Sommer, Sonne und ein Solarmärchen

Kommentar der anderen4. Juli 2013, 18:55
241 Postings

Insbesondere in Österreich gelten Solaranlagen als Inbegriff der sauberen Energie. Ein paar kritische Anmerkungen dazu aus den USA

Es war einmal ... Früher glaubte ich an die magischen Eigenschaften von Solarzellen. Einer meiner ersten Kunden nach der Gründung eines "grünen" Architektenbüros in Washington, D. C., war ein Diplomat, der in einem Solarhaus leben wollte. Mit Freude und Eifer willigte ich in das Projekt ein.

Mein Kunde besaß das Haus bereits. Es war hundert Jahre alt und etwas heruntergekommen. Ungefähr zur gleichen Zeit, als das Haus gebaut worden war, hatte jemand an dessen Westseite zwei Eichen gepflanzt. Im Sommer schirmten sie das Haus von der Sonne ab, im Winter ließen sie durch ihre blattlosen Äste die Sonne hindurch, die die Außenwand des Hauses aufwärmte. Dadurch lagen die Kosten für Heizung und Klimaanlage um tausende Dollars unter jenen für den Neubau am anderen Ende der Straße. Einhundert Jahre lang hatten diese Bäume ihre Funktion erfüllt. Und ich, ein "grüner" Architekt, sollte diese Bäume fällen.

Und das alles wegen Solarpaneelen, denn diese funktionierten damals nicht auf einem beschatteten Dach. Wie ich bald herausfinden sollte, war das nur eine der vielen anstehenden Anforderungen von Solarzellen. Die zweite Anforderung war viel Geld. Wer heutzutage etwas über Solarzellen liest, gewinnt leicht den Eindruck, dass die Kosten für Solarenergie rasch sinken, die Kostenkurve wie ein nach unten zeigender Pfeil aussieht. Aber über das letzte Jahrzehnt blieben die Kosten installierter Solaranlagen laut Felddaten hartnäckig hoch.

Warum derlei Abweichungen? Zum Teil ist dies auf die Subventionen für diese Energie in China, Deutschland, den USA und anderen Ländern zurückzuführen; sie vermitteln die Illusion einer Preissenkung, obwohl in Wahrheit nur jemand anders die Rechnung bezahlt. Die dank neuer Technologie dünner beschichteten Paneele gehen auch schneller kaputt als die alten Modelle, weshalb vermeintliche Einsparungen von erhöhten Nachkäufen zunichtegemacht werden.

Inzwischen gibt es polykristallines Silizium und neue technische Komponenten von Solarzellen, wobei diese weniger als die Hälfte der Gesamtkosten einer installierten Solarenergieanlage ausmachen. Selbst wenn polykristallines Silizium gar nichts mehr kosten würde, müsste man immer noch für die anderen Anforderungen von Solarenergieeinrichtungen bezahlen: Kupfer, Glas, Aluminium, Wechselrichter, fossile Brennstoffe, Transport, Installation, Versicherung, Gewinnung seltener Erdmetalle und sogar - Giftmüllentsorgung.

Damit kommen wir zur dritten Anforderung von Solarzellen und zu ganz schön ekligem Zeug. Die Hersteller von Photovoltaik setzen toxische und explosive Komponenten ein, die zu ungewollten Gesundheitsrisiken für Arbeiter und Anrainer in Bergwerken oder die Hersteller der Zellenkomponenten führen können. Toxische Inhaltsstoffe können auch während der Herstellung der Paneele, oder wenn diese am Ende ihres Lebenszyklus angelangt sind, ins Grundwasser sickern.

Außerdem emittiert die Photovoltaik-Industrie Treibhausgase wie Hexafluorethan, Nitrogentrifluorid und Schwefelhexafluorid. Diese sind laut dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen IPCC 10.000- bis 23.000-mal klimaschädlicher als CO2. Die Solarzellenindustrie ist einer der größten Treibhausgasemittoren überhaupt.

