Freude in den Golfmonarchien - außer in Katar

Analyse4. Juli 2013, 20:35
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Die Muslimbruderschaft ist bei den Golfmonarchien traditionell schlecht angeschrieben. Am Dienstag wurden in den Vereinigten Arabischen Emiraten 69 Islamisten wegen Umsturzplänen verurteilt, hinter denen die Muslimbrüder gestanden sein sollen

Saudi-Arabiens König Abdullah war der Erste, der gratulierte: Er wünschte nicht nur dem neuen Staatschef Adly Mansur Glück, sondern "schüttelte auch den Männern der Streitkräfte die Hände (...), die Ägypten in diesem kritischen Moment aus einem finsteren Tunnel retteten, dessen Dimensionen Gott allein kennt". Die Beziehungen zwischen dem wahhabitischen Königreich und der ägyptischen Muslimbrüder-Führung waren in den vergangenen Monaten überaus angespannt gewesen. Die schnelle Reaktion aus Riad ist noch eine nachträgliche Ohrfeige für den gestürzten Präsidenten Mohammed Morsi und die Führung der Muslimbrüder.

Den Salafisten - der Wahhabismus ist die salafistische saudi-arabische Lokalvariante - war das politisch revolutionäre Element der 1928 in Kairo gegründeten Bruderschaft immer suspekt. Ihr allein wird die Radikalisierung, die zu Phänomenen wie Al-Kaida führte, angelastet (was natürlich eine Vereinfachung ist). Die deutlichste öffentliche Verurteilung eines saudischen Offiziellen stammt vom im Vorjahr verstorbenen Innenminister und Kronprinzen Nayef: Die Muslimbruderschaft sei das Schlimmste, was dem Islam widerfahren konnte.

Diesen Ton greifen in diesen Tagen arabische Medien am Persischen Golf auf, wenn sie von dem großen Islamistenprozess in den Vereinigten Arabischen Emiraten berichten, bei dem am Dienstag 69 Schuldsprüche wegen Umsturzplänen gegen Mitglieder der Islah-Partei fielen - die als Muslimbrüder-Frontorganisation gilt: "Wir wollen euren politischen Islam nicht, geht woanders hin, um Chaos zu stiften!", schrieb eine emiratische Tageszeitung. Auch in Kuwait wird allzu aktive Opposition von Islamisten immer wieder dem Muslimbrüder-Einfluss zugeschrieben.

Strategisch wichtig

Den republikanischen Muslimbrüdern werden also einerseits Verschwörungsgelüste in den Golfmonarchien nachgesagt. Ganz allgemein wird jedoch die Stabilität Ägyptens als strategisch entscheidend für die arabischen Golfstaaten angesehen: als starker und verlässlicher Partner gegen den Iran. Morsi hat sich zwar von den Avancen, die aus Teheran kamen, nicht umgarnen lassen, den Saudis galt er dennoch als unsicherer Geselle.

Eine Ausnahme in dem Anti-Muslimbrüder-Reigen ist das - eigentlich wahhabitische - Emirat Katar: Prompt gehörte am Mittwochabend das Al-Jazeera-Büro in Kairo zu jenen Sendern, die von der Armee als Morsi-freundlich gestürmt wurden. Der katarische TV-Sender schickte sich gerade an, von einer Pro-Morsi-Demonstration zu berichten, die Übertragung wurde gestoppt.

Bei Al-Jazeera ist ja der wahrscheinlich einflussreichste Muslimbruder weltweit beheimatet: der ägyptischstämmige Scheich Yussuf Qaradawi, der nach dem Sturz Hosni Mubaraks auch regelmäßig in sein Heimatland zurückgekehrt war. Der im Juni abgetretene Emir Hamad hatte keinerlei Berührungsängste mit den Brüdern. Allerdings hat es in den vergangenen Wochen immer wieder Gerüchte über ein Zerwürfnis zwischen dem jungen Emir Tamim und Qaradawi gegeben - sogar von einer Ausweisung war die Rede -, Bestätigungen dafür gibt es jedoch nicht.

Riads Botschaft an Doha

Jedenfalls ist die offene saudische Genugtuung über den Sturz Morsis auch eine Botschaft an Doha. Katar war am Schluss der einzige Golfstaat gewesen, auf dessen finanzielle Unterstützung Morsi mit seiner katastrophalen Wirtschaftspolitik setzen konnte: wobei das Verhältnis laut Kritikern auf einen Ausverkauf Ägyptens an die reichen Katarer hinauslief. Aber die Botschaft hat auch mit Syrien zu tun: Katar setzt ja im dortigen Konflikt gemeinsam mit der Türkei auf eine führende Rolle der syrischen Muslimbruderschaft nach dem Sturz Bashar al-Assads - zum Unmut Riads. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 4.7.2013)

  • Der Reifen, den Demonstranten halten, symbolisiert den gestürzten Mohammed Morsi: Er war bei den Präsidentschaftswahlen im Mai und Juni 2012 nur als "Reserverad" angetreten.
    foto: ap photo/nasser nasser

    Der Reifen, den Demonstranten halten, symbolisiert den gestürzten Mohammed Morsi: Er war bei den Präsidentschaftswahlen im Mai und Juni 2012 nur als "Reserverad" angetreten.

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