System Kremsmünster bleibt straflos

Kommentar der anderen4. Juli 2013, 18:54
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Das Urteil gegen Pater A. mag hart gewesen sein. Dass es der aktuelle Abt begrüßt, empfindet ein Altkremsmünsterer als geschmacklos. Denn den Boden, auf dem der Missbrauch gedeihen konnte, tangiert es nicht

Von September 1963 bis Juni 1971 war ich Zögling im Stift Kremsmünster, zwei Jahre davon unter dem jetzt als Haupttäter zu einer drastischen Haftstrafe verurteilten Pater A., die ihn wohl auf den Friedhof begleiten wird. Zugleich war der Verurteilte mein Musikprofessor, Chorleiter bei zwei Chören und Orchesterleiter.

"Lieblinge" des Pater A.

Wir - und dazu gehörte auch der jetzige Abt des Stiftes als mein Klassenkollege - hatten zwar dumpfe und diffuse Ahnungen, was da mit den "Lieblingen" des Pater A. sein könnte, aber doch kein wirkliches "Wissen" darüber, nur in Vorstellungen und Fantasien. Natürlich wollte man diese "Lieblinge" des Präfekten aber nicht beschämen, deshalb verschwand das Ganze dann letztlich doch im diffusen Dunkel der Verdrängung. Die nichtsexuellen körperlichen Übergriffe waren - bis auf die sadistische Lust, die Pater A. dabei verriet - damals weithin verbreitet. Geprügelt und geschlagen haben viele dieser frommen (und auch weltlichen) Herren.

Nun waren aber - und da wird die Sache undurchsichtig - Pater A.s Übergriffe und die seiner Mittbrüder schon länger bekannt und führten ja auch zu Maßnahmen des Stiftes gegen ihn und andere Mönche. Allerdings meint der Abt (Ambros, weltlich Karl Ebhart, Anm.) weiterhin, verständlich machen zu können, dass er wirklich bis 2010 nichts gewusst hätte, ja dass er von Pater A. über dessen Missbrauchsverhandlung im Jahr 2008 nicht informiert worden sei.

Kette von Unterlassungen

Merkwürdig, vor allem vor dem Hintergrund, dass Pater A. bereits 1995 wegen Missbrauchsverdachts als Konviktsdirektor abberufen worden war. Das heißt, dass es eine Kette von Unterlassungen geben muss, durch die die Sache von des jetzigen Abts Vorgänger einfach zu wenig ernst genommen, nicht konsequent genug verfolgt wurde und dadurch möglicherweise auch neuerliche Übergriffe geschehen konnten.

Deshalb finde ich es geschmacklos, lieber Klassenkollege Abt Ambros, wenn nunmehr das Urteil "begrüßt" wird (abgesehen davon, dass bei aller völlig unbestrittenen Verurteilensnotwendigkeit schweren sexuellen Missbrauchs ein Totschläger im Affekt günstiger davonkommt).

Warum? Auf derselben ORF-Webseite, auf der die "Begrüßung" des Urteils zu lesen ist, ist nämlich pikanterweise auch vom "System Kremsmünster" die Rede, was bedeutet, dass das Stift sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen kann: Ich gehöre zu jenen, die in der Öffentlichkeit auch immer wieder die positiven Erfahrungen mit Kremsmünster artikuliert haben, die es in diesem System auch gab. Aber insgesamt waren eine autoritäre "pädagogische Kultur" und repressive pseudoreligiöse Unterweisungen an der Tagesordnung, wodurch das Stift den Tätern das Feld bestellt hat. Ich frage mich, ob auch die unter Verjährung fallenden Täter das Urteil "begrüßen" oder ob sie sonst irgendwie Abbitte tun, dass sie so glimpflich davongekommen sind?

Absurdes Abputzen an drastischer Verurteilung

Das Begrüßen des Urteils durch den höchsten Repräsentanten dieses Systems ist deshalb irgendwie absurd: Könnte es vielleicht die Funktion haben (und das wäre für diese Gottesmänner auch heute noch sündhaft), sich quasi an diesem einzelnen Täter - es gab wie gesagt eine Reihe anderer - und seiner drastischen Verurteilung abzuputzen? Sicher, man lässt eine Studie über die Vorfälle anfertigen (die es über die fast deckungsgleichen Vorfälle im bayrischen Kloster Ettal schon gibt), zahlt die immer wieder erwähnten 700.000 Euro an Entschädigungen, aber man wehrt sich zum Beispiel, in aller gebührenden Demut, dem von vielen Opfern ergangenen Vorschlag eines "Mahnmals" im Stift zu folgen. Dabei könnte ein solches ein sichtbares institutionelles Eingeständnis der Schuld und eine Warnung darstellen, dass so etwas auf diesem Boden nie wieder geschehen sollte.

Es ist diese offensive Kultur des Zugehens auf die Opfer und des Eingeständnisses institutioneller Verfehlungen und Unterlassungen, die mir als Altkremsmünsterer fehlt. Und mich stört, dass man zu wenig eingesteht, dass auch die Institution selbst und die für sie Verantwortlichen mit einem pädagogischen System, kollektiven Erziehungshaltungen und unhinterfragbarem Autoritarismus Schuld auf sich geladen und den Boden für solche Taten bereitet haben.

Schwierige Erfahrung

Das macht es auch schwieriger, auf die Erfahrungen von Bildung und kulturellem Engagement (an dem übrigens gerade auch der Verurteilte beteiligt war) und die wir mitbekommen haben, wirklich positiv zurückblicken zu können. Insofern "schadet" diese Haltung der Verantwortlichen auch jenen, denen keine Übergriffe passiert sind. Immerhin waren es acht Jahre meiner und meiner Kollegen Kindheit und Jugend, die mit diesem Makel behaftet sind.

Dies lässt sich auch durch eine hohe Haftstrafe für den manifesten Haupttäter nicht wegwischen. Das System Kremsmünster bleibt jedenfalls straflos und ohne mahnendes Gedenken. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, 5.7.2013)


Josef Christian Aigner ist Psychoanalytiker und Erziehungswissenschafter an der Universität Innsbruck. Er forscht insbesondere über Grundlagen der Psychoanalyse in der Erziehungswissenschaft und über Väter und Männer in der Erziehung.


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    Stift Kremsmünster: In der Erziehungsanstalt soll es nach dem Willen des aktuellen Abtes keine Gedenkstätte für die Missbrauchsopfer geben.

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