Ganz generell herrscht die Meinung vor, dass Solarzellen ein Teil der Lösung für die radikalen Klimaherausforderungen sind, mit denen wir konfrontiert sind. Aber es gibt leider keinen wissenschaftlichen Beleg für die weitverbreitete Behauptung, Solarzellen seien eine kohlenstofffreie Technologie. Eine in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlichte Untersuchung von Richard York (Universität Oregon) deutet auf das genaue Gegenteil hin: In der Praxis gleicht der Einsatz von Solarzellen weder die Nutzung fossiler Brennstoffe noch den Kohlenstofffußabdruck aus. Solarzellen verbrauchen fossile Brennstoffe beim Abbau der Rohstoffe für ihre Komponenten sowie bei Herstellung, Einrichtung und Wartung. Außerdem erlauben sie keinen Verzicht auf herkömmliche Stromgewinnungsanlagen, die parallel Strom zuliefern, oder auf Speichervorrichtungen wie Batterien, was zusätzlich die Umwelt belastet. Solarzellen sind zudem nicht billig. Sie sind sogar sehr teuer. Der hohe Preis von Solarzellen ergibt sich aus dem der fossilen Brennstoffe, die im Hintergrund zu ihrer Herstellung erforderlich sind. Sonnenenergie ist erneuerbar. Solarzellen nicht.

Als ich mich an das Projekt wagte, meinem Kunden ein neues Solarhaus zu bauen, hatte ich eines nicht verstanden: Sein altes Haus mit den beiden Eichen war ein Solarhaus! Aber das Schlagwort der "alternativen Energie" hat die öffentliche Meinung derart geprägt, dass einfachste und nachhaltigste Lösungen übersehen und schon gar nicht gefördert werden. All diese hochgelobte Produktion alternativer Energie dient dazu, uns vom Dilemma abzulenken, mit dem wir konfrontiert ist: Wir leben auf einem Planeten, auf dem zu viele Menschen generell zu viel konsumieren.

Die einzige tatsächlich "saubere" Energie ist Energie, die nicht verbraucht wird.

Der echte Knackpunkt ist das weltweite Wirtschaftswachstum, das mit wachsender Bevölkerung und steigendem Konsum einhergeht. Hier muss hinterfragt werden, und hier liegen die Lösungen. Sind Solarzellen ein Schritt in diese Richtung, oder sind sie nur Symptom, aber nicht Ursache unserer "Krankheit"?

Die grüne Technologie zwingt uns einen Tunnelblick auf. Sie lenkt uns ab und bringt unsere edelsten Absichten auf den falschen Kurs. Aber vor allem schränkt sie unser kritisches Hinterfragen generell ein. Wir stellen Solarzellen aus dem gleichen Grund nicht infrage, aus dem wir in der Kirche nicht ums Wort bitten. Wir sind zu Aposteln der Götter des modernen Umweltbewusstseins geworden: Solarzellen, Windturbinen, Biobrennstoff und Elektroautos.

Unterm Strich sind wir nur berechtigt, umweltkritische Fragen zu stellen, wenn diese weder das Wirtschaftswachstum noch das kapitalistische Unternehmertum oder Produkte betreffen, die patentiert und verkauft werden könnten. Als moderne Umweltbewusste dürfen wir gegen das Verlegen von Pipelines und den Bau Kernkraftwerken protestieren, aber nicht gegen das Bevölkerungswachstum und den wachsenden Konsum, der die Ressourcenausbeutung aufrechterhält. Wir dürfen Windturbinen zwar gegen Kohle, aber nicht gegen Energiesparen aufwiegen. Wir dürfen "grüne" Unternehmen gründen - solange wir das Wachstum an sich nicht infrage stellen.

Aber verstehen Sie mich nicht falsch! Ich behaupte keinesfalls, alle Antworten zu kennen. Ich bin nur ein x-beliebiges Mitglied des "Suchkommandos". Es scheint, als gäbe es eine ganze Menge unbeantworteter Fragen - und, mehr noch, eine ganze Menge nicht gestellter Fragen. Aber genau darin liegt auch die Chance. Wir dürfen den verführerischen Märchen der grünen Technologie nicht erliegen, sonst werden wir nicht als Helden, sondern als Verrückte in die Geschichte eingehen.

Wir wären die Generation, die eine kritische Hinterfragung unterband, um rasch noch die letzten ökologischen Katastrophenmaschinen zu bauen. (Ozzie Zehner, DER STANDARD, 5.7.2013)

Ozzie Zehner ist Visiting Scholar an der University of California in Berkeley und Autor von "Green Illusions: The Dirty Secrets of Clean Energy and the Future of Environmentalism". Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Zukunftschannels Arte Future.

Share if you care.