Wenn der rechte Rand lockt

5. Juli 2013, 05:30
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Von der Gesellschaft wenig beachtet, finden viele Jugendliche Halt im Extremismus

Da sind sie wieder, die T-Shirts, die mich nachdenklich stimmen. "Glücklich, wer sich Türke nennt!", ist da zum Beispiel zu lesen. Ein alter Leitsatz aus der Zeit Kemal Atatürks. Auf einem anderen Bekleidungsstück ist das Großtürkische Reich eingezeichnet. Aber auch andere "patriotische Symbole" werden zur Schau gestellt. Und mit ihnen auch Zeichen, die als rechtsextrem oder mindestens nationalistisch einzustufen sind. Dazu gibt es Accessoires: silberne Anhänger, Gürtelschnallen, Kappen, Pullover und vieles mehr. Wir versuchen all das - so gut wir können - von unserer Einrichtung fernzuhalten. Im öffentlichen Raum sind sie trotzdem weiterhin präsent.

Einige Kids, mit denen ich mich intensiver auseinandersetze, nehmen ohne große Bedenken nationalistische Botschaften auf und verbreiten halbmystische Geschichten untereinander. Da gibt es zum Beispiel widerholt die Erzählung vom Krieger, der sich wacker durch die gesamte Weltgeschichte kämpft, um die Ehre seines Landes zu verteidigen. Die Geschichte ist gewissermaßen austauschbar, doch jeder beansprucht sie für sich.

Bei anderen stelle ich eine oberflächliche Sympathie für die stark mystifizierte Figur Adolf Hitlers fest. Es ist keine ernsthafte, tiefgründige Bewunderung, die auf einem radikalen Grund fußt, wie es oftmals bei organisierten Extremisten der Fall ist. Vielmehr gründet sie auf lückenhaften Informationen, die die Jugendlichen im Laufe der Zeit angehäuft haben und die weit von der historischen Realität entfernt sind. Ein Gutteil jener, mit denen ich zu tun habe, weiß wenig bis gar nichts über den Nationalsozialismus. Der Großteil hatte bislang aber auch keinen Unterricht zum Thema. Noch bevor dieser Abschnitt der Zeitgeschichte auf dem Unterrichtsplan auftaucht, haben sie sich in den Köpfen ein Bild und einen Standpunkt geformt.

Ältere Jugendliche reagieren, wie mir scheint, aus purem Trotz: Sie fühlen sich nach wie vor gesellschaftlich unbeachtet, geächtet und finden im Nationalismus oder radikalen Islamismus neues Selbstbewusstsein. (red, daStandard.at, 5.7.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

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Nationalismus mit Migrationshintergrund

  • Das Großtürkische Reich. Augenommen auf einer Demonstration in Wien im Jahr 2011.
    foto: dastandard.at

    Das Großtürkische Reich. Augenommen auf einer Demonstration in Wien im Jahr 2011.

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