den Straßen Ägyptens. Hundertausende Sympathisanten der Muslimbruderschaft protestierten zunächst ohne Zwischenfälle gegen die verhassten Militärs. Doch am Nachmittag eskalierte die Situation zwischen Pro-Mursi-Demontranten und Sicherheitskräften im Zentrum Kairos.

Mehrere hundert Demonstranten hatten versucht, zu jenem Militärgebäude vorzudringen, in dem Mursi gefangen gehalten wird. Ein BBC-Reporter, der wenig später selbst von einem Gummigeschoß am Kopf getroffen wurde, berichtete von Schüssen. Das Militär bestreitet mit scharfer Munition geschossen zu haben. Dennoch sind dabei mindestens drei Menschen sind dabei ums Leben gekommen - es sollten nicht die letzten Todesopfer an diesem Tag sein. Am Abend sprach das Staatsfernsehen davon, dass 24 Menschen im Lauf des Tages bei Demonstrationen getötet wurden, 246 wurden verletzt.

Auch am Abend scheint sich die Lage nicht zu beruhigen - im Gegenteil: Tausende Mursi-Anhänger marschierten zum Gebäude des ägyptischen Staatsfernsehens. Am Rande des Tahrir-Platzes kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen Mursi-Gegnern und Anhängern. Augenzeugen berichten von Schüssen, TV-Bilder des Fernsehsenders Al-Jazeera zeigen ein brennendes Fahrzeug.

Während auf den Straßen der Hauptstadt noch Schüsse fielen, löste der vom Militär eingesetzte Übergangspräsident Adli Mansur das Oberhaus des ägyptischen Parlaments auf und ernannte einen neuen Geheimdienstchef.

Gleichzeitig dürfte die Verhaftungswelle, die mit dem Hausarrest Mursis begonnen hat, unvermindert weitergehen. Der "Guardian" berichtet unter Berufung auf Quellen in der Muslimbruderschaft, dass es einen Haftbefehl für jedes Führungsmitglied der islamistischen Bewegung gebe.

Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern von Ex-Präsident Mursi in Kairo. Foto:AP Photo/Hassan Ammar


Mohammed Badie, Chef der Muslimbrüder, trat hingegen am Freitagabend vor Anhängern in Kairo auf und rief dazu auf, Mursi weiter zu unterstützen. "Wir werden die Straßen Ägyptens nicht verlassen, bis Mursi wieder eingesetzt ist", sagte er zu Anhängern. Am Donnerstag hieß es offenbar falschen Berichten zufolge, Badie sei vom Militär festgenommen worden.

Mitgliedschaft ausgesetzt

Die Afrikanische Union setzte unterdessen die Mitgliedschaft Ägyptens am Freitag offiziell aus. Das erklärte ein hochrangiges Mitglied der Organisation nach einer Sitzung des AU-Rates für Frieden und Sicherheit in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Ägypten soll demnach bis zur Wiederherstellung "der verfassungsmäßigen Ordnung" ausgeschlossen bleiben.

Außenminister Amr: Kein Militärputsch

Der Sturz Mursis war dem zurückgetretenen Außenminister Mohamed Kamel Amr zufolge kein Militärputsch. In einem Telefonat sagte Amr seinem US-Amtskollegen John Kerry am Donnerstag, das Militär habe sich nicht an die Macht geputscht.

Die Definition der Geschehnisse vom Mittwoch ist bedeutend, weil ein Militärputsch zur Entmachtung eines frei gewählten Staatspräsidenten in der Regel Wirtschaftssanktionen nach sich zieht. Ägypten ist von US-Finanzhilfen abhängig. "Amerika ist ein strategischer Partner Ägyptens, und das Wohlergehen Ägyptens ist den USA wichtig", sagte Amr, der bis zur Einsetzung einer Technokraten-Regierung das Land nach außen vertritt.

"Ich hoffe, dass die USA die Situation richtig interpretieren. Es war der Wille der überwältigenden Mehrheit des Volkes", sagte Amr. Kerry habe ihm versichert, dass Ägypten ein strategischer Verbündeter sei, dessen Stabilität wichtig sei.

Tränengas und Schüsse auf den Straßen Ägyptens, nachdem die Muslimbrüder zu Massendemonstrationen im ganzen Land aufgerufen haben. Foto: REUTERS/Louafi Larbi


 Armee in Alarmbereitschaft

In den Provinzen Süd-Sinai und Suez wiederum, wurde die Armee nach Angriffen von radikalen Islamisten auf Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft veresetzt. Begründet wurde die Entscheidung mit dem Beschuss des Flughafens al-Arish.

Ziele der Angreifer waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen Kontrollposten von Polizei und Militär. Ein Polizist sei dabei getötet und zwei weitere verletzt worden. (red/APA/Reuters, 5.7.2013)

  • Überblick:

    • Laut Staats-TV 14 Tote, hunderte Verletzte bei Ausschreitungen in Kairo
    • Übergangspräsident löst Oberhaus auf
    • Chef der Muslimbrüder ruft zum Durchhalten auf
    • Afrikanische Union setzt Mitgliedschaft Ägyptens aus
    • Angriffe von Islamisten im Sinai

     

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