Tanz der missbrauchten Kinder

4. Juli 2013, 17:24
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Dreifacher Auftakt des Salzburger Sommerszene-Festivals im Republic, das bis 13. Juli dauert: Man sah spannende wie auch beunruhigende Arbeiten von Boris Charmatz, Ragnar Kjartansson und Studio 5

Salzburg - Alles, was präzise auf den Punkt gebracht werden soll, landet an einem unruhigen Ort. Diese Einsicht ist die Quintessenz aus dem Animationsfilm Der springende Punkt des unter dem Label Studio 5 arbeitenden Künstlerpaars Andrea Maurer und Thomas Brandstätter. Der Experimentalstreifen ist Teil des Programms zum Auftakt des bis zum 13. Juli dauernden Festivals Sommerszene Salzburg. Dessen neue Intendantin, Angela Glechner, hat sich für die Eröffnung ihrer ersten Kuratierung unter dem Motto "You Are Here" eine auf den ersten Blick zufällig wirkende Konstellation ausgedacht. Neben Studio 5 ist das der isländische Künstler Ragnar Kjartansson mit seiner Videoinstallation The End und das Stück enfant des französischen Choreografen Boris Charmatz.

Charmatz hatte seinen künstlerischen Durchbruch bereits mit 19 Jahren. Und während des Großteils seiner seither zwei Jahrzehnte dauernden Karriere galt er mit Jérôme Bel und Xavier Le Roy als eines der Enfants terribles des französischen Gegenwartstanzes. Auch enfant wurde nach seiner Uraufführung 2011 in Avignon von vielen als "terrible" angesehen. Kein Wunder, denn der Künstler berührt da einen wunden Punkt der europäischen Gesellschaften.

In diesen bildeten Kinder die über Jahrhunderte bei weitem meistmissbrauchte Gruppe. Die Liste der Gewohnheitsverbrechen an ihnen ist - aktuelles Stichwort: Anstalt Wilhelminenberg - lang. Und sie reicht bis ins Heute weiter, wenn nun schon die Kleinsten von einer gnadenlosen Konsum- und Manipulationsmaschinerie eiskalt ausgebeutet werden. Bei der dadurch entstandenen Verstimmung setzt enfant an. Eine schwarze Bühne. In der Mitte eine Apparatur, die wie ein überdimensionales, absurdes Fitnessgerät aussieht. Daneben steht ein Kran. Das ergibt eine mechanische Installation, die unser technokratisches System symbolisiert. Der Kran fischt sich erst zwei Tänzer, dann schüttelt das "Fitnessgerät" drei wie paralysiert darauf liegende Erwachsene durch.

Tänzer als Maschinen

In enfant treten neun erwachsene Tänzer auf. Kaum der eigenen Lähmung entronnen, übernehmen sie die Funktionen der Maschinen. 13 sechs- bis neunjährige Kinder werden auf die Bühne getragen, gezogen, geschoben. Ihre Körper sind ganz schlaff. Die Großen spielen sich mit ihnen wie mit Puppen. Ihr Spiel- und Manipulationsverhalten wird zunehmend aggressiver. Da kommt erstmals Sound aus Lautsprechern. Was sich erst wie Vogelgeschrei anhört, entpuppt sich als Kinderstimmengewirr, in das Michael Jacksons Song Billy Jean eindringt. Doch schnell wird das Lied in seine Tonspuren zerlegt, verwandelt sich in ein Monster aus misstönenden Trümmern.

Als das unheimliche Quäken und Jaulen eines Dudelsacks erklingt, erwachen die Kinder. Die Erwachsenen dagegen regredieren. Sie verhalten sich immer infantiler, während die Kleinen umherlaufen, zupacken und zunehmend das Regiment übernehmen. So werden sie erwachsen, während der Sackpfeifenspieler auftritt, umherirrt und kopfüber am Kran hängend verstummt.

In diesem mit enthusiastischem Applaus bedachten Stück zeigt Charmatz mit der ihm eigenen Meisterschaft etwas vor, das erst vom Publikum auf den Punkt gebracht werden muss. Sein Statement ist klar, doch das Fehlen jeder didaktischen Geschlossenheit darin ermöglicht es den Zuschauern, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Das ist der springende Punkt bei enfant: jener unruhige Ort, wie ihn Maurer und Brandstätter als ironische Darstellung der Wissenschafts- und Geistesgeschichte auf die Filmleinwand projizieren.

Dazu passend dann Ragnar Kjartanssons Installation The End, in der auf sechs Videoscreens zu sehen ist, wie Musiker in der Kälte einer Schneelandschaft verweilen, um dort ihre Träume erklingen zu lassen. Einsame Leute mit komischen Bibermützen auf den Köpfen, die sich in eine ungerührte Natur einbringen und dort Fremde bleiben. Der kühle Ausstellungsort - die Kavernen 1595 im Mönchsberg - verstärkt die Stimmung noch. Wer auch Kjartanssons mit dieser Arbeit verwandte Installation The Visitors, die bis vor kurzem bei TBA21 in Wien gezeigt wurde, gesehen hat, wird den leisen, in Details versteckten Spott dieser beiden Emotionspartituren umso plastischer erfahren.

Der Weg zu Der springende Punkt von Studio 5 im Mönchsberg führt durch Kjartanssons Arbeit. Er endet in einer noch kälteren, engen Kaverne im Berg. Eine kurze Passage im Film zeigt junge Leute, die ziellos große Punkte durch einen Wald tragen. Das ist beunruhigend, aber einleuchtend. Wie enfant und The End. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 5.7.2013)

Kjartansson, Studio 5: bis 12. 7.

  • "enfant".
    foto: szene salzburg/kirchner

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